Unterwegs

Jugendbuch | Jen Malone: Acht Städte, sechs Senioren, ein falscher Name und der Sommer meines Lebens

Manchmal muss das Schicksal ganz besondere Aufgaben bereithalten, um einen aus der Reserve zu locken. Dabei kann Ungeahntes geschehen. Von ANDREA WANNER

Acht Städte, sechs Senioren, ein falscher Name und der Sommer meines LebensEs fühlt sich ein bisschen wie ein Hase-Igel-Spiel an: egal was Aubree macht, ihre ältere Schwester Elizabeth war immer schon da. Schneller, schöner, klüger, besser. Also schraubt Aubree ihre Ansprüche an sich selbst und ihr Leben auf ein Mindestmaß herunter. Elizabeth wäre sowieso besser. Die hat jetzt ihr College hinter sich und einen Job als Wahlhelferin bei einem Politiker in Aussicht. Und Aubree will nach der High-School nicht mal zu Hause ausziehen.

Dann allerdings geschieht etwas, das die Kleine in eine Zwickmühle bringt: Elizabeth hat ihr aus einer Patsche geholfen und erwartet nun eine Gegenleistung. Denn der ersehnte Job ist gefährdet. So muss sich Aubree als ihre ältere Schwester ausgeben und eine Seniorenbusreise auf ihrem Bustrip durch Europa begleiten.

Was andere vor Begeisterung hätte jubeln lassen, erfüllt die 17jährige mit Panik. Ein Flug nach Europa, Verantwortung für eine Reisegruppe, unterwegs sein in fremden Ländern, von denen sie keine Ahnung hat, ist das Gegenteil von dem, was sie will. Daheim ist es am schönsten, hat sie vor langer Zeit beschlossen, und weder Neugierde noch Fernweh entwickelt. Eine generalstabsmäßige Vorbereitung (geheim, denn die Eltern dürfen nichts von dem Plan wissen) und ein dicker Ordner voll mit all denen überlebensnotwendigen Informationen, die die Reise gelingen lassen sollen, trösten sie ein wenig. Und dann beginnt das Abenteuer, reiht sich Komplikation an Komplikation, geht schief, was nur schiefgehen kann – und Aubree wächst über sich hinaus.

Jen Malone hat sich für die Reisegruppe wunderbar skurrile Seniorinnen und Senioren ausgedacht, die sämtliche Klischees erfüllen. Die Tour führt von Amsterdam über Braubach am Rhein nach Salzburg, Wien, Prag, Venedig, Cinque Terre bis Monaco, wobei sich durch eine Seniorenreise ihrer Großmutter inspirieren ließ. Europa durch die Augen einer Amerikanerin gesehen, wirkt ebenso frisch wie naiv und lässt ein buntes Postkarten-Europa vor den Augen der Leserin entstehen, die perfekte Kulisse über diverse Fettnäpfchen und eine wundervolle Liebesgeschichte.

Malone erzählt ausführlich, widmet sich den äußeren Details ebenso wie den inneren Konflikten ihrer Heldin, die sich selbst Tag für Tag besser kennenlernt und am Ende in der Lage ist, endlich selbstbewusst und verantwortlich eigene Entscheidungen zu treffen. Verpackt ist das in einen leichten, unterhaltenden Roman, der einfach Spaß macht – auch wenn es durchaus ernste Probleme gibt – und schon mit seinem Luftpostcover und den unterschiedlichen Stempeln einladend Lust aufs Reisen macht.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Jen Malone: Acht Städte, sechs Senioren, ein falscher Name und der Sommer meines Lebens
(Wanderlost, 2016). Aus dem Englischen von Jessika Komina und Sandra Knuffinke. Bamberg: Magellan 2018
320 Seiten, 17 Euro
Jugendbuch ab 13 Jahren
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