/

Die Magie des Breakdance

Bühne | Tanzshow | Flying Illusion

Genau zwölf Breakdancer braucht es für die Inszenierung des alten Kampfes: Gut gegen Böse. Was die Zuschauer erwartet? Spektakuläre Akrobatik mit effektgeladenen Bühnenbildern. Diese wurden mit aufwändigen 3D-Projektionen versehen. Dabei scheinen die Grenzen tänzerischen Könnens auf magische Weise aufgehoben zu werden.
ANNA NOAH feiert die lang erwartete Show-Premiere der Breakdance Weltmeister.

Wie alles begann…

Flying-Steps Flying-Illusion Foto Wilhelm Westergren RedBullContentPool

1993 gründete Vartan Bassil die »Flying Steps«.
Mit den unkonventionellen, noch nie dagewesenen Choreographien gewannen die Jungs etliche Meisterschaften der Red Bull Beat Battles sowie das Battle of the Year (1994 und 2000).
2010 werden aus den Sinfonien Beethovens mit Hiphop und jeder Menge Beats neu »verbreakdancet«. Choreograph Christoph Hagel bricht mit den klassischen Formaten und inszenierte Mozarts Zauberflöte sowie Haydns Orpheus und Eurydike als Klassik-Hiphop-Crossover in Berliner U-Bahnhöfen.
»Flying Bach« vereinte diese musikalisch schräg anmutende Fusion und Hagel bekam dafür 2010 den ECHO Sonderpreis.

Christoph Hagel
Christoph Hagel wuchs in Baden-Württemberg auf und erhielt seine musikalische Ausbildung in Wien, München und Berlin sowie in New York City bei Leonard Bernstein und Sergiu Celibidache. Sein Schwerpunkt ist das Opernschaffen Mozarts. Neben seinem Engagement vor allem im Berliner Bereich war Hagel auch mehrere Jahre in Lateinamerika tätig. Zwischen 1999 und 2001 hatte er die Aufgabe des Chefdirigenten des Symphonieorchesters und Direktors des Konservatoriums von Ibagué in Kolumbien inne.
Heute ist er Dirigent, Regisseur, Pianist, Erfinder neuer Kulturformate des Cross Over und Leiter vieler Opernaufführungen in Berlin.
Das war dann auch der Durchbruch zu weltweitem Interesse. Die Show kombiniert Johann Sebastian Bachs Wohltemperiertes Klavier mit dem urbanen Tanzstil. Im Jahr 2012 sorgte das Stück für viel Aufsehen, weil nie jemand zuvor ein abendfüllendes Programm in der Art aufgeführt hatte.
Die offizielle Tanzschule der Gruppe umfasst drei große Tanzräume auf 700 Quadratmetern. Mittlerweile wirbelten sie auch schon im ehemaligen Plenarsaal des Bundestags in Bonn und beim Sommerfest des Bundespräsidenten herum.

»Flying Illusion« ist die Weiterentwicklung der ersten Show mit eigener Musik und viel Magie. Vartan Bassil geht es dabei nicht um Marketing, sondern um das, was auf der Bühne geschieht. »Im Vordergrund stehen der Tanz und das Erzählen mit der Körpersprache. Das ist sehr reduziert, aber wirkungsvoll. […] Wir wollten Magie und Breakdance zusammenbringen«, sagte Bassil 2014 in den Stuttgarter Nachrichten.

Licht und Schatten

Wenn die Pforte zur Unterwelt sich aufgrund einer besonderen Planetenkonstellation öffnet, steht ein unausweichlicher Kampf an. Nun wird sich erneut entscheiden, welche Magier die Weltherrschaft übernehmen werden. Zwölf der besten Tänzer der Welt begegnen sich auf der Bühne, eingebettet in die Geschichte des ewigen Kampfes zwischen dem Licht der Liebe und der totalen Finsternis. Die »Flying Heroes« kämpfen auf der Bühne gegen die »Dark Illusions«.
Das gesamte Konzept der filmreifen »Flying Illusion«-Show ist auf Licht und Schatten ausgerichtet. Dies überspielt den etwas schwachen roten Faden der Story.

Doch durch die vielen Breakdance-Einlagen, optischen Illusionen und Hologramm-Interaktionen vergisst der Zuschauer recht schnell, dass alles nur inszeniert ist.
Der besonders urbane Soundtrack stammt von den Berliner Komponisten und Produzenten Ketan und Vivan Bhatti. Mächtige, elektronisch erzeugte HipHop-Beats werden mit den Aufnahmen eines 34-köpfigen Symphonieorchesters vermischt.
Das perfekte Zusammenspiel von Darstellung und Musik entführt die Zuschauer an vielen Stellen in einen perfekten Traum. Ein Tänzer, der immer wieder heraussticht, ist Lil Amok. Seine spektakulären Powermoves sollte man sich  nicht entgehen lassen. Doch auch alle anderen Tänzer der »Flying Steps« springen sich mühelos in die Herzen der Zuschauer, einer dreht sich im Headspin ewig auf dem Kopf, teilweise sogar vom Boden losgelöst und alle zusammen entfachen ein Wow nach dem anderen.

Als weiteres Extra obendrauf gibt es noch Überraschungseffekte von Florian Zimmer. Echte Tänzer kämpfen gegen computeranimierte Feinde. Die Bewegungen der Crew werden in Lichteffekte übersetzt. Nur so gibt es eine perfekte Illusion zwischen dem Wechsel: animiert – echt. Mal ist ein Darsteller auf der Bühne, zwei Sekunden später taucht er auf dem Bildschirm auf und der Gegner ist plötzlich real.

Breakdance und die Hochkultur

Viele sehen im Breakdance womöglich ausschließlich eine Beschäftigung für Jugendliche, die ihr Leben überwiegend auf der Straße verbringen. Doch Vartan Bassil und seine Crew haben bewiesen, dass man auch hochprofessionell viele Menschen damit begeistern kann. Durch seinen Einfallsreichtum wird Breakdance nicht mehr nur belächelt, sondern etabliert sich immer mehr als richtige Kunstform und wird auch als solche wahrgenommen.

Flying-Steps Flying-Illusion Foto Dirk-Mathesius RedBull ContentPool

Die »Flying Steps« bringen in dieser Show, die einem pausenlos den Atem nimmt, Sachen zusammen, die höchstens im Traum funktionieren – wenn überhaupt.
Auch hier mag es Kritiker geben, die den Charakter des Breakdance in der Subkultur als  gefährdet sehen. Jedoch muss man sich wohl um einen Abbruch der Leidenschaft durch die Aussicht auf Profit keine Sorgen machen. Das sieht und spürt man in der Show deutlich: Breakdance ist das Leben dieser Tänzer.

| ANNA NOAH
| FOTOS: WILHELM WESTERGREN / DIRK MATHESIUS (RedBull ContentPool)

Showangaben
Flying Illusion (Semmel Concerts Entertainment GmbH)
Darsteller: various
Künstlerische Leitung: Vartan Bassil
Musik: Ketan und Vivan Bhatti
Choreographie: Benny Kimoto
Spezialeffekte: Florian Zimmer

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Family Horrors And Hidden Paradises: New Album Reviews

Nächster Artikel

Eine Lektion in Sachen Fairness

Weitere Artikel der Kategorie »Bühne«

Was ist der »ideale Mann«?

Bühne | Oscar Wilde / Elfriede Jelinek: Der Ideale Mann

Interaktion mit dem Publikum steht bei dieser Vorstellung ganz klar im Vordergrund. Das erfährt man zu Beginn der Vorstellung von »Der ideale Mann« am Badischen Staatstheater Karlsruhe. Leonard Dick glänzt als Mason & Phipps und führt das Publikum im fast bis auf den letzten Platz besetzten Kleinen Haus zum Thema hin. Von JENNIFER WARZECHA

Takt zwischen Schrott und Mülltonnen

Live | Bühne: STOMP Es ist ein Rhythmusspektakel der besonderen Art, das seit mehr als fünfzehn Jahren für Furore sorgt! Die Macher von ›STOMP‹ erfinden für die Perkussions-Kunst eine völlig neue Identität. Dies schafft das Ensemble einzig und allein durch Fingerschnippen, Besenschwingen, Feuerzeugklicken und Mülltonnenklappern. Man kann sagen, dass die Darsteller neue Maßstäbe im Trommeln setzen. ANNA NOAH will wissen, ob Schrott allein wirklich für eine gelungene Abendunterhaltung taugt.

»Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage«

Bühne | ›Sein oder Nichtsein‹ von Nick Whitby nach dem Film von Ernst Lubitsch Komödie und Satire gelten als die besten Mittel, um durch den Witz oder Aberwitz des Moments eigentlich ernste Tatsachen zu hinterfragen. Filmregisseur Ernst Lubitsch (1892 – 1947) war in den Jahren seines Schaffens angesichts zweier Kriege und dementsprechend widriger Umstände häufig dazu gezwungen, das zu nutzen, um filmisches Geschehen auf die Leinwand bringen und damit, wie im Falle der Komödie ›Sein oder Nichtsein‹, der Zensur entgehen zu können. Von JENNIFER WARZECHA

»Da steh ich nun, ich armer Tor!«

Bühne | Goethes Faust I-Inszenierung Stadttheater Pforzheim ›Faust. Der Tragödie erster Teil‹ wurde bereits vielfach aufgeführt und verschiedentlich sowohl in der Primär-, als auch der Sekundärliteratur innerhalb der Literaturwissenschaft gewürdigt. In Pforzheim kommt er, in Inszenierung und Bühne von Thomas Münstermann, den Kostümen von Alexandra Bentele, Video von Philippe Mainz und unter der Dramaturgie von Peter Oppermann, mit der Figur des Dr. Heinrich Faust in mehreren Variationen daher. Von JENNIFER WARZECHA

Von der Natur der Sache

Musik | Festival: »Katarakt« – Kampnagel Hamburg Was soll man lange herumreden: In jedem Fall ist es außerordentlich schwierig, experimentelle Musik zu beschreiben. Das liegt in der Natur der Sache. Theoretische Ansätze fruchten da wenig. Es gibt allerdings Leute, die darin einen Vorzug sehen. Doch. Von WOLF SENFF(Foto: Mark Bond)