Aufregung, höchste Stufe

Jugendbuch |Andreas Jungwirth: Schwebezustand

Ja, die Pubertät ist anstrengend. Ja, sie verursacht mitunter Probleme. Wenn dazu Schwierigkeiten auftauchen, die das Leben so bringt, können die Wogen durchaus hochschlagen. Als Dauerzustand ist das aber nicht zu ertragen. Nicht einmal in einem Buch. Von MAGALI HEIẞLER

Jungwirth SchwebezustandSie waren drei, so lange Sophie denken kann, drei Prinzessinnen, Vanessa, Susa und eben Sophie. Was sie angeht, so könnte das so weitergehen, aber genau das geht es nicht. Vanessa hat Jonas kennengelernt. Sophie weiß nicht, was sie davon halten soll. Das gilt auch für eine Veränderung in ihrer Familie. Ihr Vater arbeitet seit einiger Zeit in Salzburg und ist nur am Wochenende zu Hause in Wien. Es ist ausgerechnet Jonas, der Sophies Leben zum Explodieren bringt. Durch ihn lernt sie Moritz kennen, fünf Jahre älter, und aufregender als alles, was sie bisher erlebt hat. Das ist eine gute Ablenkung, denn zwischen ihren Eltern kriselt es auf einmal. Oder vielleicht doch nicht gut. Moritz verhält sich derartig seltsam, dass Sophie anfängt, an ihrem Verstand zu zweifeln.

Dass sich auch Paul in ihr Leben einmischt, bemerkt sie lange nicht. Als sie es bemerkt, ist sie mehr verwirrt als erfreut. Paul erweist sich zwar als Retter in Notlagen, Probleme trägt er jedoch gleichfalls mit sich herum. Und die sind alles andere als klein.

Verwaschenes und das Grollen von Theaterdonner

Es sind nicht wenige Figuren, die Jungwirth auftreten lässt. Der Aufbau seiner Geschichte macht klar, dass zwei davon die wichtigsten sind, Sophie und Paul, wobei Sophie das Zentrum ist und Paul derjenige, der am nächsten um sie kreisen darf. Die beiden Freundinnen, Jonas, Moritz, die Eltern sowie Pauls Familie samt Freunden geraten unvermutet rasch aus dem Fokus. Nicht, dass ihnen nicht Auftritte vergönnt werden. Niemand wird vergessen. Sie geraten nur zu stereotyp, bleiben blass und sind nicht wirklich interessant. Das hat man alles schon gelesen-gesehen-gehört. Und nicht nur hundert Mal.

Um Leben hineinzubringen, bedient sich Jungwirth vordergründiger Effekte, Glitzer, Glimmer, Theaterdonner. Das treibt die Handlung vorwärts, rasant zuweilen, bringt aber wenig Entwicklung der Charaktere und läuft am Ende ins Leere. Eine Episode im Leben Sophies findet einen Abschluss. Ob sie wichtig war oder Folgen hat über eine schlichte Paarbildung hinaus, wird nicht gesagt. Nur hat man dann schon ein paar Stunden Lesezeit hinter sich.

Rauschzustand, Geschwindigkeitsrausch, Höhenrausch, Erkenntnisrausch, das lässt der Autor gekonnt, mitunter beeindruckend gut heransausen und nutzt die Benommenheit der Leserin, um es schnell wieder verschwinden zu lassen. Vanessa darf ausrasten, sie ist eben so. Moritz darf seine psychischen Probleme ausleben, er ist eben so. Das Gleiche gilt über zu lange Strecken für Pauls Großvater. Für Sophie sowieso. Ihr Leben ist so schrecklich, schrecklich kompliziert. In dem Fall ist demnach alles erlaubt. Auch dem Autor. Die Szene, die gleichermaßen Sophies Schutzlosigkeit wie Wiedergeburt auf den wörtlich zu verstehenden Fetzen ihrer bisherigen Ausstattung abbildet, ist eher naiv-absurd als ergreifend. Dass sie nahezu unkommentiert bleibt und Sanktionen jeglicher Art für ein derart unverantwortliches und egoistisches Verhalten einer immerhin Vierzehnjährigen nicht folgen, macht es nur schlimmer. Gibt einer das Leben mal einen Puff, so scheint die Botschaft zu lauten, darf man alle Regeln brechen und sich ausleben, wie immer es gefällt. Der Zeitgeist weht gewaltig.

Nabelschauen

Dieses Wehen macht sich überall in dieser Geschichte bemerkbar. Die Figuren kreisen vornehmlich um sich. Das ist nicht ganz falsch, was Jugendliche in der Pubertät angeht, falsch ist jedoch, dass es kein Korrektiv zu geben scheint. Die einzige Weisung, die schwächlich am Horizont winkt, ist, dass wir alle lieb und verständnisvoll miteinander umgehen sollen. Das wird zudem verwässert, weil diesem Verhalten als unausweichliche Folge ein rosarotes Ende angedichtet wird. Sentimentaler Unsinn, also.

Der im Titel des Buchs angeführte Schwebezustand bleibt erhalten, weil der Autor konsequent der facettenreichen Realität ausweicht. Sophie wird unter dieser Behandlung endgültig zur Prinzessin, deren Probleme der edle Ritter Paul löst. Dazu, Gartenstühle aufzustellen und Paradies hoch auf dem Dach zu spielen, reicht es bei ihr immer. Flüchten, wegträumen, ist so wunderbar. Sich den eigenen Problemen stellen und selbst zur Lösung beizutragen, innere Reife zu erwerben, das steht nicht auf dem Programmzettel.

Überhaupt schweben Sophie und ihre beiden Freundinnen seltsam unbeschäftigt und ungefordert durchs Leben. Wenn sie nicht den Schulunterricht besuchen, sitzen sie im Café, trinken angesagte Getränke und plappern übers Shoppen. Kein Wunder, dass schon der erste Blick in die komplexe Realität sie erschreckt und die Probleme unüberwindbar scheinen. Paul dagegen ist ein Muster an Einsicht. Er sagt und tut stets das Richtige. Armer Kerl. Der Pegel der allgemeinen Aufgeregtheit klettert dabei hoch und höher. Es wird geschrien, getobt, ausgerastet, Reifen quietschen, Motoren brüllen, Musik hämmert. Angesichts der Lautstärke ist es schwer, einen klaren Gedanken zu fassen.
Wozu auch. We do what we do, Sophies Lieblingssong ist der passende Schlager dazu. Wir tun, was wir tun. Leider nicht mehr. Eben das ist das Problem.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Andreas Jungwirth: Schwebezustand
München: cbt 2017
317 Seiten. 9,99 Euro
Jugendbuch ab 14 Jahren
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