Bloß keine H-Milch!

Roman | Moritz Netenjakob: Milchschaumschläger

»Aber es ging doch nicht um eine fremde Firma, Daniel. Es ging um unser Café!« Aylin ist schwer enttäuscht von ihrem Gatten. Droht mit dem gemeinsamen Traum vom eigenen Café die glückliche Ehe zu scheitern? Wie konnte es nur soweit kommen? Das fragt sich Milchschaumschlürferin MONA KAMPE. Schließlich wird im ›3000 Kilometer‹ gewissenhaft auf die H-Milch verzichtet!

Netenjakob - milchschaumschlaeger - 9783462048810»Du hast nicht eine Sekunde lang nachgedacht! Daniel, ich bin soooooo … stolz auf dich. Aus dir wird doch noch ein richtiger Türke.« Werbetexter Daniel Hagenberger hat just seinen sicheren Agentur-Job bei seinem narzisstischen Chef hingeschmissen. Er mietet zusammen mit seiner Frau Aylin ihr ehemaliges Lieblingsrestaurant, was sonst hätte schließen müssen. Ihre Hochzeitstage feiern die beiden Neuunternehmer zukünftig in ihrem eigenen Café. Ein Traum wird wahr!

Ihr Umfeld – allen voran der Vermögensberater – ist skeptisch, denn die Gastronomie ist bekanntlich ein nicht zu unterschätzendes Terrain, auf dem schon so mancher Kleinunternehmer kläglich gegen die großen Restaurantketten gescheitert ist. Ach was! Es kann gar nichts schief gehen, denn Tante Emine hat schließlich im Kaffeesatz gelesen, dass alles gut wird! Den tausendsten Fast-Food-Laden nebenan mit dem einfallslosen Slogan von Daniels ehemaliger Werbeagentur stecken sie locker in die Tasche!

Schnell müssen die beiden trotz Euphorie und türkischer Gelassenheit den deutsch-bürokratischen Tatsachen ins Auge blicken: Bis auf Freunde und Verwandte sowie ein paar skurrile Charaktere bleiben die Gäste aus und ein leeres Café bedeutet auf lange Sicht Insolvenz! Dumm nur, dass drüben in der Burger Lounge der Bär steppt. Was machen sie bloß falsch – Tante Emine kann sich doch nicht geirrt haben, oder?

Das elegante Ambiente von Schwiegermutters ausgestopften Einweihungseichhörnchen soll verzaubern. Die Küche des griechischen Kochs ist exquisit pedantisch und die romantische, interkulturelle Speisekarte mit dem 60-seitigen Intro zur Liebesgeschichte der Cafébesitzer wurde stetig von Stammgästen um Irish Coffee und Fish & Chips erweitert. Die junge Kellnerin ist ein attraktiver, Facebook-süchtiger Anblick – solange sie nur zwinkert und nicht Deutsch spricht. »Meine Mutter!«

Guter Schreibstoff für den Gastgeber

Und die Gäste? Ein trendbewusster Hipster, endlos Tee schlürfende Studenten, ein schweigender Chinese, der stets nur nach »Ti« verlangt und grinst, eine Kläffhund-bezwingende Großmutter, deren Mussolini den ganzen Laden auf Trab hält und schließlich das familienfreundliche Siegel entzieht, ein hoffnungsvoll verknallter Udo-Lindenberg-Verschnitt, ein rassistischer Fußballtrainer und natürlich die neurotischen Künstler. Wer glaubt, dass das schon nervenaufreibend ist, hat die Familie Hagenberger-Denizoğlu und alle ihre Bekannten mit ihren guten Ratschlägen, wie etwa bloß auf H-Milch zu verzichten, noch nicht kennen gelernt! Immerhin: traumhafter Schreibstoff für Daniels Café-Blog.

Als das Fernsehen droht, alles auf den Kopf zu stellen, platzt dem gutmütigen Besitzer der Kragen. Ist der Traum vom gemeinsamen Milchschaumschlagen im ›3000 Kilometer‹ endgültig in heißem Kaffee versunken?

Autor Moritz Netenjakob, der bereits bekannte deutsche TV-Formate wie ›Stromberg‹, ›Wochenshow‹ und ›Switch‹ mit seinem komödiantischen Talent bereicherte und 2006 den ›Grimmepreis‹ erhielt, schafft Lesern auch mit seinem dritten Roman fantastische Lachergüsse im stressigen Alltagswahnsinn. Egal, ob auf eine kleine Auszeit im Büro, beim Sonntagsfrühstück oder auf einen gemütlichen Becher Starbucks im Stadtpark – Milchschaumschlürfer dürfen die abenteuerliche, höchst amüsante Unternehmensgeschichte der beiden Milchschaumschläger nicht verpassen.

Der Gastronomiedschungel und seine Tücken, die Familie und ihre Marotten, das verständnisvolle, deutsch-türkische Miteinander … Der Verfasser von ›Macho Man‹ und ›Der Boss‹ zeigt in seinem Café-Roman, wie leicht und heimtückisch sich private und berufliche sowie interkulturelle Angelegenheiten, Vision und Wirklichkeit beim Thema Selbstständigkeit vermischen und verarbeitet dies auf gewohnte Weise mit einer ordentlichen Portion Humor. Auf das Abenteuer »eigenes Café« begaben sich der Autor und seine Frau für einige Monate selbst. Die Früchte an Erkenntnissen trägt »Milchschaumschläger« – ergänzt um die vielen, herrlich skurrilen Charaktere, die sich an Daniels und Aylins Wunschort tummeln und diesen mit realem Leben füllen.

Am Ende steht ein Café, das niemals leer sein darf, denn sonst geht keiner hinein. Das ist nicht nur ein türkisches Sprichwort … Es ist ein Traum voll Milchschaum, den die Besitzer gemeinsam schlagen, weil es so im Kaffeesatz stand.

| MONA KAMPE

Titelangaben
Moritz Netenjakob: Milchschaumschläger – Ein Café-Roman
Köln: KiWi-Paperback 2017
352 Seiten, 14,99 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Gefangen zwischen Konsum und Terror

Nächster Artikel

Pin-Up-Krimi

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Sätze wie Schreie

Roman | Marlene Streeruwitz: Auflösungen

Neben der vier Jahre älteren Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat sich Marlene Streeruwitz als zweite, deutlich vernehmbare, rebellische weibliche Stimme der österreichischen Gegenwartsliteratur etabliert – abseits aller literarischen Moden und politisch-gesellschaftlichen Konventionen. Von PETER MOHR

Der alte Herr Updike lässt grüßen

Roman | Michael Kleeberg: Vaterjahre Da ist er wieder, der bieder-selbstzufriedene Langweiler Charly (Karlmann) Renn aus Michael Kleebergs Roman Karlmann  (2007). Den »Karlmann« aus den 1980er Jahren, auf diesen altfränkischen Vornamen hatte ihn sein hanseatischer Vater einst taufen lassen, hat Renn längst hinter sich gelassen. Er ist älter geworden, hat das von seinem Vater geerbte Autohaus versilbert, ist in zweiter Ehe mit einer fürsorglichen Ärztin verheiratet und inzwischen Vater von zwei Kindern. Nun legt Michael Kleeberg den neuen Roman ›Vaterjahre‹ vor. Von PETER MOHR

Terror an der Côte d’Azur

Roman | Dominique Manotti: Marseille.73

Nach Schwarzes Gold (Argument Verlag 2016) ist Marseille.73 der zweite Roman, in dem Dominique Manotti in die Vergangenheit des in mehreren ihrer Bücher auftauchenden Kommissars Théodore Daquin eintaucht. Er führt den eben aus Paris Gekommenen und seine beiden Inspecteurs in die Szene der nach dem Ende des Algerienkriegs 1962 aus dem Maghreb heimgekehrten, so genannten Pieds-noirs. Deren militanter Teil hat sich in der UFRA, der »Vereinigung der französischen Algerienheimkehrer«, organisiert. Als mehrere Morde im algerischstämmigen Milieu die Öffentlichkeit aufwühlen, beginnt Daquin mit seinen Männern zu ermitteln. Und ahnt schon bald, dass ihn die Spuren auch in den Polizeiapparat und die Justizbehörden der südfranzösischen Hafenstadt führen werden. Von DIETMAR JACOBSEN

Kettenspiele

Roman | Adrian McKinty: The Chain Der heute in New York lebende Nordire Adrian McKinty (Jahrgang 1968) hat sich als Thrillerautor vor allem einen Namen mit der bis dato siebenbändigen Reihe um den in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts als »katholischer Bulle« in der Nähe von Belfast lebenden Mordermittler Sean Duffy gemacht. Von DIETMAR JACOBSEN

Zwischen Glaswolle und Gummiknüppeln

Roman | Frank Goldammer: Juni 53

Mit seiner Reihe um den Dresdener Kriminalpolizisten Max Heller hat Frank Goldammer (Jahrgang 1975) es längst in die Bestsellerlisten geschafft. Band 5 heißt Juni 53 und spielt mit seinem Titel auf die Tage der Arbeiterproteste in der DDR an. Auch in Dresden gehen aufgebrachte Werktätige auf die Straße. Man protestiert gegen kaum erfüllbare Produktionsnormen, Versorgungsengpässe und eine Regierung, die ihre Direktiven gnadenlos nach unten durchdrückt und vor der bedrückenden Realität die Augen verschließt. Dass der brutale Mord im VEB Rohrisolation, den Heller und sein Kollege Oldenbusch aufklären sollen, etwas mit den am 17. Juni in vielen Städten in Gewalt umschlagenden Aufständen zu tun hat, steht für einen mitermittelnden Stasi-Offizier schnell fest. Doch Max Heller verfolgt eine andere Spur. Von DIETMAR JACOBSEN