Unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt

Roman | Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank

»Mir geht es ein bisschen zu gut.« Ihnen auch? Der Protagonist starrt auf eine leere, musterlose Wand, die seine letzte Abhängigkeit ist. Zu träumen genügt ihm, er strebt nach der »Satzlosigkeit – ein Schweigen, von dem nicht mehr die Rede sein müsste. Unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt.« Doch auf seinem Weg zur lang ersehnten Friedensfeier lauern Dilemmata, Geständnisse, Feinde, Erinnerungen und Empfindungen. Kurzum: das Leben – denn noch ist er ja. Von MONA KAMPE

Martin Walser - Statt etwas»Die leere, musterlose Wand. Meine letzte Abhängigkeit. Sobald ich die Augen schloss, wurde es unangenehm. Sobald ich die Augen öffnete und auf die leere, musterlose Wand schaute, wurde es mir wieder wohl. Es ging mir allerdings noch nach, ich verdankte dieses Gefühl, da zu sein, nur dem Umstand, dass ich das Licht angemacht hatte.« Der Protagonist verbringt seine Zeit damit, diese Wand anzustarren.

»Zeit, das Element der Ablenkung schlechthin. Sie hat mich immer am Dasein gehindert. Manchmal habe ich es gern gesagt: Ich existiere. Existieren, die Illusion einer sich von selbst vollziehenden Tätigkeit. Die Illusion überhaupt.«
Doch warum existieren, verstehen, sehnen, verhandeln, entdecken? Der Protagonist hat mit allen Theorien abgeschlossen – zu träumen genügt ihm. Er lebte, soweit er lebte, von Erdachtem. Nun strebt er nach dem höchsten irdischen Zustand: »Unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt«. Seit er utopielos ist oder sein möchte, fehlt ihm nichts mehr. Doch die Hoffnung auf ein Wunder ist noch da – er muss bekennen: »Ich hoffe mehr, als ich will.«

»Mir geht es ein bisschen zu gut«

Er hustet, er atmet – physisch existiert er. »Das Körperprogramm war ein Zwang, dem ich mich gern fügte. Gegen besseres Wissen. Doch auch sein Geist ist noch nicht frei von menschlichen Empfindungen, Erinnerungen und Wünschen. Sein undurchschaubares Geständnis verrät ihm, dass er glaubt, es könne noch etwas geschehen. Er ist ein Blatt Papier, auf dem noch nichts steht. Als Wolke wäre er für die unten einander um ihn kämpfenden Interessen nicht mehr erreichbar – er wäre frei. Der Protagonist gibt zu, ihm geht es ein bisschen zu gut.
Er wird beobachtet. Sein gesamtes Denken und Handeln ist einer Beurteilung ausgesetzt. Diese »eingebaute Instanz« verneint und kritisiert unabhängig von ihm. Er kann sie nicht mit seinem Wunschtraum überlisten. Sein Leben, eine einzige Verfehlung – deshalb passte er sich immerzu an. »Ich habe mich der steten Verneinung dadurch entzogen, dass ich sowohl Tun als auch Denken aufgegeben habe. Ich starre bekanntlich auf eine leere, musterlose Wand. So triumphierte ich über die in mich eingebaute Beobachtung.«

Auch die Feinde stärken mit jeder Handlung gegen ihn ihr Selbstbewusstsein. Sie lassen keine Gelegenheit ungenutzt, ihn niederzumachen. So erleben sie, dass sie sein dürfen, wer sie sind. Die Formulierung, dass es ihm zu gut geht, hat er zugegeben von einem dieser Feinde. Kann es sein, dass die innere Verneigung nur die Summe aller seiner Erfahrungen mit Feinden ist? Ein so genannter exemplarischer Feind, dem er entkommen ist? Und wenn er ihm entwischt ist, kann er auch sich selbst hinter sich lassen?
Noch ein Geständnis: »Jeder hängt an sich. Also auch ich.«

Die unfassbare Philosophie des Seins

Martin Walser, der für sein literarisches Werk unter anderem 1998 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, erschafft in seinem im Januar 2017 erschienenen Roman ›Statt etwas oder Der letzte Rank‹ erstaunliche Denkwelten, in die der individuelle Geist entflieht, um die Unfassbarkeit des Seins zu erleben. Sein Protagonist setzt sich – vermutlich am Ende seines langen Lebensweges – in einem kritisch-reflektierenden, ironischen Monolog mit sich selbst auseinander. Im Hinterkopf stets der Wunsch nach der ersehnten Freiheit. In 52 kurzen Passagen entsteht ein beeindruckendes Wechselspiel aus (Wunsch-)Gedanken und Empfindungen, Philosophie und Erinnerungen, Körper und Geist.
Wir alle streben nach dem eigenen Frieden – entweder in der Blüte oder am Ende unseres Lebens. Walser greift Lebenssehnsüchte und -fragen stilistisch meisterhaft auf und schafft es, alle Irrungen und Wirrungen des Daseins zu einem Resümee zusammenzufügen, das dem Leser erlaubt, seine eigene unfassbare Philosophie des Seins zu interpretieren – sei er Selbstzweifler, Todgeweihter oder Künstler.

| MONA KAMPE

Titelangaben
Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank (E-Book)
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag GmbH 2017
176 Seiten, 14,99 Euro

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Martilein und Jo

Nächster Artikel

Hauen und Stechen

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Erotik oder Fernsehen?

Roman | Helmut Krausser: Trennungen, Verbrennungen »In Wahrheit bin ich absolut größenwahnsinnig. Ich wollte immer der beste Schriftsteller überhaupt werden. Als ich es dann geschafft hatte, war es gleich langweilig«, hatte Helmut Krausser vor einiger Zeit in einem Interview bekannt. Understatement ist nicht seine Sache, Krausser mag die klare Kante und das offene Wort. Der Schach- und Backgammon-Liebhaber, der mit gerade einmal 54 Jahren nun schon seinen 16. Roman vorlegt und der darüber hinaus auch äußerst fleißig Erzählungen, Gedichte, Tagebücher, Opernlibretti, Hörspiele und Theaterstücke veröffentlichte, pendelt oft und gern zwischen hohem künstlerischen Anspruch und klischeehaften Vereinfachungen. Hier sein neuester Roman

Kaum Land in Sicht

Roman | Kristine Bilkau: Halbinsel

Die Hamburger Schriftstellerin Kristine Bilkau hat für ihren vierten Roman Halbinsel den Preis der Leipziger Buchmesse 2025 erhalten. Doch auch ohne diese Auszeichnung hätte diese leise, lakonische Mutter-Tochter-Geschichte gewiss eine interessierte Leserschaft gewonnen, allein aufgrund der sensiblen Zwischentöne in einer allgegenwärtigen Thematik. Von INGEBORG JAISER

Hoch über dem See

Roman | Bodo Kirchhoff: Seit er sein Leben mit einem Tier teilt

»Er lässt kaltes Wasser über sich laufen, minutenlang, als könnte es ihn so auflösen wie den Schweiß auf seiner Haut und im Abfluss verschwinden lassen«, heißt es über Louis Arthur Schongauer, die Hauptfigur in Bodo Kirchhoffs neuem Roman. Schongauer steht kurz vor seinem 75. Geburtstag, hat zwei Frauen auf tragische Weise verloren und sich in ein abgelegenes Haus über einem See zurückgezogen. Ein See, der dem Gardasee, wo Autor Kirchhoff einen Zweitwohnsitz hat, nicht unähnlich ist. Von PETER MOHR

Der Söldner und das Mädchen

Roman | Jürgen Heimbach: Die Rote Hand

Den Wachmann Arnolt Streich hat das bundesdeutsche Wirtschaftswunder links liegen gelassen. Der Mann, der 13 Jahre lang in Fernost und Nordafrika für die französische Fremdenlegion gekämpft hat, ist Anfang 1959 in Frankfurt für die Sicherheit in einem heruntergekommenen Gebäudekomplex verantwortlich. Einmal in der Woche kreuzt er bei einer Prostituierten auf. Freunde hat er kaum. Das wenige Geld, das er verdient, trägt er auf die Galopprennbahn. Bis sich eines Tages seine Vergangenheit zurückmeldet und Streich vor eine Entscheidung stellt, die ihn sein Leben kosten könnte. Von DIETMAR JACOBSEN

Liebe unter staatlicher Kontrolle

Roman | Ines Geipel: Tochter des Diktators Ein abgelegenes Dorf in der Toskana, Berlin, Moskau, Leningrad und Paris sind die Handlungsorte in Ines Geipels erzählerischer Abrechnung ›Tochter des Diktators‹ mit den zerstörerischen, menschenverachtenden Mechanismen des Staatskommunismus. Die Autorin, 1960 in Dresden geboren, weiß, wovon sie schreibt. Von PETER MOHR