Roald Dahl zum 100.

Menschen | Porträt zum 100. Geburtstag des Schriftstellers Roald Dahl

Was für ein wundervoll grässlicher Grusel geht von seinen Geschichten aus, der einen beim Lesen lange im Ungewissen hält. Sophiechen hat Glück im Unglück, denn der Riese, der sie aus dem Waisenhaus entführt, ist ein guter Riese und frisst – anders als seine Kollegen – keine »Leberwesen«. Aber da muss man erst mal dahinterkommen. Und wenn Violetta in Willi Wonkas Schokoladenfabrik zur übergroßen Blaubeere anschwillt und Augustus Glupsch nur im letzten Moment nicht zu einem Schokokuss verarbeitet wird, ist das sehr viel drastischer als das, was man als junger Leser oder Leserin sonst so aus Büchern kennt. Von ANDREA WANNER

Roald Dahl - Photo - Carl Van Vechten
Roald Dahl (1954)
Abb: Carl Van Vechten
Roald Dahl mutet den Lesenden etwas zu. Sein Humor ist schwarz und seine Pointen verblüffen – nicht nur in seinen zahlreichen Kinderbüchern, sondern auch in seinen Geschichten für Erwachsene.

Am 13. September 1916 kam Dahl als Sohn eines englischen Vaters und einer norwegischen Mutter zur Welt. Seinen Namen verdankt er dem Polarforscher Roald Amundsen, der Entdeckungsreisen in Arktis und Antarktis unternahm. Und irgendwie wurde auch er zum Entdeckungsreisenden, wobei seine Expeditionen ihn in fantastische Welten und in dunkle Geheimnisse seiner Figuren führten.

Zauberhaft, witzig, außergewöhnlich und immer wieder erschreckend sind seine Werke. Im Rowohlt Verlag sind anlässlich seines 100. Geburtstags einige seiner schönsten Titel in einer Sonderausgabe, drei davon für Kinder, zwei für Erwachsene, erschienen – alle als sorgfältig gestaltete Halbleinenausgabe. Und 10% aller Einnahmen gehen an einen Benefizpartner, zur Unterstützung von Kindern.

1969 erscheint fünf Jahre nach dem englischen Original ›Charlie und die Schokoladenfabrik‹ auf Deutsch, 1986 übersetzt Sybil Gräfin Schönfeldt ›Hexen hexen‹ und sorgt mit der Enthüllung, dass Hexen wie ganz normale Frauen aussehen können und auf jeden Fall Kinder hassen, denen sie auflauern, um sie zu verzaubern, für Aufregung in Kinderzimmern. 1988 taucht das 7jährige Wunderkind ›Matilda‹ auf und entdeckt, wie sie es mit ihren telekinetischen Fähigkeiten den geistig beschränkten Eltern und der tyrannischen Direktorin ihrer Schule heimzahlen kann. Alle drei Bücher hat Quentin Blake mit seinen kongenialen Illustrationen begleitet und man gerät schon auf der ersten Seite ins Schwärmen, wo Blake unter der Überschrift ›Es spielen mit‹ die Akteure des Buchs mit wenigen Strichen treffend charakterisiert.

Für die Großen gibt es ›Alle Küsschen: 25 ungewöhnliche Geschichten‹, die in der Tat ungewöhnlich sind. Von den insgesamt über 60 Kurzgeschichten, die Dahl schrieb, viele davon für US-amerikanische Magazine wie Harper’s, Playboy oder The New Yorker fanden sie über die Küsschen-Anthologien den Weg zu einem breiten Publikum. Makaber und überraschend – noch immer erinnere ich mich an meine Reaktion auf die erste »Küsschen«-Geschichte, die ich las. ›Der Weg zum Himmel‹ erzählt vordergründig von Mrs Forster, die pathologische Angst vor dem Zuspätkommen hat. Was daraus wird, ist ein unvergessener Schrecken, ein Erschrecken, weil das, was geschieht, so gar nicht das war, was ich erwartet hatte. Schon bei der zweiten Geschichte ist man gewappneter – und tappt erneut in die Falle, denn so leicht zu durchschauen ist Dahl eben nicht. Zwischenzeitlich kenne ich sie wohl alle – und stelle fest, dass ich immer noch erschrecken und staunen kann.

Neuland für mich und quasi ein Bindeglied zwischen Dahls Kinder- und Erwachsenengeschichten waren seine autobiographischen Erzählungen ›Boy‹ und ›Im Alleingang‹, die in einem Band zusammengefasst sind. Beide Teile erschienen zunächst mit einem Untertitel, der verrät, in welche Richtung es geht: ›Schönes und Schreckliches aus meiner Kinderzeit‹ und ›Meine Erlebnisse in der Fremde‹, in dem Dahl zunächst von seinem ersten Job in Ostafrika berichtet und danach auf seine Zeit als Pilot der Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg eingeht. »Manches ist lustig, manches ist traurig, und einiges ist entsetzlich. Genau darum erinnere ich mich wohl auch so lebhaft an die folgenden Geschichten. Wahr sind sie alle«, schreibt Dahl in seinem Vorwort zu ›Boy‹. Mit Fotos und anderen Dokumenten versehen, kommt man ihm näher beim Lesen, diesem großen Erzähler, der so viele Tricks beherrscht und ebenso gezielt wie raffiniert einzusetzen weiß. 1990 ist er gestorben, das Werk umfasst weit mehr als diese fünf ausgewählten Bände. Aber mit ihnen bekommt man das Beste in die Finger, was aus seiner Feder stammt. Kann sich verzaubern lassen, in fremde Welten träumen und ein ums andere Mal ganz wunderbar erschrecken.

Die fünf Bände finden ihren Weg in mein Bücherregal, neben einem zerfledderten Taschenbuch ›Sophiechen und der Riese‹, direkt neben dem neuen Halbleinenband aus diesem Sommer, zwischen alten Ausgaben von ›James und der Riesenpfirsich‹, ›The Wonderful Story of Henry Sugar and Six More‹ und einem Leseexemplar von ›Küsschen, Küsschen!‹ und leuchten mir entgegen: ›Hexen hexen‹ in Königsblau, ›Charlie und die Schokoladenfabrik‹ in bonbonpapierfarbigem Violett, ›Mathilda‹ in einem hoffnungsfrohen Grünton, ›Alle Küsschen‹ in feurigem Rot und seine autobiografischen Erzählungen in gedämpftem Purpur. Schön. Und der Platz, den Dahl damit in meinem Bücherregal einnimmt, gebührt ihm.

| ANDREA WANNER
| Titelfoto: CARL VAN VECHTEN: Roald Dahl(1954)

Titelangaben

Roald Dahl: Charlie und die Schokoladenfabrik
(Charlie and the Chocolate Factory, 1964) Aus dem Englischen von Inge M. Artl
Mit Illustrationen von Quentin Blake
Reinbek: Rowohlt 2016
192 Seiten. 16,99 Euro
Kinderbuch ab 8 Jahren
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Roald Dahl: Matilda
(Matilda, 1988) Aus dem Englischen von Sybil Gräfin Schönfeldt
Mit Illustrationen von Quentin Blake
Reinbek: Rowohlt 2016
272 Seiten, 16,99 Euro
Kinderbuch ab 8 Jahren
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Roald Dahl: Hexen hexen
(The Witches, 1983) Aus dem Englischen von Sybil Gräfin Schönfeldt
Mit Illustrationen von Quentin Blake
Reinbek: Rowohlt 2016
286 Seiten, 16,99 Euro
Kinderbuch ab 8 Jahren
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Roald Dahl: Alle Küsschen! 25 ungewöhnliche Geschichten
(Kiss, Kiss, 1958/59 und Someone Like You, 1961) Aus dem Englischen von Wolfheinrich von der Mülbe und Hans-Heinrich Wellmann
Reinbek: Rowohlt 2016
532 Seiten, 16,99 Euro
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Roald Dahl: Boy/Im Alleingang. Die autobiographischen Erzählungen
(Boy. Tales of Childhood, 1984 und „Going Solo“, 1986). Aus dem Englischen von Adam Quidam und Hermann Stiehl.
Reinbek: Rowohlt 2016
422 Seiten, 16,99 Euro
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