Abgeschoben ins Ungewisse

Roman | Katja Lange-Müller: Drehtür

»Irgendwann saß ich senkrecht in meinem Bett und dachte, was wäre eigentlich aus dir geworden, wenn du weiter im Krankenhaus gearbeitet hättest? Das war die Initialidee für das Buch«, hatte die Berliner Schriftstellerin Katja Lange-Müller in einem Interview über das Entstehen ihres neuen Romans ›Drehtür‹ berichtet. Von PETER MOHR

drehtuerAnfang der 1970er Jahre hatte die gelernte Schriftsetzerin als Hilfskrankenschwester in der geschlossenen Psychiatrie gearbeitet, und die Bewältigung ihres ersten Todesfalls während einer Nachtschicht soll sie zum Schreiben gebracht haben. 1984 war Katja Lange-Müller, Tochter einer einflussreichen SED-Politikerin, in den Westen übergesiedelt, hatte zwei Jahre später den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten und gehört seitdem – trotz ihres nur schmalen Œuvres – zu den renommiertesten deutschsprachigen Autorinnen.

Die Protagonistin Asta Arnold steht rauchend vor einer Drehtür am Münchner Flughafen. Sie ist gerade von einer großen Hilfsmission aus Managua zurückgekommen – desillusioniert, denn irgendwann war ihre Hilfe unerwünscht. Sie hatte »kettenrauchend und gedankenverloren, ja, wie weggetreten, stundenlang in unserem Pausenraum herum gesessen«, beschwerten sich ihre Kolleginnen bei der Krankenhausverwaltung. Nach 22 Jahren steht für sie die Rückkehr ins deutsche Leben an – die Drehtür am Flughafen fungiert als Schwelle in eine ungewisse Zukunft. Abgeschoben aufs Altenteil, eine lebenslange Helferin, die nun selbst Hilfe bitter nötig hätte und mit ihrem Gefühl der Nutzlosigkeit allein fertig werden muss.

Asta, die uns leicht abgewandelt schon im  2003 erschienenen Erzählband ›Die Enten, die Frauen und die Wahrheit‹ begegnete, »leidet« an einem ausgeprägten Helfersyndrom. Sie hatte einst zu DDR-Zeiten einen Koch aus Nordkorea mit starken Zahnschmerzen von der Straße aufgelesen, hatte Hilfsaktionen für die Mongolei, Rumänien, Bolivien und Indien organisiert. Nur ihr eigenes (privates) Leben bekam sie zeitlebens nicht in den Griff. Asta ist, so wie ihre geistige Schöpferin Katja Lange-Müller kürzlich freimütig über sich selbst einräumte, »bindungsschwach«. All ihre Liebschaften endeten chaotisch – ob mit dem Österreicher Kurt, mit Maler Georg oder Entwicklungshelfer Manfred.

Die Protagonistin sucht nach ihrer unfreiwilligen Rückkehr nach Deutschland in den Gesichtern der ihr fremden Menschen nach Geschichten, nach Erinnerungen, nach Assoziationen, und es geht auch um die bedächtige Wiederaneignung der Sprache. Vokabeln wie »Heimat«, »Vaterland«, »Urlaub« oder »Gesundheitswesen« sind ihr fremd geworden und lösen ein spürbares körperliches Unwohlsein aus.

»Der Helfende ist immer in der überlegenen Situation. Das macht den, der Hilfe braucht, klein. Es entsteht sofort eine Hierarchie«, heißt es äußerst zutreffend im Roman. Um so zu helfen, dass die Hilfe auch effektiv ist, bedarf es großer mentaler Stärke. Die Grenzen zwischen lediglich gut gemeint und wirklich gut gemacht sind fließend.

Als Kontrastfigur zu Asta lernen wir in einem erzählerischen Schlenker Tamara Schröder kennen, eine ambitionierte linke Entwicklungshelferin, die aufgehört hat, Romane zu schreiben und als Krankenschwester in eine Klinik zurückgekehrt ist.

»Kein Geld, kein Zuhause, keine Familie, keine Freunde, keine Perspektive.« So unpathetisch, aber dafür mit ungeschminkter Härte beschreibt Katja Lange-Müller, die Anfang des Jahres ihren 65. Geburtstag gefeiert hat, die Zukunftsaussichten ihrer Anti-Heldin Asta. Das Erinnern und Erzählen wird zur Überlebensstrategie. Katja Lange-Müller hat die einzigartige Fähigkeit, den schäbigsten Orten, den skurrilsten Typen und den miesesten Lebensbedingungen mit Humor zu begegnen. Das ist nicht platt und wirkt auch nicht aufgesetzt. Das ist große Kunst, fein austariert zwischen Tragik und Komik.

| PETER MOHR

Titelangaben
Katja Lange-Müller: Drehtür
Köln: Kiepenheuer und Witsch Verlag 2016
216 Seiten. 19.- Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Kammerspiel in der Schalterhalle

Nächster Artikel

Die Kunst des Lesens

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Der vierfache Christof

Roman | Jordi Punti: Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz »Wir reduzieren unser Leben auf ein paar Worte, wir vereinfachen es unentwegt, dabei liegt sein wirklicher Sinn in der Komplexität, Widersprüchlichkeit, Ungewissheit« – der katalanische Autor Jordi Punti in einem Interview mit einem richtungsweisenden Fingerzeig für seinen jüngsten Roman Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz. Von PETER MOHR PDF erstellen

Trauer ist wie ein Schatten

Roman | Peter Zantingh: Nach Mattias

Was macht das Wesen eines Menschen aus? Was bleibt zurück, wenn er nicht mehr da ist? In seinem neuen Roman Nach Mattias nähert sich der niederländische Autor Peter Zantingh leichtfüßig, aus verschiedenen Blickwinkeln und doch auf einfühlsame Weise einem sehr elementaren Thema an. Von INGEBORG JAISER

Das Ende vom Anfang

Roman | Tom Cooper: Das zerstörte Leben des Wes Trench Tom Coopers Debütroman ›Das zerstörte Leben des Wes Trench‹ ist ein aggressiv männlicher Aufschrei aus einer geplagten Region. Bis zuletzt spannend beleuchtet er das hoffnungslose Leben in den Sümpfen Louisianas nach dem Wirbelsturm Katrina und einer Ölpest. Dabei vermischen sich Klischees von Coming-of-Age-Romanen, klassischen Abenteuergeschichten und filmische Eindrücke aus zeitgenössischen Thrillern. VIOLA STOCKER versuchte, nicht zu versumpfen. PDF erstellen

Überall Zerrissenheit

Roman | Judith Kuckart: Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück »Ich kenne die Sehnsucht nach dem kleinen Leben, aber auch nach den großen Dingen. Bei wichtigen Gefühlen, auch beim Heimatgefühl, verspürt man solche Zerrissenheit immer«, hatte die heute 56-jährige Autorin Judith Kuckart vor zwei Jahren in einem Interview erklärt und damit schon die seelischen »Befindlichkeiten« der meisten Figuren ihres neuen, bereits achten Romans vorweggenommen.Judith Kuckarts Roman Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück rezensiert von PETER MOHR. PDF erstellen

Verrat, Intrigen und Gewalt

Roman | Mario Vargas Llosa: Harte Jahre

»Guatemala ist wahrscheinlich eines der schönsten Länder der Welt, aber seine Geschichte, vor allem die republikanische, ist auch eine der gewaltreichsten der Welt. Ich glaube, dass man mit gewisser Berechtigung sagen kann, dass der eindeutig von der CIA organisierte Putsch gegen Árbenz damals die Möglichkeiten eines großen demokratischen Wandels in Lateinamerika stark verringert hat«, erklärte Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa bei der ersten öffentlichen Präsentation seines neuen Romans Harte Jahre in Madrid. Eine Buchbesprechung von PETER MOHR