Öffnung westlicher Industriegesellschaften

in Gesellschaft/Sachbuch

Gesellschaft | Bonaventura de Sousa Santos: Epistemologien des Südens

Der vorliegende Band diskutiert und präzisiert zentrale Themen der Weltsozialforen, einer seit 2001 jährlichen Veranstaltung internationaler Globalisierungskritiker, die sich als Alternative zu den Gipfeln der Welthandelsorganisation WTO und den jährlichen Zusammenkünften des Davoser Weltwirtschaftsforums und den G20-Gipfeln versteht. Von WOLF SENFF

Epistemologien des SüdensDie von dem Portugiesen Bonaventura de Sousa Santos, einem der Wegbereiter des Weltsozialforums, entworfenen Inhalte liegen radikal jenseits des hiesigen medialen Mainstreams und zeigen zunächst, wie massiv unsere Medien durch Denkmodelle des globalen Neoliberalismus an die Kandare genommen werden. Man staunt. Die Überlegungen Santos‘ bringen zum Ausdruck, dass es eine andere Globalisierung geben kann und muss, jenseits von WTO, G20-Gipfeln, Bilderberg etc.

Renaissance

Einen Zugang zu Santos‘ Denkmodellen zu finden, fällt nicht leicht. Seine Diktion und seine Kategorien sind nicht dem hiesigen Diskurs entlehnt, eine Übertragung in die deutsche Sprache unterliegt deshalb verständlicherweise besonderen Schwierigkeiten.

Santos lehnt die westlich-industriell geprägten Strukturen konsequent ab und postuliert die Renaissance einer dem Leben zugewandten, heiteren, barocken Subjektivität, die den modernen Evolutionismus bloß noch verachtet.

Alles im Griff

Die westliche Moderne habe sich erschöpft, ihre emanzipatorischen Projekte hätten sich nahezu ausnahmslos zu Formen sozialer Regulierung ausgebildet, die soziale Regulierung sei zum Common Sense geworden. Die westliche Moderne habe darüber hinaus die Vergangenheit als eine fatalistische Ansammlung von Katastrophen für die eigene Selbstdarstellung instrumentalisiert.

Auf diese Weise habe sie eine Teleologie konstruiert, die sich vom Beginn der Zeiten bis heute und weiter in eine heilsbringende Zukunft die historischen Abläufe so zurechtzimmere, dass eine westlich orientierte Moderne stets wie selbstverständlich dominiere.

Das gemeinsame Haus

Die westlichen Eliten, von triumphalistischer Attitude geprägt, seien sich der Unsicherheiten des Wissens und des Handelns gar nicht bewußt, mit ihren Begrifflichkeiten sei eine Suche nach emanzipatorischer Politik – frei von Ideen des Fortschritts und des Universalismus – nicht möglich, die westliche Moderne sei allenfalls noch in der Lage, eine ewige Gegenwart zu zelebrieren, sprich: Paahdie zu feiern. Positiv denken. Das Glas ist halbvoll, nicht halb leer. Sprüche.

Dem entgegen steht beispielsweise Santos‘ Kategorie eines gemeinsamen Erbes der Menschheit, dessen Etablierung nationenübergreifend wäre und Strukturen des Kapitalismus wie den Eigentumsbegriff teilweise oder komplett aushebeln und zweifellos auch den Nord-Süd-Konflikt entspannen würde. Wir kennen diese Kategorie auch aus anderen Zusammenhängen, etwa wenn vom ›gemeinsamen Haus‹ geredet wird, das es zu pflegen und zu erhalten gelte.

Deutungshoheit?

Der Kultur des westlichen Alltags ist die prekäre Lage bewusst – erinnern wir uns an Rio Reiser und sein Lied ›Alles Lüge‹ (1986) oder an Die Ärzte mit ›Lasse Redn‹ (2007). Nur kommen diese Stimmen real nicht zur Geltung, sie sind den diktierenden Eliten schnuppe, wir erleben laut Santos nur deren unaufhörliche Siegesrhetorik, wo einfache Bürger allein die Niederlage sehen, deren Präsentation von Lösungen, wo diese nur neue Probleme wahrnehmen, und hören deren ständig wiederholte Proklamation der Unmöglichkeit einer besseren Welt.

Er beschreibt eine abgrundtiefe Trennlinie zwischen westlicher Moderne und den übrigen Regionen des Planeten: hier Regulierung und Emanzipation, dort Aneignung und Gewalt; die radikale Exklusion der übrigen Regionen des Planeten funktioniere unverändert nach dem Prinzip des Kolonialismus.

›Faschistische‹ Strukturen

Die abyssale Linie bzw. der Abgrund verlaufe auf der Grundlage des westlichen Verständnisses von Wissenschaft und Recht, und demzufolge müsse der Kampf für globale soziale Gerechtigkeit primär ein Kampf für globale kognitive Gerechtigkeit sein – leicht heruntergebrochen formuliert, ginge es also zuallererst um Deutungshoheit, die der westlichen Moderne abgesprochen wird.

Auf die gesellschaftliche Realität bezogen, lokalisiert er das koloniale Verhältnis auch innerhalb des sogenannten Mutterlands selbst und nennt eine Reihe von ›faschistischen‹ Strukturen, etwa die soziale Apartheid, die beispielsweise städtische Regionen als wild oder als zivilisiert, gelegentlich speziell als gated communities ausweist, oder als bösartigste Form den Finanzfaschismus, der das Finanzkapital mit einer Macht ausstattet, die innerhalb weniger Sekunden die Realwirtschaft oder die politische Stabilität eines jeden beliebigen Landes erschüttern kann.

Zentralperspektive

Diese Strukturen erwachsen aus einem tief in der westlichen Moderne verwurzelten abyssalen Denken, dem mit einem alternativen, rebellischen, volkstümlichen Kosmopolitismus zu begegnen sei, der auf Gleichberechtigung und der Anerkennung von Differenz fußt. Diese Tradition sei auch Teil der Kultur des Westens, u. a. bei Pythagoras, im Humanismus der Renaissance und im Internationalismus der Arbeiterklasse.

Das Wissen habe seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts seinen emanzipatorischen Charakter verloren, und die heute vorherrschende ökonomische Sichtweise sei – vergleichbar der in der Renaissance etablierten Zentralperspektive der Malerei – begrenzt und unfähig, andere Sichtweisen anzunehmen als, im Falle der Ökonomie, die des kapitalistisch orientierten Unternehmers.

Neue Wege

Genau daran knüpft Santos an, er sucht den Blick zu öffnen für eine vielschichtigere Realität und für einen kreativen Umgang miteinander und mit der Welt um uns herum. Generell charakterisiert Santos die Sichtweise des modernen Westens als eine ›faule‹ Vernunft, eine angemessene Wissenschaft und ein angemessenes Verständnis der Welt gehe weit über das reduzierte westliche Verständnis hinaus.

Er weiß um die Schwierigkeit, neue Möglichkeiten systematisch zu entwickeln, und setzt auf phantasievolle politische Initiativen und eine sich öffnende Haltung des Menschen.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Bonaventura de Sousa Santos: Epistemologien des Südens
Gegen die Hegemonie des Westlichen Denkens
(Epistemologies of the South). Aus dem Englischen von Felix Schüring
Münster: Unrast, 2018
384 Seiten, 24 Euro
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