Das Fremde verstehen, mal wieder

in Kinderbuch

Kinderbuch | Franziska Meiners: Das Flüstern des Orients

Das Fremde fasziniert, weil es anders ist. Leider löst das nicht unbedingt aufrichtiges Interesse, sondern vielfach Angst und Ablehnung aus. Dagegen muss etwas getan werden! Franziska Meiners, Jungautorin und -illustratorin, stürzt sich tollkühn ins Schaffen von Verständigung. Von MAGALI HEIẞLER

Das Flüstern des Orients Geschichten erzählen ist ganz sicher etwas, das Interesse an Fremden nicht nur wecken, sondern auch wachhalten kann. Märchen anderer Kulturräume vorzustellen, ist eine gute Idee. Sechs Geschichten hat Meiners ausgewählt, die von schönen Mädchen und Prinzen, von Geistern, Schätzen, großen Bedrängnissen und der großen, großen Liebe erzählen.

Doch das ist nicht alles. Neben den Märchen gibt es kleine Beiträge zu Geographie und Schriftsprache des Kulturraums, ein Verzeichnis besonderer Ausdrücke wie Ghoul oder Kadi, Bilder aus den Geschichten zum Abmalen, Durchpausen oder auch Ausmalen und sogar eine Falttafel mit den Buchstaben des arabischen Alphabets, die man in Einzelkärtchen zerlegen kann zum Lernen und Üben. Zusammen mit den zahlreichen einfallsreichen Illustrationen ist das Buch rundum ein Beleg dafür, wie sehr der jungen Autorin kulturelle Verständigung am Herzen liegt. Leider reichen Gefühle nicht, nie, im Übrigen. Vernunft und Wissen müssen dazu und daran hapert’s dann doch.
Das fängt schon beim Titel an.

Der romantische europäische Blick

Der Titel ist bestenfalls rätselhaft. Was und warum geflüstert wird, erschließt sich jedenfalls nicht. Einem »Orient« verhaltene Lautstärke zuzuschreiben, noch weniger. Sowohl die Begrifflichkeit wie auch die Koppelung deuten auf einen verklärt romantischen Blick auf einen Kulturraum beträchtlicher Vielfalt und Unterschiedlichkeiten, die sich nicht nahtlos zusammenaddieren lassen. Hier wird Geheimnisvolles aus Nichts gewoben, das Erzählen von Märchen sinnlos romantisiert. Unterstützt wird das durch eine eher kitschige Vignette zweier Figuren unter der Mondsichel, von denen einer der anderen etwas ins Ohr flüstert.

Das Vorwort macht die Sache nur schlimmer. Da wird ein magisches Morgenland heraufbeschworen und die Tradition der Geschichtenerzähler. Zum einen waren diese nicht wegen ihres Flüsterns berühmt, zum anderen nicht die einzigen, die Märchen erzählten. Das taten auch Großmütter und Väter, Onkel und Mütter. Und sie tun es noch. Das ist die eigentliche Magie der Märchen, dass sie weiterleben. Nicht dass sie in magischen Flüstergefilden abgehandelt werden.

Von den Realia des Gebiets hätte die Autorin insgesamt besser die Finger gelassen. Der Versuch, die Begrifflichkeiten wie Orient, Naher Osten u.ä. zu klären, geht, wie üblich, am Problem vorbei. Nämlich dass Bezeichnungen, die nicht aus der Kolonialzeit stammen, bis heute fehlen. Zu loben ist, dass unter den Ländern Palästina genannt wird.

Bei Sätzen wie: »Das Klima im Nahen Osten ist meist heiß und trocken. Deswegen tragen viele Menschen(sic!) dort ein Kopftuch(sic!), um sich vor der Sonne zu schützen.«, kann man höchstens den Kopf schütteln. Dass religiöse und traditionelle Gründe für das Kopftuch nachgeschoben werden, verbessert weder den Lapsus noch den Beleg für die Ahnungslosigkeit bezüglich der klimatischen Lage. Nebenbei bemerkt waren in Europa Kopfbedeckungen bei beiden Geschlechtern bis weit nach dem 2. Weltkrieg sehr verbreitet, in manchen Ländern sind sie es immer noch.

Kurdisch wird genannt, immerhin, aber ebenso wie beim Persischen wäre es informativ gewesen, anzufügen, dass es sich dabei um andere Sprachfamilien handelt. Den Abschnitt über das Arabische, allgemein wie geschrieben, überblättert man am besten, will man nicht wie die Autorin in die übliche Falle der nicht ausgeschriebenen Vokale gehen, obwohl die Schrift sehr wohl Zeichen für A, I und U hat oder der angeblichen besonderen Komplexität des Alphabets. Am besten fängt man gleich mit dem Nachschreiben der Buchstaben an, es gibt leere Zeilen dafür, prima.

Vom Rotstift und spannenden Illustrationen

Das Flüstern des Orients LeseprobeZur Auswahl der Geschichten dagegen schweigt sich die Autorin aus. Es gibt keine Hinweise auf ihre Herkunft, abgesehen von vagen Bezeichnungen unter dem jeweiligen Titel, wie ›Eine arabische Erzählung‹ ›Nach Tausendundeine Nacht‹ oder ›Syrien‹. In einem Interview im Deutschlandradio vom Februar dieses Jahres erwähnt Meiners eine unabhängige Non-Profit Organisation, aus deren Fundus sie geschöpft hat. Im gleichen Interview erfährt man auch, dass sie ihre Geschichten kindgerecht geglättet hat. Diese Auskunft vermisst man im Buch. Sie wäre wichtiger gewesen als halbgare Abhandlungen über Geographie und Sprache. Zumal sich die Autorin nun die Frage gefallen lassen muss, wie »echt« die Märchen denn wirklich sind.

Sieht man davon ab, findet man auf jeden Fall sechs flüssig und recht spannende erzählte Märchengeschichten, die man gleichermaßen vorlesen, wie auch selber lesen kann und die durchaus geeignet sind, Neugier auf arabische Märchen zu wecken.

Wodurch das Buch tatsächlich besticht, sind die Illustrationen, die Ausstattung und das Layout. Darin erkennt man die eigentliche Stärke von Meiners. Reduziert in Form, Linien und Farbgebung tut sich hier ein Raum auf, in dem man die Fantasie schweifen lassen kann. Rot und Blau sind die Grundfarben, der Hintergrund bleibt weiß. Cyan ergänzt das Blau, übereinander gedruckt ergeben sich überraschend schöne Nachtbilder. Hin und wieder wird Gold hingetupft, es gibt sogar goldene Seiten, verhaltene Pracht, weit weg vom Orient-Kitsch. Die Figuren sind zweidimensional, oft steifbeinig. Wie auch der Aufbau der Bilder erinnern sie an Kinderzeichnungen. Die Lebendigkeit, die sie vermitteln, weisen aber unstreitig auf Künstlerinnenhand.

Das Flüstern des Orients

Das Spiel mit Formen geht so weit, dass jeder Geschichte ein eigenes Muster zugewiesen wird, jeweils eine ganze Buchseite groß. Neben großflächigen Illustrationen finden sich Vignetten, Verzierungen und viele kleine Details, die erst beim mehrmaligen Betrachten ins Blickfeld rücken und die Beschäftigung mit dem Buch immer wieder kurzweilig machen.

Weniger Naivität, mehr solides Wissen und künstlerische Überzeugung, auch was die Authentizität der Geschichten angeht, hätten dem Text gutgetan und aus der kleinen hoch ambitionierten Märchensammlung etwas gemacht, das wirklich zum Kennenlernen einer fremden Welt beiträgt. So bleibt es leider auf halber Strecke stecken. Bitte nicht gut meinen, in Zukunft. Gut machen.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Franziska Meiners: Das Flüstern des Orients
Zürich: NordSüd Verlag 2018. 112 Seiten. 25 Euro.
Kinderbuch ab 6