Trauma

Jugendbuch | Carla Maia de Almeida: Bruder Wolf

In Zeiten von Terrorismus, Krieg, Flucht ist Trauma ein viel gehörtes und viel benutztes Wort geworden. Darüber wird inzwischen leicht vergessen, dass es noch andere Eingriffe in den Alltag gibt, die bei den Betroffenen einen solchen Zustand hervorrufen können. Verarmung in einer normalen Gesellschaft ist ein solcher Eingriff. Carla Maia de Almeida schildert das auf ungewöhnliche Weise und wird dabei mit ebenso ungewöhnlichen Illustrationen von Antonio Jorge Gonçalves unterstützt. Von MAGALI HEISSLER

Almeida Bruder WolfBolota, Krümel, heißt die Erzählerin. »Das ist doch kein richtiger Name«, sagt eine Tante und das ist bereits ein wichtiges Thema der Geschichte. Bolota hat besondere Namen und Bezeichnungen für die Familienmitglieder und ebenso dafür, was mit ihrer Familie geschieht zwischen ihrem siebten und dem fünfzehnten Lebensjahr. Märchenhaft-poetisch sind sie zugleich präzise Charakterisierung. Sie mit den offiziellen Begriffen zu benennen, überfordert das Kind, die Umschreibung macht das Leben leichter.

Früher einmal ging es der Familie gut. Das kennt Bolota aber nur aus Erzählungen ihres ältesten Bruders. Sie nennt ihn Fossil, weil er ihr, dem Nachkömmling, uralt vorkommt und sich überdies in eine eigene Welt eingesponnen hat, fern wie die Urzeit. Die gleichfalls ältere Schwester, Miss Kitty, durchläuft schwierige Teenagerphasen, ihre Mutter hat jetzt drei Jobs und der Vater keinen. Vater ist Schwarzer Elch, Anführer des Stamms. Wenn er nicht der Mann aus Eis ist, was in letzter Zeit immer häufiger vorkommt.

Bolota hängt sehr an ihrem Vater. Die beiden sprechen die gleiche Sprache, finden sich im Verrätseln und Mythologisieren der Wirklichkeit. Realität und Fantasie sind unauflösbar verwoben. Was aber bei Bolota kindliche Magie und Selbstschutz ist, ist für ihren Vater Selbstbetrug. Als Bolota begreift, dass der Schwarze Elch lügt und der Stamm ihm nicht mehr vertrauen kann, ist sie schon mit ihm unterwegs auf der Durchquerung der Großen Wüste, zu einem neuen seiner ewigen Träume. Die Ernüchterung steht bevor, aber die Realität greift auf erschreckende Weise vorher ein.

So vieles in einem und alles unverzichtbar

Was de Almeida erzählt, ist tatsächlich eine ausgebreitete Kindheitserinnerung, die die inzwischen fünfzehnjährige Bolota noch einmal wach werden lässt. Die Worte des Teenagers und die des kleinen Mädchens, das sie war, sind die Worte ein und derselben Erzählerin, eine raffinierte Erzähltechnik, um so mehr für einen Jugendroman. Was das Kind nur gefühlsmäßig erfassen und märchenhaft umschreiben konnte, kann der Teenager nun deuten und mit klaren Worten zum Ausdruck bringen. Zuweilen jedoch ist die Einsicht immer noch so schmerzlich, dass sie es den Leserinnen überlässt, die Schlüsse zu ziehen. Urteile spricht Bolota nicht, dazu fordert sie auch niemanden auf.

Hilfreich beim Erkennen der beiden Fäden im Gewebe von Früher und Heute sind die Farben der Buchseiten, Weiß die Kindheitsereignisse, strahlendes Hellblau für die Jetztzeit. Beliebig sind die Farben ebenso wenig wie die eigenwilligen Namen für Menschen, Dinge, Gefühlslagen. Blau hat eine wichtige Bedeutung für Bolota. Welche, das wird beiläufig erwähnt, wie vieles Wichtige hier. Man muss wachsam sein, wenn man der Fährte des Stamms von Schwarzer Elch folgt.

Die Illustrationen und Vignetten unterstützen die Handlung, ergänzen sie, treten hin und wieder an ihre Stelle. Vor allem aber erzählen auch sie. Was die sparsamen Worte auslassen, vermitteln sie. Das Wort kann hier nicht ohne Bild, das Bild aber auch nicht ohne Wort und beide nicht auf die Farbe verzichten. Ein Jugendbuch als Gesamtkunstwerk, also. Das setzt neue Standards.

Die Stärke der Menschen

Die Erfahrungen, die die kindliche Erzählerin macht, sind nicht nur verknüpft mit einer sinnlichen Erfahrung der Umwelt, immer wieder ist die Sinneserfahrung die, die die herrschenden Gefühle genauer ausdrückt als Worte. Das Engegefühl etwa, das wächst, je kleiner die Wohnungen werden, in die die Familie einziehen muss. Die Entfernung vom Meer, vom geliebten Garten, bis der Erdboden ganz verschwunden und man nur noch Beton unter den Füßen hat. Das Glück, das es bringt, den Husky Malik zu streicheln, das Unglück, als er fort muss, weil seine Haltung zu teuer ist. Malik war Bolotas Bruder Wolf, sein Verlust führt ihr und damit der Leserin endgültig vor Augen, wie tief unten die kleine Familie inzwischen gelandet ist.

So individuell das Leben Bolotas und ihrer Familie beschrieben ist, so macht de Almeida auch deutlich, dass es sich nicht um ein Einzelschicksal handelt. Was Bolota zustößt, stößt vielen zu, sie sind Opfer der »Jäger des gelben Metalls«, die ihrerseits Umwälzungen in Gang setzen, die tektonischen Verschiebungen gleichkommen. Menschen driften in Zwangslagen auseinander wie Kontinente. Bolotas Erfahrungen sind bedrückend in ihrer Unausweichlichkeit.

Dennoch lässt sich manches durchbrechen, denn Menschen sind keineswegs immer nur schwach. de Almeidas Geschichte ist erstaunlich moralisch. Die Moral liegt in der Stärke, die ihre Figuren besitzen. Kleiner und elender werdend, seelisch verletzt, um sich tretend, beißend, oft blind gegenüber den Nöten anderer, sind sie trotzdem fähig, etwas aufzubauen. Zu hüten, zu bewahren, sich zu kümmern. Das Gute nützt dabei weder zwangsläufig noch direkt jenen, die denen, die Gutes tun, am Nächsten stehen. Driften Kontinente, sind sie nicht aufzuhalten. Die Folgen aber können lange Zeit später zurückwirken. Das gilt für Bruder Wolf und für Schwarzer Elch. Bolota verliert beide und bekommt sie auf eigene Art zurück. Trotz allem Elend hat die Fünfzehnjährige am Ende etwas gewonnen. Die Albträume sind vorbei.

Auf dieses Buch müssen sich junge Leserinnen einlassen, man muss lauschen und Bolotas Art zu erzählen ohne Vorurteile auf sich wirken lassen, in Bild und Wort. Dann aber entfaltet sich sein ganzes Wunder.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Carla Maia de Almeida: Bruder Wolf
Mit Illustrationen von António Jorge Gonçalves (Irmão Lobo, 2013)
Übersetzt aus dem Portugiesischen von Claudia Stein
Frankfurt/Main: Fischer Sauerländer 2016
173 Seiten. 14,99 Euro
Jugendbuch ab 13 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Er war einmal ein Asylsuchender in Deutschland: Literatur als Debattenbeitrag

Nächster Artikel

Irrungen und Wirrungen

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Magisches

Jugendbuch | Elizabeth Lim: Ein Kleid aus Seide und Sternen

Es gibt Märchen, die so in ihren Bann ziehen, dass man die geheimnisvolle Welt gar nicht mehr verlassen möchte. Dazu gehört auch die Geschichte der Schneiderin Maia Tamarin, findet ANDREA WANNER

Der lange Weg zu sich selbst

Jugendbuch | Volker Surmann: Leon Hertz und die Sache mit der Traurigkeit

Leon ist der 3. Leon in der Klasse. Der, von dem nie was kommt. Der, der sich immer in sein Schneckenhaus verkriecht und hinter der Turnhalle verschwindet. Zum Heulen, aber das weiß nur seine Therapeutin. 13 ¾ ist ein in jeder Hinsicht doofes Alter, aber da muss man durch. Von ANDREA WANNER

Blick in den Garten nebenan

Erzählungen | Eulenglück und Hasenleid

Geschichten für Kinder gibt’s überall, auf der ganzen Welt werden sie erzählt – ganz gleich, wohin man schaut. Warum nicht einmal gleich über den Zaun in ein Nachbarland? Der NordSüd Verlag hat sich etwas besonders Feines ausgedacht und einen dicken Band herausgebracht, der elf der schönsten Schweizer Bilderbuchgeschichten enthält. Von MAGALI HEIẞLER

Eine zu große Bürde

Jugendbuch | Sabine Raml: Heldentage Knapp sechzehn zu sein, ist für viele Teenager alles andere als leicht, auch ohne eine Alkoholikerin als Mutter und keinen Vater zu haben und an solcher Angst vor Berührung zu leiden, dass die erste große Liebe daran scheitert. All das bürdet Sabine Raml in ihrem Debütroman ihrer Heldin auf. Aber auch die Geschichte selbst erweist sich am Ende als eine etwas zu große Bürde für die Autorin. Von MAGALI HEISSLER

Album für die Jugend

Jugendbuch | Hemley Boum: Gesang für die Verlorenen Die Vergangenheit kennen, sei wichtig, heißt es, um die Gegenwart beurteilen zu können. Die Behauptung enthält offenbar Wahres, sonst würden sich nicht so viele eifrig bemühen, Geschehenes gründlichst vergessen zu machen. Ereignisse aus dem Unabhängigkeitskampf Kameruns, etwa. Hemley Boum hat einen Roman darüber geschrieben. Nicht zuletzt für die Jungen. Von MAGALI HEIẞLER