Hungerkünstler

Roman | Sophie Divry: Als der Teufel aus dem Badezimmer kam

›Als der Teufel aus dem Badezimmer kam‹ könnte für den ungewöhnlichsten Romantitel des Jahres nominiert werden. Preiswürdig und herausragend ist die Buchgestaltung ebenso. Denn in Sophie Divrys tragikomischem Prekariats-Roman kämpft eine arbeitslose Journalistin – ganz arme Poetin! – mit kreativen Methoden gegen Hunger, Langeweile und Verzweiflung an. Von INGEBORG JAISER

Der soziale Abstieg erfolgt in Etappen. »Ich habe eine Phase durchgemacht, in der mein Einkommen um zwei Drittel schrumpfte und mein Wohnraum sich von achtzig auf zwölf Quadratmeter reduzierte«, gesteht die Ich-Erzählerin Sophie.

Erst wird ihr die Festanstellung gekündigt, dann bleiben die Aufträge als freie Journalistin aus, schließlich geht das Arbeitslosengeld in Sozialhilfe über. Auch an diesen Zustand kann man sich gewöhnen. Doch als die Nebenkostennachzahlungen ihre mageren Ressourcen übersteigen, geht es wahrlich ans Eingemachte.

Luzider Alptraum

Sophie ernährt sich von Ravioli und Getreidekaffee, versetzt ihre literarischen Erstausgaben und überlegt sich, ob sie als nächstes den Toaster oder den Entsafter bei Ebay versteigern soll. Ja, es macht sich genüsslich breit, »dieses große, schlaffe, grausame, klebrige, ekelhafte Biest namens Bedürftigkeit, diese verfluchte Hungertuchnagerei und Kirchenmäusigkeit.« So oft sie auch ihren Maileingang und ihren Kontostand checkt, es geschehen keine Wunder.

Porös vor Hunger und pekuniären Albträumen fiebert, fantasiert und fabuliert sich Sophie durch Speisefolgen und Essenseinladungen. Doch selbst eine Familienfeier bietet nur kurzfristige Erlösung. »Das frische Brot plumpste mir in den Magen wie Rettungsringe, die man einem Menschen zuwirft, wenn er über Bord gegangen ist.« Schon anderntags liegt Sophie mit rebellierenden Gedärmen gequält zu Bette. So eindringlich hat seit Knut Hamsun niemand über Hunger geschrieben.

Sprechender Toaster

So weit, so tragikomisch. Denn Sophie weiß ihrer Misere durchaus auch humorvolle Seiten abzuringen. Sei es im abstrusen Mailverkehr mit ihrem platonischen Freund Hector (einem sexbesessenen, ebenfalls arbeitslosen Musiker), sei es im Kampf gegen den imaginierten Teufel Lorchus, dessen Verlockungen an allen Ecken lauern. Denn auch als arme Poetin gelüstet es einen nach unvernünftigen Genüssen.

Da treibt Sophies ausgehungerter Geist seltsame Kapriolen, entlädt sich in den Wehklagen des Toasters, in träumerischen Nebenschauplätzen und verworrenen Seitensträngen neuer Geschichten. So zerfließt die Binnenerzählung langsam in Meta-Meta-Ebenen und verliert genüsslich den roten Faden. Das dürfte nicht jeden Lesers Geschmack treffen und manchen zum Lektüreabbruch verleiten. Aber beschwere sich keiner: Der Untertitel war Warnung genug!

Konkrete Poesie und rabenschwarze Icons

Dennoch birgt Sophie Divrys Prekariatsroman – neben den eindringlichen Schilderungen sozialer Ausgrenzung durch Arbeitslosigkeit, Armut und bürokratische Schikanen – auch große Überraschungen: das sorgsam gestaltete Buch wartet mit einem wahren Feuerwerk an kreativen Wortneuschöpfungen und konkreter Poesie, an experimentellen Layouts und inszenierter Typographie auf. Eine gewaltige Herausforderung für die Buchgestalterin Annika Preyhs und die Übersetzerin Patricia Klobusiczky.

Wer einen neugierigen Blick in ihre Arbeitswerkstätten erhaschen möchte, sollte daher unbedingt die auf rabenschwarzem Papier gedruckten Bonusseiten konsultieren. Der Teufel lässt grüßen!

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Sophie Divry: Als der Teufel aus dem Badezimmer kam
Ein Improvisationsroman voller Unterbrechungen und ohne Anspruch auf Tiefgang
Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky
Berlin: Ullstein 2017
271 Seiten. 21,00 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Einbruch in die Komfortzone

Nächster Artikel

Das Heft des Staunens

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Zwischen Gretel Adorno und Doktor Faustus

Roman | Andreas Maier: Die Universität Andreas Maier hat die nächste literarische Etappe seiner großen autobiografischen Lebensrundfahrt bewältigt. Der Roman Die Universität ist der sechste von elf geplanten Bänden des autobiografischen Mammutprojektes mit dem Arbeitstitel »Umgehungsstraße«. Über Kindheit, Jugend und Pubertät in der hessischen Wetterau – ein Landstrich zwischen Gießen und Frankfurt – haben die Vorgängerwerke Das Zimmer (2010), Das Haus (2011), Die Straße (2013), Der Ort (2015) und Der Kreis (2016) des 1968 in Bad Nauheim geborenen Autors berichtet. Von PETER MOHR

Das Horn in der Brust

Krimi | Leonhard F. Seidl: Viecher Leonhard F. Seidl legt im neuesten Krimi so richtig los. Und auch sein Privatdetektiv Freddie Drechsler gerät in seinem zweiten Fall richtig in Fahrt. Im wahrsten Sinne des Wortes darf er mal richtig die Sau rauslassen, pardon, den Stier an den Hörnern packen. Viecher ist wie schon Genagelt (2014) wieder ein extrem mörderischer, zugleich bajuwarisch burlesker Text – eine Mischung aus gewohntem tiefschwarzen Politsumpf und tierischem Vergnügen. Von HUBERT HOLZMANN

Ein wenig Leben

Roman | Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben Er hört ihnen allen geduldig zu, doch über sich selbst schweigt er. Judes Freunde kennen seine Vergangenheit nicht. Sie haben aufgehört, Fragen zu stellen, denn er würde ihnen ausweichen. Sie lieben ihn einfach, so wie er ist. Doch er selbst kann es nicht, denn die Wahrheit holt ihn immer wieder ein. Von MONA KAMPE

Hass plus Wehmut gleich Liebe?

Roman | Toni Morrison: Liebe

Toni Morrisons neuer Roman ›Liebe‹ ist eine Geschichte um einen Frauenschwarm, der auch dann noch das Leben seiner Anbeterinnen bestimmt, als er längst tot ist. Vor diesem Hintergrund entwirft die Autorin beeindruckende Frauenpsychogramme. Von BARBARA WEGMANN

Geboren, um zu sterben

Roman | Malin Schwerdtfeger: Delphi

In ihrem zweiten Roman ›Delphi‹ kreist Malin Schwerdtfeger um das Leben in fremden Kulturkreisen und um die Gratwanderung zwischen Außenseitertum und Anpassung. Von PETER MOHR