Die zweite Spielzeit spiel ich alleine

Roman | Verena Boos: Kirchberg

Eine Frau verliert ihre Gesundheit, ihre große Liebe, eine sichere Zukunft. Erschöpft und ernüchtert kehrt sie in ihr Heimatdorf zurück und sucht Unterschlupf im Haus ihrer Kindheit. In ihrem zweiten Roman ›Kirchberg‹ kartographiert Verena Boos die mehrfach verschlungenen, häufig gebrochenen Lebenslinien und Lebensentwürfe mehrerer Generationen. Von INGEBORG JAISER

verena boos kirchberg 9783351036904 - 350Es ist Herbst, als Hanna in ihren Heimatort Kirchberg zurückkehrt, einem kleinen schwäbischen Dorf zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb. Mühsam hangelt sie sich die steilen Treppenstufen zum Berg hinauf und öffnet die Tür zum verwaisten Haus ihrer Großeltern, das nun ihr Haus ist. Verlassenheit, Stille, das »Licht im Raum wie stäubendes Mehl«. Doch nicht nur Melancholie und Beklommenheit überschatten diese Rückkehr, sondern ein ganz anderes Handicap.

Hanna kommt nicht als Erfolgreiche, Arrivierte an, sondern als Versehrte, nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt und der Sprache beraubt. In dieser Abgeschiedenheit, weit entfernt von ihrem letzten Wohnort Berlin und einer Zukunft in Harvard, sucht sie nun Unterschlupf und Rückzug. »Man hat über Jahrhunderte die Dorfdeppen irgendwie durchgebracht, auch, indem man sie in Ruhe machen ließ. Hanna will in Ruhe gelassen werden. Sie will in Ruhe schweigen können.«

Reise ins Fegefeuer

Stück für Stück, in Zehnjahresschritten, wird Hannas Leben vor uns aufgeblättert. Da sich Maria, die leibliche Mutter – zwischen folkloristischem Hippietum und Jetset schwankend – außerstande sieht, ein Kind aufzuziehen, wächst Hanna bei ihren Großeltern im mächtigen Schulhaus auf, zwischen dem erdverbundenen Bauerngarten der Großmutter und der weltoffenen Belesenheit des Großvaters. Später schlägt sie eine wissenschaftliche Laufbahn ein, hangelt sich ehrgeizig von einer Konferenz zur nächsten, von einem Auslandsaufenthalt zum nächsten Stipendium, steht schließlich kurz vorm Abschluss ihrer Habilitation – als sie der Schlag trifft.

»Ihr Handwerk war die Sprache, die eigene und jene der anderen, geschrieben und gesprochen, sie war ihr Thema und ihr Werkzeug und ihr Zeitvertreib.« Welch Ironie des Schicksals, dass nun gerade eine Frau des Wortes verstummt. »Als der Schlaganfall wie eine Bombe zündete, zerstörte er nicht so sehr den Wortspeicher als vielmehr den Zugriff darauf, die Kombination von Lauten zu Sinn, er traf nicht das Magazin, sondern die Logistik.« Im Alter von 40 Jahren, mitten im Leben, kurz vorm Start in die »zweite Spielzeit«.

Alphabet des Nichts

Verena Boos, deren vielbeachtetes Debüt Blutorangen begeistert aufgenommen und mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet wurde, vermag es auch mit ihrem zweiten Roman ›Kirchberg‹, einen ganz besonderen Sound anzuschlagen. Sie schafft es, mit wenigen Worten – mal sprunghaft dynamisch, mal verhalten poetisch, aber immer treffsicher – eine Szenerie, eine Stimmung heraufzubeschwören.

Wer die Gegend um Verena Boos Geburtsort Rottweil kennt, wird in Kirchberg etwas von der schwäbischen Behäbigkeit wiederfinden, nicht nur in den skizzierten Charakteren, auch in den sorgsam gestreuten Suebizismen, die sich heilend um die beschädigte, lädierte Romanfigur Hanna schmiegen: »Käpsele«, »Butzele«, »Mockel«. Zum Innehalten gezwungen, saugt Hanna die Sprache, die Landschaft, die Ausblicke in sich auf. »Sie hat alle Zeit der Welt für den kleinsten Scheiß. Was anderes ist ihr nicht geblieben.« Selten sind die Folgen eines Schlaganfalls so plastisch und drastisch wie in diesem Roman geschildert worden – doch kühl, ohne Weinerlichkeit.

Kartographie unsichtbarer Spuren

Dass man ›Kirchberg‹ nicht (nur) als Heimatroman lesen kann, liegt an der Verquickung von Historie, Herkunft, Migration – und nicht zuletzt an der allumfassenden Rolle der Liebe, auch wenn sie sich zuweilen als »Karussell aus Anhänglichkeit und Abweisung, Vertrauenwollen und Rückzug, aus radikaler Nähe und sehnsuchtsvoller Distanz« offenbart.

Der Großvater Erich: Sohn einer Heimatvertriebenen. Die Jugendliebe Patrizio: assimilierter Spross des örtlichen Pizzabäckers. Die obsessive Leidenschaft Leo: ein unerreichbarer Wanderer zwischen Orten und Bestimmungen. Die Unterkunft in Berlin: eine prekäre Not-Wohngemeinschaft zur gemeinsamen Finanzierung überteuerter Mietpreise. Die wissenschaftliche Community: »eine Stichprobe des internationalen akademischen Jetsets, mindestens die Hälfte arbeitete nicht im eigenen Land, nicht in der eigenen Sprache, eine Gruppe von Expats, unter denen das Wort Freundschaft verschwenderisch verwendet wurde.«

Wo die Sprache an ihre Grenzen gerät, entsteht Raum für weitere Ausdrucksformen. Nicht umsonst erschafft das Zeichentalent Patrizio ein riesiges Panoramabild als »Landkarte einer kollektiven Erinnerung. Eine Kartographie unsichtbarer Spuren.« Und da Musik immer eine wichtige Rolle spielt, gibt es sogar eine eigene Playlist zu ›Kirchberg‹. Reinhören!

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Verena Boos: Kirchberg
Berlin: Aufbau Verlag 2017
366 Seiten. 22.- Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Sublimation

Nächster Artikel

Schwere Bürde Verantwortung

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Die letzte Jagd

Roman | Elisabeth Herrmann: Schatten der Toten Mit Schatten der Toten beendet die Berliner Autorin Elisabeth Herrmann ihre Trilogie um die Tatortreinigerin Judith Kepler. Noch einmal bringt sie alle Figuren zusammen, die in den beiden vorangegangenen Bänden eine Rolle spielten: Ost- wie Westagenten aus den Zeiten des Kalten Krieges, ihren nach dem Untergang der DDR unter dem Namen Bastide Larcan in den internationalen Waffenhandel abgetauchten Vater, den Undercover-Ermittler Frederick Meißner und dessen Tochter Tabea, Judiths Chef Klaus-Rüdiger Dombrowski, der für sie fast mehr empfindet als für die eigenen drei Töchter, und die inzwischen vom BND zum Verfassungsschutz gewechselte Isa Kellermann,

Eine Liebe am Wattenmeer im Zeichen des Klimawandels

Roman | Kristin Höller: Leute von früher

»Als sie Strand zum ersten Mal betrat, zwickte ihr Unterleib, und sie spürte, dass sie zu bluten begann. Sie hatte keine starken Schmerzen, bemerkte kaum Stimmungsschwankungen, ab und zu vergaß sie sogar, dass sie einen Zyklus hatte. Ihr Körper funktionierte und war unauffällig, aber so hatte sie nie gelernt, in sich hineinzuhorchen.« In ihrem zweiten Roman schickt die Autorin ihre Protagonistin Marlene als Saisonkraft in das Erlebnisdorf »Strand« auf eine der Restinseln der längst untergegangenen gleichnamigen Nordseeinsel, die mitsamt dem dort gelegenen berühmten Handelsort Rungholt einst vom Meer überflutet wurde, bei der verheerenden Sturmflut im Jahre 1362. Von Rungholt erzählt auch Barbara, eine ältere Arbeitskollegin Marlenes, und das Magische und Gruselige durchzieht den ganze Roman Höllers. Von DIETER KALTWASSER

Sex, Lügen und Machtspiele

Roman | Anna Prizkau: Frauen im Sanatorium

Gebrochene Biographien, Missbrauchserlebnisse und seelische Verwundungen zeichnen alle Frauen im Sanatorium aus. Doch was den Anschein einer Heilanstalt zu wahren versucht, entpuppt sich als Brutstätte für Lügen und trügerische Behauptungen. Anna Prizkaus Debütroman spielt virtuos mit vielstimmigen Versionen von Lebensentwürfen und ihrem Scheitern. Von INGEBORG JAISER

Fröhlich durch den Diskursdschungel

Roman | Mithu M.Sanyal: Identitti

»Das letzte Mal, als ich den Teufel gesehen habe, war er nackt, sichtlich sexuell erregt und eine Frau. So viel zu sozialen Gewissheiten.« Mit diesen Sätzen beginnt der fulminante Debut-Roman von Mithu M.Sanyal, und sie sind Programm: Am Ende der Lektüre haben wir als Leser*innen viele unserer sozialen Gewissheiten in Frage gestellt. Von SIBYLLE LUITHLEN

Was am Ende zählt

Roman | Julian Barnes: Die einzige Geschichte Am Lebensherbst angekommen, stellt sich jeder unweigerlich die Frage nach Liebe und Reue. Paul liebt eine 30 Jahre ältere, verheiratete Frau. Doch er bereut seine Liebesgeschichte nicht, denn – wie er von ihr lernt – es ist die einzige Geschichte, die zählt. Von MONA KAMPE