//

Ein Leben zwischen Schall und Rauch

Live | Bühne: Falco – The spirit never dies

Freudestrahlende Gesichter auf der Premierenfeier, Beglückwünschung der herausragenden Leistung aller Mitarbeiter, Ensemblemitglieder und Herausstellung dessen, dass das gesamte Ensemble des Balletts am Erfolg beteiligt war – so enthusiastisch und zurecht erfolgsverheißend geht die Premiere von ›Falco – the spirit never dies‹ im Pforzheimer Stadttheater zu Ende. JENNFIER WARZECHA über Leben und Werk eines Ausnahmekünstlers

Der tosende und nicht endenwollende Beifall im ausverkauften Großen Haus am Ende des Musical-Balletts beweist: Der österreichische Sänger Falco (bürgerlich: Hans Hölzel), der am 06. Februar 1998 bei einem selbst verschuldeten Autounfall ums Leben kam, ist gerade durch die Präsenz seiner Lieder wie ›Jeanny‹, ›Rock me Amadeus‹, ›Vienna Calling‹, ›Mutter, der Mann mit dem Koks ist da‹ oder ›Out of the dark‹ nach wie vor lebendig und hat sich, wie das volle Große Haus des Stadttheaters Pforzheim beweist, geradezu in die Herzen seiner Fans eingespielt.

THPF_Falco-Thespiritneverdies_Bild1_Kerbst_Ballett

Dadurch bleibt ein Künstler lebendig. Nicht nur das: Der den Sänger Falco verkörpernde Alexander Kerbst, ein überregional renommierter Musiker, sieht dem, um den es geht, nicht nur zum Verwechseln ähnlich. Auch den österreichischen Dialekt hat er nahezu perfekt drauf, auch wenn es ihn einige Anstrengungen gekostet hat, den Dialekt zu erlernen, wie er vorab im Interview mit der Pforzheimer Zeitung berichtete . Authentisch und wirklichkeitsnah verkörpert er in Gesang und Ausstrahlung Falco, einen innerlich zerrissenen Menschen, der ständig zwischen beruflichem Erfolgsdruck und der Sehnsucht nach privatem Glück, Ekstase und Entspannung steht – und gerade damit den stereotypisch modernen Menschen verkörpert.

Einen, der vor lauter Eile und Druck, zu genügen, sich den gesellschaftlichen Konversionen anzupassen, ein Leben lang nicht zur Ruhe kommt. Gerade deshalb betont Peter Oppermann, zuständig für konzeptionelle Mitarbeit und Dramaturgie im Stück, auf dieser Premierenfeier die Tatsache, dass es bei der Interpretation Falcos innerhalb der biografischen Inszenierung nicht um eine biografische Dimension und Herangehensweise gehe, sondern um eine generelle Ableitung für einen Typus einer gespaltenen Figur zwischen Erfolgsdruck und der Sehnsucht nach Liebe, angelehnt an Personen in der Vergangenheit wie Marilyn Monroe oder Michael Jackson, die beide an diesem Ideal gescheitert sind, wie die Geschichte beweist.

So betont Oppermann die Rolle Johannes Blattners, der als privater Mensch, als Inneres des Falcos, in seinen geschmeidigen, manchmal schier verzweifelten und rastlosen Bewegungen in seiner Ballett-Performance brilliert und überzeugt.
Und so führen beide, brillant und überzeugend, sprechend von Sänger Falcos Zerrissenheit, durch das gesamte Stück.

THPF_Falco-Thespiritneverdies_Bild3_Kerbst_Ballett-Ensemble Egal, ob Falco wie zu Beginn des Stückes unter der Obhut seiner Mutter sich mitten in die Wiener Walzer tanzenden Mitglieder des Ballett-Ensembles stellt, er von seiner Mutter (überzeugend als streng konservatives Pendant zu dem freiheitsliebenden Falco: Evi van Wieren) verhätschelt und abgewehrt wird, gerade in der Szene, als er in Elvis-Manier aufreizend tanzt und sie vom Bügeln abhalten möchte: Sowohl Kerbst als auch Blattner bringen den Falco überzeugend und authentisch rüber. Gequält von der Sehnsucht nach Liebe und dem Erfolgsdruck und immer wieder bedrängt von seinem Manager (in Tanz und Ausstrahlung überzeugend und nachdrücklich: Isaac di Natale) bewältigt Falco seinen Weg; seine musikalischen Aufführungen der oben genannten Hits sind authentisch und selbstbewusst. Immer wieder brilliert Johannes Blattner als »Ich« des Sängers und überdimensional immer wieder als Sigmund Freuds »Über-Ich« über der Bühne, der ihn gerade dann kritisiert, wenn er Dirnen oder dem Alkohol verfällt, was dem wahren Falco immer wieder passiert ist, wenn er privaten oder beruflichen Frust verspürt hatte, über Falcos musikalischen Darbietungen (als Jack, der Verführer, der die moralischen Verfehlungen jeweils unterstreicht, außerdem immer wieder überzeugend und brillant: Adrien Ursulet).

Gerade, wenn in den Umarmungen zwischen Falco alias Johannes Blattner und seiner Muse bzw. der idealisierten Vorstellung von Liebe und Zuwendung, Jeanny, (beide überzeugend und authentisch: Jeanny 1 und 2: Alba Valenciano Lopez und Yvonne Compana Martos) in der Kür und der Leidenschaft des Pas de deux sich umtanzen, umgarnen und teilweise erotisch werden, wird klar: Der vom Erfolg getriebene Falco hatte auch private Träume. Solche, die genauso wenig standhielten (siehe seine zahlreich gescheiterten Beziehungen innerhalb seiner tatsächlichen Biografie), wie auch seine Standfestigkeit im Beruf.

Zwischen Aufstieg und Fall: Falcos Leben

Jeanny verlässt ihn in der einen Szene, in der nächsten kehrt sie zu ihm zurück. Genauso steht und fällt Falco in seiner Karriere, man sieht als Zuschauer die viel umspielten Inszenierungen seiner Hits, Falco steht in entsprechenden Kostümen, zusammen mit dem Ballett (topp: Bühne und Kostüme von Olga von Wahl) immer wieder auf, während sein Gegenüber Hans Hölzel (Johannes Blattner) in persona immer wieder vor Zerrissenheit und Schmerz im Tanz des Balletts zu Boden geht.

Falco verfällt seiner Arroganz, seinem Schmerz über seine unglücklichen Beziehungen, darüber, dass er von seiner Mutter in eine ungeliebte Ausbildung gedrängt wurde.
Egal, ob am Anfang und am Ende des Stückes: Falco steht im imaginären und ausgestellten schwarzen Sarg über den Dingen, zuerst in der Beerdigungsszene, dann am Ende, als das stellvertretende Auto im Vorhang ins Aus rast und am Ende das Lied ›Out of the dark‹ erklingt und er stirbt.

THPF_Falco-Thespiritneverdies_Bild5_Kerbst_ValencianoLopez

Ein Ausblick, der sich für jeden lohnt, der sich Gedanken um sein eigenes Leben zwischen Rast und Ruhe macht – darüber, welche Prioritäten es sich lohnt, im Leben zu setzen.
Absolut empfehlenswert und nachdrücklich, gerade durch die musikalische Untermalung unter der Leitung von Frank Nimsgern.

| JENNIFER WARZECHA
| Fotos: SABINE HAYMANN

Titelangaben
Falco – The spirit never dies
Stadttheater Pforzheim
Ballett von Amy Share-Kissiov (Inszenierung und Choreografie)
und Frank Nimsgern (Musikalische Arrangements und Live-Begleitung)

Besetzung
Falco — Alexander Kerbst; Hans Hölzel — Johannes Blattner
Mephisto — Adrien Ursulet; Manager — Isaac di Natale
Jenny — Alba Valenciano Lopez; Mutter — Evi van Wieren

Inszenierung und Choreografie — Amy Share-Kissiov
Musikalische Leitung — Frank Nimsgern
Bühne und Kostüme — Olga von Wahl
Dramaturgie — Peter Oppermann

Aufführungstermine
Di, 03.10.2017: 20:00; Mi, 11.10.2017: 20:00
Sa, 14.10.2017: 19:30; Do, 19.10.2017: 20:00
So, 22.10.2017: 19:00; Fr, 27.10.2017: 19:30
Fr, 03.11.2017: 19:30; Do, 09.11.2017: 20:00
Fr, 10.11.2017: 19:30; So, 12.11.2017: 15:00
Fr, 17.11.2017: 19:30; So, 19.11.2017: 15:00
Sa, 30.12.2017: 19:30; Do, 11.01.2018: 20:00
Sa, 17.02.2018: 19:30

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Detektive sind wieder in

Nächster Artikel

»Kunst muss endlich definiert werden!«

Weitere Artikel der Kategorie »Bühne«

Wie die Liebe an zu tiefem Leiden scheitert

Bühne | Gift – Badisches Staatstheater Karlsruhe Ein Mann sitzt einsam auf einem Stuhl in einer Stuhlreihe, sein verlorener Blick wird durch die Weite des Raumes unterstrichen. Er (Frank Wiegard) wartet hier auf seine Ex-Partnerin, die er geliebt und mit der er zusammen ein Kind verloren hat. Unterstützt wird er bezüglich seiner erwartungsvollen Leere her nur von der Anwesenheit eines Kaffeeautomaten, der rechts in der Ecke im Bühnenbild zu sehen ist. Von JENNIFER WARZECHA

Was ist der »ideale Mann«?

Bühne | Oscar Wilde / Elfriede Jelinek: Der Ideale Mann

Interaktion mit dem Publikum steht bei dieser Vorstellung ganz klar im Vordergrund. Das erfährt man zu Beginn der Vorstellung von »Der ideale Mann« am Badischen Staatstheater Karlsruhe. Leonard Dick glänzt als Mason & Phipps und führt das Publikum im fast bis auf den letzten Platz besetzten Kleinen Haus zum Thema hin. Von JENNIFER WARZECHA

Was die Gitterstäbe spiegeln

Bühne | Woyzeck im Theater das Zimmer Hamburg

Einsamkeit. Stille. Dunkelheit. Kann das einen jungen Mann in den Wahnsinn treiben? Oder ist es nicht der Raum, sondern die Zeit und ihre Geschichte, die ihn einholen? Von MONA KAMPE

Die wilden 20er – Reloaded

Bühne | Show:Berlin, Berlin Berlin wuchs in den 1920er Jahren zur drittgrößten Stadt der Welt heran. Nach dem ersten Weltkrieg stand in den städtischen Theatern das Amusement an erster Stelle. Es wurde getanzt, gelacht und gesungen. Regisseur Christoph Biermeier präsentiert 100 Jahre später einen Einblick in das Goldene Zeitalter mit dieser ganz besonderen Revue. ANNA NOAH wurde Zeugin, wie das Flair dieser Zeiten mit »Berlin, Berlin« noch einmal lebendig wird.

Weniger Gequatsche, mehr Action bitte!

Bühne | Elvis – The Musical Elvis – hieß nicht mal ein berühmter amerikanischer Sänger so? Genau 42 Jahre ist es her, dass er tot aufgefunden wurde, ironischerweise im Alter von 42. Seit seiner Abwesenheit aus dem Showgeschäft gibt es keinen Star, der öfter parodiert, imitiert oder geehrt wurde. Wer war dieser Elvis Aaron Presley wirklich? ANNA NOAH sucht Antworten in einer Tribute-Show.