Außer Atem

Jugendbuch | Tamara Bach: Vierzehn

 
Ein Tag ist nicht sehr lang, aber in den wenigen Stunden kann so viel passieren, dass man kaum Luft bekommt beim Erzählen. Auch die Leserin gerät außer Atem. Tamara Bach ganz groß. Von MAGALI HEISSLER

Carlsen Tamara Bach VierzehnAlles ist anders geworden. Die Ferien sind vorbei, ein neues Schuljahr fängt an. Die neunte Klasse steht bevor, die Kinderzeit ist endgültig vorbei. Es ist noch einiges mehr vorbei. Mit Verlusten muss man fertig werden, die Härten des Lebens verschonen auch Teenager nicht. Ob man sie ignoriert oder nicht, sie sind vorhanden.
So, wie die Freundinnen von vor den großen Ferien, der Kindergartenfreund, die Mutter, die Wohnung, Klassenzimmer, Lehrerinnen und Lehrer, die neuen Schulbücher, der alte Spind, vielleicht. Viel Vertrautes ist noch da, aber Neues auch, Unbekanntes. Das Leben hat anfangen zu wirbeln und sich ganz neu zusammenzusetzen. Dass man nicht wissen kann, wie das neue Leben aussieht, verunsichert. Aber da gibt es auch etwas, das glücklich macht, so sehr, dass man wie im Nebel herumläuft.
 
Innenwelt von außen betrachtet
 
Bachs vierzehnjährige Protagonistin ist aus sich heraus getreten. Sie ist nicht mehr die, die sie vor ein paar Wochen, ein paar Tagen erst noch war. Es ist etwas geschehen, das sie alles aus der Distanz sehen lässt. Mit neuen Augen schaut sie auf das, was passiert, vor allem auf sich.

Die Perspektive ist gewagt, die zweite Person Singular. Das »du«, mit dem die Erzählerin von sich spricht, ersetzt das gewohnte »man«. Dadurch entsteht umgehend eine Atmosphäre von Zutraulichkeit, geradezu Intimität. Der Einblick in die Gefühlswelt scheint nüchtern, es ist nahezu ein Bericht. Die Prosa ist rhythmisiert, das Tempo verändert sich wieder und wieder. Reflexion und Hast, mutiges Vorwärtspreschen, vorsichtiges Zurückziehen bestimmen es. Worte sind sparsam eingesetzt, tastende Fühlerchen, mit denen die Hauptfigur die neue Welt erkundet. Die Direktheit der Beschreibung, der geschärfte Blick auf die wesentlichen Details macht den Text zu einer so exakten Wiedergabe der Innenwelt eines sehr jungen Mädchens, dass man glauben kann, selbst in ihrer Haut zu stecken.

Ausgeklügelt und differenziert mischt Bach Erinnerungen an frühere Zustände und die jetzigen. Es ist viel geschehen in diesem Teenagerleben in wenigen Wochen. Die Frage, wie man anknüpft, wenn sich alles verändert hat, ist gerade für ein junges Publikum von großer Bedeutung. Nicht nur die Hautfigur hat sich verändert, die Freundinnen auch. Neue Bekanntschaften, neue Blickwinkel, man teilt Freuden und Leiden nicht mehr automatisch. Ein fremdes Misstrauen ist da, schmerzlich, aber nur ein Zeichen dafür, dass man auf dem Weg ist, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln.
 
Perspektive und verlassene Orte
 
Veränderungen des Blickwinkels und damit der Einstellung gegenüber Menschen und den Dingen werden als Leitmotiv herausgehoben mittels der Schilderung des Kunstunterrichts, ein Fach, das die Hauptfigur belegt hat. Schulalltag und Hintergründiges sind meisterlich ineinandergeflochten. Deutlich wird dabei auch, dass das Leben schwieriger wird, die Entscheidungen von nun an überlegt sein wollen. Es muss so manches aufgegeben werden, weggeworfen, auch emotional. Verlassenheit, Leere umgeben einen recht unverhofft, wo doch eben noch Schutz und Wärme herrschten.

Es gibt einiges Verunsicherndes in diesem recht kurzen Text, verunsichernd wie die Pubertät. Dazu gehört auch, dass man den Namen der Erzählerin zunächst nicht erfährt, dann nur in Form von etwas, das ein Spitzname sein könnte. Erst auf der letzten Seite wird ihr Name in voller Länge aufgeführt. Es ist Abend, sie liegt schon Bett. Nach einem Tag voller emotionaler Abenteuerfahrten bei der Erkundung eines fremden Kontinents hat sie zu sich gefunden.

Den Unsicherheiten setzt Bach viel Hoffnung entgegen. Nichts ist leicht, Veränderungen haben auch hässliche Folgen. Eigene Entscheidungen zu treffen ist eine echte Aufgabe. Man muss sie annehmen und zu lösen versuchen, wie sonst kann man eigenständig werden? Es gibt aber auch Vertrauen, es gibt Glück und eben das Geheimnis. Liebe, hier die erste.

Ebenso schön und eindrucksvoll wie die Geschichte sind beide Cover, die Ausstattung (mit Lesebändchen) und das Layout. Raffiniert zurückhaltend, ein bisschen verrätselt, mit einem Fingerzeig auf Weite und den Platz, den man ausfüllen kann. Wenn man den Mut hat.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Tamara Bach: Vierzehn
Hamburg: Carlsen 2016
112 Seiten. 13,99 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren
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