Kampf um Troja

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Kulturbuch | Eberhard Zangger: Die Luwier und der Trojanische Krieg

Wer nach Tikal oder sagen wir nach Angkor Vat verreist und sich über Land und Leute informiert, dem wird nicht entgehen, dass überall ein starkes Interesse daran besteht, die eigene Kultur und die eigene Geschichte zu sortieren. Von WOLF SENFF

Zangger - Die Luwier - 9783280056479 - 350Nein, dieser Gedanke hat nichts zu tun mit Nationalismus, sondern es handelt sich um ein legitimes Bedürfnis, sich selbst und die Lebensumwelt zu verstehen und seinen eigenen Platz zu behaupten. Muss ja nicht in allen Winkeln des Planeten Coca-Cola getrunken, Monsanto-Saatgut verstreut und Porsche gefahren werden.

Pomp & Gewese

Die Initiativen sind alle höchst ernsthaft und wichtig, und dazu zählen neben vielen anderen auch die Aborigines Australiens und die First Nations Nordamerikas. Sie sind zahlreicher, als wir denken, und sie werden von westlichen Medien nur am Rande wahrgenommen, außer es geht mal Spitz auf Knopf wie gerade in Katalonien. Bei der Globalisierung handelt es sich demgegenüber um eine zwar folgenschwere, jedoch rein ökonomische Bewegung, der es darum geht, maximal Knete einzuholen.

Das ist nicht immer leicht voneinander zu trennen. Jüngst fand unter großem Pomp und Gewese wieder die Frankfurter Buchmesse statt. Die Paralympics des Verlagswesens? Nein, gemein, wer sagt so etwas?

Aufräumen

Die Buchmesse ist eine Veranstaltung des globalen Verlagsgeschäfts. Der Exportweltmeister lädt Nation auf Nation Jahr um Jahr zur Selbstdarstellung vor aller Welt und prämiert einen Autor von internationalem Rang mit dem Friedenspreis – alles fein elitär, strikt hierarchisch und abgehoben wie hohe Politik- und Balltreterszene.

Eberhard Zanggers Arbeit über die Luwier illustriert die Mühen der Ebene. Sie taucht uns in eine Vergangenheit, die – so etabliert sie stets war – an einer markanten Stelle neu sortiert werden soll. Doch, ja, auch Vergangenheit muss hie und da neu gewichtet, »aufgeräumt« werden, das gilt für individuelles Leben wie für die Geschichte der Völker.

Eurozentrismus

Und Zangger – das macht seine Arbeit so bemerkenswert – trifft einen Nerv, es geht um einen Epochenwechsel, den der SPIEGEL in einer Rezension gar als nullten Weltkrieg tituliert. Klingt hochdramatisch. Und bitte wann soll das gewesen sein? Ach, Ende der Bronzezeit? Zweitausend vor Christi? In Anatolien? Krass. Das reißt uns mal heftig vom Hocker.

Genau das ist das Problem. Unsere Wahrnehmung ist auf Europa festgezurrt, und europäische Kultur, das ist antikes Griechenland und Rom. Und darum herum hat sich seitdem Geschichte entwickelt. Ja gewiss, um Europa herum. Eurozentristisch. Wir merken kaum noch, dass andere Regionen – wenn überhaut – ziemlich am Rande vorkommen.

Ein kultureller Umbruch

Nein, noch nicht einmal heutzutage ist die eurozentristische Sicht veraltet, und man hat zurecht den Eindruck, dass sie sich unendlich langsam wandelt. Mit Troja war ein Mythos entstanden, an dem sich über lange Zeiträume die europäische Identität definierte.

Deswegen zurück zu Eberhard Zanggers Publikation, in der wir die Verhältnisse in Kleinasien neu sortiert finden. Der Krieg um Troja sei keine ruhmreiche Gründungsakt antiker Kultur und der Kultur Europas gewesen, sondern die Etappe eines Machtkampfs, dessen Ende – der Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit im frühen zwölften Jahrhundert v. Chr. – durch einen tiefgreifenden kulturellen Umbruch geprägt sei.

Unbekannte Luwier

Die aristokratische griechische Oberschicht war ausgelöscht, Kunsthandwerk, Ingenieurwesen und Schriftkenntnis gingen innerhalb von zwei Generationen komplett verloren. Komplexe Wasserbauanlagen – Staudämme, künstliche Hafenanlagen u.a. – verfielen, da keine Instandhaltung möglich war. Davon lasen wir nichts in den Geschichtsbüchern? Ein Desaster. Totaler Absturz quasi von heute auf morgen, und es vergingen Jahrhunderte, bis ein vergleichbares zivilisatorisches Niveau erarbeitet war.

Zeitlich parallel brach die Herrschaft der Hethiter ein, die sich vorher über weite Bereiche Kleinasiens erstreckte. Zangger belegt anhand umfangreicher Ausgrabungen, dass diese epochalen Veränderungen durch die Luwier herbeigeführt wurden, die, wenngleich ihre Sprache verbreitet war, lange Zeit in den Altertumswissenschaften gar nicht erwähnenswert waren. So geht’s.

Starr und unbeweglich

Die mittlere und späte Bronzezeit in Westkleinasien ist eine Forschungslücke, und sie zu schließen ist eine quälend langsame Entwicklung, die aus der Zeit gefallen scheint. Die luwischen Hieroglyphen wurden erst in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entschlüsselt, ihre bekannt gewordenen Textdokumente der frühen Eisenzeit erst im Jahr 2000 publiziert.

Natürlich ist es spannend, ein brachliegendes Stück zu kultivieren, und sei es ein Abschnitt des Altertums. Lesevergnügen entsteht zusätzlich, weil Zangger mit der teils irreführenden, teils verwirrenden Forschungsgeschichte nicht hinter dem Berg hält. Dabei wirkt die etablierte universitäre Forschung völlig unbeweglich, während die Anstöße, die Versuche, umzudenken, neue Pfade zu ebnen, durchweg von interessierten Laien, Seiteneinsteigern, Privatgelehrten angezettelt werden.

Machtpositionen

Eberhard Zangger wird noch deutlicher. Der etablierten universitären Altertumsforschung gehe es im Prinzip darum, die Antike als sinnstiftend für das moderne Europa einzuordnen, deshalb spiele der Trojanische Krieg eine so zentrale Rolle, die Bedeutung der altanatolischen Kulturen hingegen werde in der universitären Forschung systematisch heruntergespielt.

Darin liegt die tiefere Ursache auch der erbitterten Konflikte um Eberhard Zanggers Forschungen, die als biographischer Erzählstrang einen erhellenden, ebenfalls höchst lesenswerten Teil dieser Publikation bilden. In den teils sehr persönlichen Konflikten wird ein knallharter Herrschaftsanspruch der universitären Lehre kenntlich, der mit hehren Ansprüchen von Wissenschaft und Forschung nichts zu tun hat. Machtpositionen werden auf hoher politischer Ebene mit unangenehmen Mitteln, die bis zur Erpressung reichen, durchgesetzt.

Respekt

Überraschend ist darüber hinaus die Aktualität: Zangger zieht ein lange Zeit verschollenes oder durch politische Interessen bis vor Kurzem zurückgehaltenes Dokument heran, den Beyköy-Text, der die Existenz und die Macht der Luwier belegt, die den Untergang des hethitischen Großreichs herbeiführten, in dessen Kontext auch der Krieg um Troja anzusiedeln ist.

Anno Krug, möchte man meinen, und: wen interessiert’s. Aber Hut ab vor einem Autor, dem es gelingt, erstens, ein knochentrockenes Thema so lebensnah darzustellen. Zweitens Hut ab vor dem Mut, sich als Einzelkämpfer gegen die herrschende universitäre Lehre aufzustellen.

Kulturimperialismus

Nicht nur in diesem Fall wird deutlich, wie notwendig es ist, verkrustete Strukturen aufzubrechen. Die Instrumentalisierung Trojas für die Grundlegung europäischer Kultur ist ein Hirngespinst, das aber jahrhundertelang in den Köpfen herumgeisterte und die Weltordnung stützen half.

Und? Wo stehen wir jetzt, da uns der scheinbar feste Boden unter den Füßen weggezogen wurde? Auch Homer ist nicht mehr, was er einst war, und die neuen Erkenntnisse sind ein wertvoller, eindringlicher Appell, historische Ereignisse nicht ideologisch zu überhöhen, sondern sie stattdessen einige Nummern kleiner einzuhängen. Dahinter versteckt sich zurecht auch der Vorwurf des kulturellen Imperialismus.

Die Forschungslücke

Das Kleinasien der mittleren und der späten Bronzezeit war, so Eberhard Zangger, eine Region diverser Königreiche und verschiedener Interessen wie Bündnisse. Dazu gehörten die Seevölker, unter denen die Luwier dominierten und die das lange Zeit tonangebende Reich der Hethiter zerstörten.

Sehr viel Genaueres weiß man nicht, von der Forschungslücke war bereits die Rede, und die Texte von Beyköy werden ein Beitrag sein, sie zu füllen. Unaufgeregt.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Eberhard Zangger: Die Luwier und der Trojanische Krieg
Eine Entdeckungsgeschichte
Zürich: orell füssli 2017
352 Seiten, 25 Euro
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