Nur die Schuldigen sind schuldig

Menschen | Zum Tod des Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel

»Nie werde ich diese Nacht vergessen. Nie werde ich diesen Rauch vergessen. Nie werde ich die Flammen vergessen, die meinen Glauben für immer verzehrten«, schrieb der jüdische Schriftsteller Elie Wiesel in seinem 1958 erschienenen, gleichermaßen beklemmenden wie aufklärenden Erinnerungsband ›Die Nacht‹. Der französische Literatur-Nobelpreisträger Francois Mauriac hatte Wiesel in Paris den Impuls zur Niederschrift gegeben. Von PETER MOHR.

Abbildung: Erling Mandelmann
Elie Wiesel 1987.
Abb.: Erling Mandelmann
Wiesel berichtet in diesem Buch von den grauenhaften Taten der Nazis, wie er zunächst in Auschwitz Mutter und Schwester verloren hat, später in einem 10-tägigen Fußmarsch von Auschwitz nach Buchenwald getrieben wurde, wo sein Vater wenige Tage später den Tod fand und er selbst als Häftling A-7713 zu den wenigen Überlebenden gehörte, die am 11. April 1945 befreit wurden. »Meine Erinnerung stärkt mich«, hatte Wiesel vor einigen Jahren in einem Interview mit dem TV-Sender ›Arte‹ erklärt.

Seither hat sich Elie Wiesel, der am 30. September 1928 im heute rumänischen Sighet als Sohn eines wohlhabenden Kaufmannes geboren wurde, dem Kampf gegen das Vergessen und Verdrängen gewidmet. In einer Rede vor dem Deutschen Bundestag erklärte er am 27. Januar 2000: »Ich kann dieses Geschehen nicht fassen. Ich versuche es immer noch. Seit meiner Befreiung habe ich alles gelesen, was ich dazu in die Hand bekommen konnte. Historische Abhandlungen, psychologische Analysen, Zeugenaussagen und Vermächtnisse, Gedichte und Gebete, Tagebücher von Mördern und Betrachtungen von Opfern, sogar an Gott adressierte Kinderbriefe.«

Nach dem Studium in Paris arbeitete Wiesel zunächst als Hebräischlehrer, später als Journalist für die französische Zeitung ›L’Arche‹ und als Korrespondent israelischer Medien. Seit 1957 war der Schriftsteller, der mehr als 50 Bücher, Dramen, Essays und Funkbeiträge verfasst hat, amerikanischer Staatsbürger, lehrte viele Jahre Philosophie, Judaistik und Literatur an den Universitäten von New York und Boston und hatte 1979 auf Veranlassung des damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter den Vorsitz des ›Holocaust-Memorial-Councils‹ übernommen.
Der Friedensnobelpreisträger des Jahres 1986 war ein entschiedener Gegner der Kollektivschuldthese. Wenn gleich er einräumte, dass ihm das Wort »deutsch« einst Angst einjagte, konstatierte er später, dass »nur die Schuldigen schuldig sind.«

In jüngster Vergangenheit (Auslöser war die Friedenspreisrede 1998 in der Frankfurter Paulskirche) hatte Elie Wiesel den Schriftsteller Martin Walser heftig kritisiert (»Wenn er das soziale Gewissen des gegenwärtigen Deutschland sein soll, dann wehe seinen Lesern«) und dessen geplantes Vorwort zur Neuausgabe seines Buches ›Die Nacht‹ (Herder Verlag) verhindert und stattdessen eine Einführung seines einstigen Mentors Mauriac lanciert.

Vor einigen Jahren regte sich in der amerikanischen Öffentlichkeit allerdings auch verhaltene Kritik an Wiesel, da er George Bushs Irak-Intervention unterstützte. »Wenn alles scheitert, ist militärisches Eingreifen in Ordnung. Ich habe auch den Kosovo-Krieg unterstützt«, erklärte Wiesel, der viele Jahren in New Yorks Upper East Side gelebt hat.

In Frankreich war zuletzt sein Roman ›Le Cas Sonderberg‹ (2008) erschienen – die Geschichte der Identitätssuche des jüdischen Journalisten Jedidyah. Dessen Großvater formulierte darin kurz vor seinem Tod den für Wiesels Oeuvre charakteristischen Satz: »Trotz Verrat und Niederlage an die Menschlichkeit des Anderen zu glauben, das ist Freundschaft.«

Am Samstag ist Elie Wiesel – wie das Yad Vashem Holocaust Rememberance Center bekannt gab – im Alter von 87 Jahren in Israel gestorben.

| PETER MOHR
| Abbildung: Erling Mandelmann (photo©ErlingMandelmann.ch)

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