Er war einmal ein Asylsuchender in Deutschland: Literatur als Debattenbeitrag

Roman | Abbas Khider: Ohrfeige

Es gibt Romane, die erscheinen exakt zur richtigen Zeit, um Diskussionen zu befeuern: Ohrfeige von Abbas Khider ist so einer. Es geht darin um einen jungen Mann aus dem Irak, der in Europa studieren und sich medizinisch behandeln lassen möchte. In Deutschland erwarten ihn allerdings nur unüberwindbare bürokratische Hürden und Fremdfeindlichkeit. Der Roman kann als Debattenbeitrag zur sogenannten Flüchtlingsfrage gelesen – und als literarische Ohrfeige für den Umgang mit Flüchtlingen in Deutschland. Von VALERIE HERBERG

Khider_25054_MR.inddDer Roman beginnt damit, dass dem jungen Iraker, Karim Mensey heißt er, die Sicherungen durchbrennen. Er hat als Asylsuchender seit Jahren in Deutschland gelebt und ist schließlich doch ausgewiesen wurden. Also sucht er seine Sachbearbeiterin Frau Schulz in der Ausländerbehörde ein letztes Mal auf und zwingt sie, sich seine Geschichte anzuhören.

Die Figur Karim erzählt als rückblickend von ihrer Kindheit und Jugend im Irak, von ihrer Reise nach Deutschland und ihrem Versuch, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Er berichtet, dass er direkt nach seiner Ankunft festgenommen wird, dass er hart arbeitet und ihm die Bürokratie trotzdem immer Steine in den Weg legt, und die Terroranschläge vom 11. September ihm endgültig einen Strich durch die Rechnung machen. »Die zahlreichen Paragrafen und Vorschriften, die dieses Land unter sich begraben, wenigsten einigermaßen zu begreifen wurde zu meiner wichtigsten Aufgabe, Frau Schulz. Den irakischen Behördenapparat habe ich bezeiten hassen gelernt […] Nun aber gab mir die stumpfsinnige entseelte deutsche Verwaltung wirklich den Rest.«

Lügende Flüchtlinge und deutsche Freier

Daneben tauchen andere Figuren aus dem Dunstkreis des Asylsuchenden Karim auf. Es sind unfähige Polizisten und reiche Deutsche, die Flüchtlinge für Sex bezahlen. Es sind Iraker, die sich Frauen aus ihrer Heimat kaufen, weil ihnen die deutschen Frauen nicht willig genug sind und Menschen, die sich Geschichten ausdenken, um Asyl zu bekommen. »Nach meiner Verhandlung habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, Schriftsteller zu werden. Ich bin ein großer und guter Lügner. Aber ich bin hier wirklich nicht der einzige, für den das gilt.«

Die Figuren, die Abbas Khider entwirft, sind glaubwürdig konzipiert und dynamisch. Als Leser muss man sich zwischendurch hin und wieder daran erinnern, dass die Erzählung fiktiv ist (auch wenn es sicherlich Tausende ähnliche Schicksale gibt). Karim, der aus seiner Perspektive berichtet, erzählt ist lakonisch und nüchtern. Der Erzähler bedient sich einer einfachen Sprache, es wird viel geflucht.

Debattenbeitrag: Literarische Ohrfeige für deutsches Asylsystem

Auch wenn die Zeit, in der der Roman spielt, schon einige Zeit zurückliegt – er spielt hauptsächlich in den Neunzigern und den Nullerjahren – ist es unmöglich, ihn nicht im Licht der aktuellen Ereignisse zu lesen. Wie geht Deutschland mit Asylsuchenden um? Sind die Kriterien sinnvoll, nach denen entschieden wird, wer bleiben darf und wer wieder abgeschoben wird? Khider porträtiert das deutsche Asylsystem als schwerfälliges und wirkungsloses Konstrukt, das ehrliche und hart arbeitende Menschen in die Kriminalität zwingt.

Geltende Überzeugungen stellt der Roman infrage. So ist die Figur Karim keine arme und verfolgte Kreatur, die sich schon freut, wenn sie ein Dach über den Kopf hat. Er ist wütend und verbittert, und lässt seine Gefühle an seiner Sachbearbeiterin aus. Ein Mensch, der als Lösung nur noch die Gewalt sieht, und sich gegen den erstbesten richtet, der scheinbar für seine Misere verantwortlich ist – dieses Muster erinnert an Rechtsradikale, die ihren Frust an Flüchtlingen auslassen. Spoiler Alert: Am Ende des Romans zeigt sich, dass Karim doch gar nicht so übel ist.

Klischees und Real-Life-Erfahrung für den Leser

Der Roman kann als Debattenbeitrag gelesen werden, der neue Aspekte der Diskussion um Flüchtlinge in Deutschland aufzeigt. Er kann neue Perspektiven aufzeigen und Überzeugungen überdenken lassen. Abgesehen davon hat der Roman eher wenig zu bieten. Die Sprache ist lediglich Mittel zum Zweck und die Auflösung etwas enttäuschend. Ein weiteres Manko: Der Roman bedient sich vieler Klischees, was seine Aussagekraft etwas schwächt. So die Deutschen im Roman besessen von Mülltrennung, und in Bayern darf man sich alles leisten, solange man nur eine Süddeutsche Zeitung unter dem Arm trägt.

Damit schafft Khider es allerdings, die Leser Karims Frustration hautnah miterleben zu lassen. Die Ermüdung und der Zynismus der Figuren übertragen sich irgendwann auf den Leser. Ohrfeige ist definitiv kein Gute-Laune-Roman – und will das auch gar nicht sein.

Starke Figuren und Zeitbezug machen Ohrfeige zum lesenswerten Roman

So wie Asylsuchende nicht grundsätzlich gute Menschen sind, sind Romane über sie nicht grundsätzlich gute Romane. Ohrfeige ist ohne Zweifel ein wichtiger und definitiv kein schlechter Roman – vor allem die starken Figuren und die Fähigkeit, neue Aspekte in der sogenannten Flüchtlingsdebatte aufzuzeigen, zeichnen ihn aus. Es ist allerdings fraglich, ob ihm so große Aufmerksamkeit zuteilgeworden wäre, wenn er zu einem anderen Zeitpunkt erschienen wäre. So oder so: Wer sich für die Flüchtlinge in Deutschland, das deutsche Asylsystem und überhaupt das Leben in Deutschland in all seinen Facetten interessiert, wird Ohrfeige mit Gewinn lesen.

| VALERIE HERBERG

Titelangaben
Abbas Khider: Ohrfeige
München: Hanser 2016
224 Seiten. 19,90 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

 

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Märchenküsse

Nächster Artikel

Trauma

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Angst, Hunger und Durst

Roman | Jesús Carrascos: Die Flucht Jesús Carrascos glänzendes Romandebüt Die Flucht. Von PETER MOHR

Zwischen den Kriegen

Roman | Krimi | Robert Hültner: Am Ende des Tages Mit Paul Kajetan hat Robert Hültner in seinem neuen Roman Am Ende des Tages eine Figur geschaffen, mit deren Hilfe es ihm gelingt, seinen Lesern das Deutschland zwischen den beiden Weltkriegen zu erklären. Die bisher vorliegenden sechs Romane um den unangepassten Mann, dessen Aufrichtigkeit und moralische Integrität ihm Anfang der 20er Jahre seine Polizeikarriere gekostet haben, verbinden spannende Unterhaltung mit einem facettenreichen Zeitporträt. Allerdings sieht es am Schluss des aktuellen Abenteuers ganz so aus, als wäre es Kajetans letzter Fall. – Von DIETMAR JACOBSEN

Götter-Dämmerung

Roman | John le Carré: Das Vermächtnis der Spione John le Carré, 86-jähriger Altmeister des Spionageromans, hat einen letzten großen Roman über jene Welt geschrieben, der er selbst eine Zeit lang zugehörte: die der Geheimdienste im Kalten Krieg zwischen Ost und West. Und natürlich darf in diesem Buch auch jene Figur nicht fehlen, die bereits in seinem literarischen Debüt, ›Schatten von gestern‹ (1961), auftrat, freilich noch nicht in der exponierten Stellung, die sie später als Meisterspion im Zentrum von acht weiteren Romanen einnahm: George Smiley. Bevor der selbst auf den letzten Seiten des neuen Buches auftritt, wird darin allerdings eine

Chastity Riley und die rekonvaleszenten Bullen

Roman | Simone Buchholz: River Clyde

Nach ihrem Einsatz in der hoch über Hamburgs Innenstadt gelegenen Bar des River Palace Hotels hat Chastity Riley der Blues gepackt. Aber gerade jetzt ruft sie der Brief eines Glasgower Anwalts nach Schottland. Von hier ist ihr Ururgroßvater Eoin Riley einst nach Amerika aufgebrochen. Und während »die Letzte der Rileys« zwischen verschiedenen Pubs und dem ihr Abenteuer mit seinem melodischen Rauschen begleitenden Fluss Clyde ihrer Vergangenheit begegnet, stellen ein paar gierige Immobilienmakler St. Pauli auf den Kopf und beschäftigen ihre Hamburger Freunde und Bekannten. Aber auch die sind in Gedanken mehr in der Ferne als vor Ort. Von DIETMAR JACOBSEN

Psychoanalyse einer Gesellschaftsarchitektur

Roman | António Lobo Antunes: Ich gehe wie ein Haus in Flammen António Lobo Antunes ist Mediziner, ein Psychiater, der seine Patienten zu durchschauen sucht. Persönliche Schicksale erklären sich oft durch die Geschichte einer Gesellschaft. Was der Arzt diagnostiziert, verarbeitet der Autor zu verstörenden und zersetzenden Historiengemälden. In ›Ich gehe wie ein Haus in Flammen‹ begegnet die hoffnungslose Sprachlosigkeit einer ganzen Nation der packenden Geschichte von Einzelnen, die immer wieder nur scheitern können. VIOLA STOCKER darf einer Sitzung beiwohnen.