1380 Sekunden

Roman | Bettina Wilpert: nichts, was uns passiert

Eine Partynacht, viel Alkohol, zwei unterschiedliche Ansichten: Anna ist völlig verstört, weil Jonas sie vergewaltigt hat. Doch der behauptet, es war einvernehmlich. Dies ist nicht nur für die beiden der Beginn einer schmerzhaften Suche nach der Wahrheit. Von MONA KAMPE

Bettina Wilpert - Nichts Was uns passiert»Hannes half Jonas, Anna die Treppen hochzubringen. Die Wohnung lag im dritten Stock, Anna hätte es allein nicht geschafft. Sie war so betrunken, sie konnte nicht mehr stehen, und es war besser, wenn sie bei Jonas übernachtete. Jeder vernünftige Freund hätte so gehandelt. Er dachte später oft darüber nach, ob er etwas falsch gemacht hatte. Hätte er die beiden nicht allein lassen dürfen?« Denn Monate später erfährt er von seinem Freund Jonas, dass Anna diesen wegen Vergewaltigung angezeigt hätte.

Hannes ist schockiert, Jonas sagt ihm, er wäre nie zu so etwas fähig und bittet ihn um Vermittlung, denn auch er ist mit Anna befreundet. Er tut ihm den Gefallen und besucht Anna, um herauszufinden, ob diese lügt. Sie wird wütend und macht ihm klar, dass er ihr entweder glaubt oder ihre Freundschaft beendet ist. Hannes weiß nicht mehr, wem er glauben soll und gerät in ein arges Dilemma, das ihm schlaflose Nächte einbringt: »Wäre es nach ihm gegangen, hätte er den Kontakt mit Anna nicht abgebrochen, es musste möglich sein, mit beiden befreundet zu sein, egal was passiert war. Er wollte niemanden verurteilen. Aber Jonas und Anna sahen es anders. Beide wollten, dass er Position bezog, und natürlich, in dem Moment sah es so aus, als stehe er auf Jonas’ Seite, aber das tat er nicht. Er wollte nur nicht noch einen Freund verlieren. Doch er musste wissen, wem er glauben konnte.«

Denn Jonas und Anna sehen es anders, was in der Nacht am 4. Juli geschah. Anna hat einen Filmriss und erinnert sich nicht, wie sie von der Party in Jonas Zimmer gekommen ist. Sie registrierte damals nur, wie er ihr die Hose auszog, versuchte Widerstand zu leisten, aber gab irgendwann auf, weil er stärker war. Er war grob und aggressiv. Sie zählte die Sekunden, 1380. Aus Jonas‘ Sicht war der Sex hingegen einvernehmlich, sie waren beide sehr betrunken gewesen. Er hatte sich nicht gewundert, dass Anna am nächsten Morgen verschwunden war. Für ihn war es, wie beim ersten Mal etwas Lockeres gewesen. Ja, Anna und er haben eine Vorgeschichte.

Die Wahrheit und ihre zwei Gesichter

Jonas mag Anna. Er kann mit ihr über Literatur diskutieren. Aber gleichzeitig geht etwas Willkürliches und Kindisches von ihr aus. Er ist noch nicht ganz über seine langjährige Ex-Beziehung hinweg, das hatte er ihr nach einem One-Night-Stand klar gemacht, daher hatte er nicht weiter darüber nachgedacht. Anna war laut ihrer Aussage auch an nichts Ernsthaftem interessiert gewesen, daher akzeptierte sie sein Nein, als sie ihn vor dem 4. Juli auf etwas Unverbindliches zu sich einlud. Die Party führte die beiden wieder zusammen.

Alle sprechen über den Doktoranden, der eine Studentin vergewaltigt haben soll. Die Glaubwürdigkeit beider steht auf der Kippe, nicht nur bei gemeinsamen Freunden und Bekannten. Anna kämpfte zwei Monate mit sich, ehe sie auf das Anraten ihrer Schwester hin zur Polizei ging und die Ereignisse der Nacht schilderte. Dann wird Anna erneut vorgeladen, da die Beamten bei Jonas neue Indizien gefunden haben, die aufzeigen, dass sie ihm nach der besagten Nacht entgegen ihrer Angaben Nachrichten geschickt hat. Die Beweislage wird dünner.

Nicht nur der allwissende Ich-Erzähler, mithilfe dessen Autorin Bettina Wilpert in ihrem Debütroman ›nichts, was uns passiert‹ die Geschichte von Anna und Jonas erzählt, sieht sich mit einem Berg von Widersprüchen und Unklarheiten konfrontiert. Gekonnt führt dieser die Befragung aller Partizipenten der Nacht des 4. Juli durch und trifft auf zwei kontroverse Wahrnehmungen, Für- und Widersprecher und konfuse Gemüter.

Wilpert gelingt es mit direkten, prägnanten Aussagen und schonungslosen Emotionen die Eindrücklichkeit, Verzweiflung und Absurdität der Lage zu schildern, in der sich beide Protagonisten befinden. Auch die unmittelbaren Auswirkungen auf das Umfeld werden eingehend dargestellt.

Im Zuge der ›#MeToo-Debatte‹ und den aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen, in denen (Macht-)missbrauchte Frauen ihr Schweigen auch in der Öffentlichkeit brechen und Rollenbilder sowie -klischees stärker denn je infrage gestellt werden, ist das Werk ein essenzieller Beitrag. Es rüttelt auf, bewegt und führt uns die Folgen einer (mutmaßlichen) Vergewaltigung für alle Beteiligten unmittelbar vor Augen. Wir müssen (genau) hinsehen – auch wenn die Wahrheit zwei Gesichter hat.

| MONA KAMPE

Titelangaben
Bettina Wilpert: nichts, was uns passiert
Berlin: Verbrecher Verlag 2018
Zweite Auflage, 168 Seiten, 19 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Auf der Suche nach dem Verborgenen

Nächster Artikel

Pfiffig

Neu in »Roman«

Zwischen den Kriegen

Roman | Krimi | Robert Hültner: Am Ende des Tages Mit Paul Kajetan hat Robert Hültner in seinem neuen Roman Am Ende des Tages eine Figur geschaffen, mit deren Hilfe es ihm gelingt, seinen Lesern das Deutschland zwischen den beiden Weltkriegen zu erklären. Die bisher vorliegenden sechs Romane um den unangepassten Mann, dessen Aufrichtigkeit und moralische Integrität ihm Anfang der 20er Jahre seine Polizeikarriere gekostet haben, verbinden spannende Unterhaltung mit einem facettenreichen Zeitporträt. Allerdings sieht es am Schluss des aktuellen Abenteuers ganz so aus, als wäre es Kajetans letzter Fall. – Von DIETMAR JACOBSEN PDF erstellen

Das Epitaph des deutschen Bildungsbürgertums

Roman | Thomas Mann: Doktor Faustus

Es könnte kaum ein würdigeres Buch für den Start unserer neuen Klassiker-Rubrik geben: 60 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung steht SEBASTIAN KARNATZ staunend vor Thomas Manns letztem großen Wurf. Der ›Doktor Faustus‹ ist weniger ein Roman als ein zeitloses Monument deutscher Literatur: Bildungssatt, wunderbar komponiert, tiefgründig, tragisch – ein wahres Lesevergnügen (sic)!

Ich bin eine ganz andere

Roman | Judith Hermann: Aller Liebe Anfang Vor 16 Jahren hatte Judith Hermann mit ihren Debüterzählungen Sommerhaus, später einen grandiosen Erfolg gefeiert. Mehr als 300 000mal war das Buch verkauft worden und der Name Judith Hermann wurde stets in einem Atemzug mit dem Phänomen »Fräuleinwunder« genannt. Nun ist Judith Hermanns erster Roman ›Aller Liebe Anfang‹ erschienen. Von PETER MOHR PDF erstellen

Agenda 2016

Roman | Joachim Zelter: Schule der Arbeitslosen

Die Schule der Arbeitslosen ist eine bitterböse Satire mit einem großen Maß an Aktualität. Findet FRANK SCHORNECK

Der perfekte Sündenbock

Roman | André Georgi: Die letzte Terroristin Sandra Wellmann bewirbt sich mit 248 anderen um die Stelle der persönlichen Assistentin von Treuhandchef Hans-Georg Dahlmann und bekommt den Job. Was nur sie und Dahlmann wissen: Sandra ist eine Studienfreundin von dessen Tochter Sonja, kennt den Chef jener Anstalt, die die Betriebe der DDR nach deren Zusammenbruch in die Marktwirtschaft überführen sollte, persönlich und bekommt, weil der auch große Stücke auf sie hält, die Stelle, ohne sich erst der Konkurrenz stellen zu müssen. Was Dahlmann freilich nicht ahnt: Sandra Wellmann arbeitet für die RAF und soll den günstigsten Moment ausspionieren, um den