Heldensage

Kinderbuch | Nele Brönner: Begel, der Egel

Wie man ein Held wird, weiß jede. Ein echter Kerl zieht in die Welt hinaus und tut Großes. Manchmal aber kommt es im Leben anders, als ein echter Kerl denkt. Ob man trotzdem ein Held sein kann? Nele Brönner erzählt mit knallig bunten Bildern eine ziemlich verrückte kleine Geschichte. Von MAGALI HEIẞLER

http://nelebroenner.com/Begel ist ein Blutegel, aber beileibe kein gewöhnlicher. Er ist festangestellter Mitarbeiter in einer tierärztlichen Praxis. Er ist ordentlich, fleißig, geradezu begabt als Therapeut (wie Begel sich nennt). Für seinen anspruchsvollen Beruf braucht er viel Ruhe und die hat er in seinem Glas. Seine Chefin hält große Stücke auf ihn. Eben diese Chefin jedoch setzt ihm eines Tages unvermutet einen Mitbewohner in sein ordentlich geführtes Heim.

Mit Begels Ruhe ist es aus. Nicht dass er vorhat, sich mit dem Neuankömmling zu befassen, abgesehen davon, dass er ihm klarmachen muss, wer im Glas das Sagen hat. Damit der Neue auch nicht vergisst, mit wem er es zu tun hat, strengt Begel sich beim nächsten Arbeitsansatz besonders an. Was sich als Fehler erweist. Gleich darauf sitzt Begel böse in der Patsche. Ob er das überlebt?

Selbstzufriedenheit und Selbstüberschätzung

Die Handlung ist schlicht, geradezu unschuldig. Brönner singt nicht das Hohelied edlen Einsatzes für andere trotz zugrundeliegender Konflikte. Sie hat ein anderes Thema gewählt. Ihr Schwerpunkt liegt auf Selbstzufriedenheit und einer daraus resultierenden Überschätzung der eigenen Fähigkeiten, wie sie leicht eintritt, wenn man die eigene Komfortzone zum Maßstab nimmt. Das bequeme Leben hat Begel gleichermaßen egoistisch wie ängstlich gemacht. Die Veränderung der Lebensverhältnisse verunsichert ihn. Seine unschöne Reaktion auf den neuen Mitbewohner ist Folge seiner Angst vor Veränderung. Ein sehr zeitgemäßes Thema, also.

Dass dem Angeber ein ordentlicher Nasenstüber versetzt wird, hat er sich selbst zuzuschreiben. Ganz gerecht ist die Strafe nicht, muss man einwenden. Niemand hat Begel schließlich auf einen Mitbewohner vorbereitet. Auch ein Egel kann sensibel sein!

Schon an diesem Beispiel sieht man, dass Brönners Geschichte bei Weitem nicht so glatt ist, wie sie zu sein scheint. Sie enthält einige Komplexitäten, man sollte differenzieren beim Lesen, diskutieren. Es mangelt auch nicht an Spannung, man empfindet rasch wachsendes Mitgefühl mit den vielfältigen, sich steigernden Leiden Begels und die Wendung fällt deutlich anders aus, als man gemeinhin annimmt.

Die Überraschung wartet in der Zufügung des Heldenthemas zur Geschichte. Begel war ausgezogen, einer zu werden, er wird einer. Nicht jedoch durch seine Leistung, sondern durch die Einschätzung anderer. Aus der Niederlage wird ein Triumph.
Ob Begel Bescheidenheit lernt? Wer weiß. Immerhin erfährt er, dass Zweisamkeit von Vorteil sein kann, wenn man elend und geschlagen nach Hause gelangt. Das macht ihn gleich einmal verträglicher.

Nicht nur Begels Charakter ist überzeugend gezeichnet, auch der seines kleinen Mitbewohners prägt sich ein. Brönner beschreibt nicht viel, kurze Dialogsätze genügen vollauf. Sie sind derart lebendig, dass man das Gefühl hat, die beiden Egel regelrecht zu hören, brummig Begel, aufgeregt Ögel. Die kurzen beschreibenden Texte sind punktgenau formuliert, eine unwiderstehliche Mischung aus leichten Saloppheiten, klarem Deutsch, ungewohnten, aber nicht falschen Metaphern und, unvermutet, dem einen und anderen schwierigen Begriff, Physiotherapeut, etwa, was kleine Kinder begeistern wird. Die witzige Namensgebung natürlich an erste Stelle.

Schrill

Brönner hat nicht nur den Mut, ungewöhnliche Protagonisten in einem ungewöhnlichen Rahmen vorzustellen. Sie prunkt auch mit Farben. Knallgelb, schreiend Türkis, Petrol und ein Neonrosa, bei dessen erstem Anblick man fast nach der Sonnenbrille greift, wummern einer entgegen, wenn man das Buch aufschlägt. Und das in einer Praxis! Allein dieser Kontrast stimmt schon heiter.

Dass Tiere die Hauptfiguren sind, wird auch gleich deutlich. Die Patientinnen und Patienten samt den Egeln werden in Großaufnahme oder in toto gezeigt. Die Tierärztin dagegen erscheint nur in Ausschnitten. Ihr Gesicht, z. B., sieht man nie. Ihre rosa Socken allerdings vergisst man bestimmt nicht. Ebenso unvergesslich bleiben wohl Begels Rüssel und seine Augen. Man kann nicht behaupten, dass er ein Mienenspiel hat, dennoch gelingt es Brönner, z.B. im Ausdruck ein gewisses Maß an beleidigt sein zu vermitteln.

Witzig, ein bisschen verrückt und für einige Überraschungen gut sind die zahlreichen Details aus der ärztlichen wie der Wasserwelt, die Brönner hinzufügt. Praxis wie Egel-Glas werden ein wenig zum Kinderzimmer, in dem Kram herumliegt. Das gestattet zusätzliche lustige Entdeckungsreise beim Anschauen.
Genau lesen sollte man auch, was die kleinen Sprechblasen liefern, die dem Bilderbuch noch ein wenig Cartoon-Effekt verleihen.

Die interessante Arbeitstechnik, eine Mischung aus Tusche und digitaler Bearbeitung, setzt noch einen wichtigen Akzent. Unter dem Schwarz, das eine weitere wesentliche Rolle bei der Farbwahl spielt, kommen immer wieder die anderen Farben hervor. Am besten beobachten kann man das bei den Egeln, die fröhlich wie bunte Wasserschlangen wirken, wenn sie glücklich sind.
Begels Geschichte ist ein etwas anderes Bilderbuch, auch wenn es ganz gewöhnlich daherkommt. Man kann darüber ins Schwärmen geraten.

| MAGALI HEIẞLER

Titelangaben
Nele Brönner: Begel, der Egel
Wien: Luftschacht Verlag 2018
32 Seiten. 22 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Webseite der Autorin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Für immer

Nächster Artikel

Jeden Abend ruft Hegel an

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Abenteuerlich!

Kinderbuch | Nikola Huppertz: Die unglaubliche Geschichte von Wenzel, dem Räuber Kaminski, Strupp und dem Suseldrusel Aufgabe von Erzählerinnen ist es, eine Geschichte lebendig werden zu lassen für die Leserinnen. Sie miterleben, mitfühlen zu lassen. Neben den Gefühlen wird das innere Auge angesprochen. Was aber passiert, wenn die Figuren einer Geschichte tatsächlich lebendig werden und die Buchseiten verlassen? Dann wird es abenteuerlich. So wie bei Nikola Huppertz in ›Die unglaubliche Geschichte von Wenzel, dem Räuber Kaminski, Strupp und dem Suseldrusel‹. Abenteuerlich in vielerlei Hinsicht – meint MAGALI HEISSLER.

Das Leben lieben

Kinderbuch | Erwin Moser: Billi, die Baummaus

Nein, Wandermäuse gibt es nicht wirklich. Baummäuse schon. Die leben alle in Afrika – südlich der Sahara. Total egal, welche Art es wirklich gibt. Wenn Erwin Moser von Billi erzählt, ist die eine der lebendigsten Mäuse, die sich ANDREA WANNER nur vorstellen kann.

Die Sache mit dem Müll

Kinderbuch | Philip Bunting: Unsere Erde braucht dich

Vor vielen Jahren wohnte ich in einem Haus, wo es im Hausflur eine Klappe gab, in die alles an Abfall geworfen wurde, was eben anfiel: ein Müllschlucker. Wie gut, wenn auch die Kleinsten heute schon lernen, wie man Müll vermeiden kann, findet BARBARA WEGMANN

Wer war’s?

Kinderbuch | Josh Lieb: Kapitel 2 ist weg!

Bilderbuchkrimis gibt es nicht so häufig. Klar, gelegentlich wird eine Torte entwendet oder eine Möhre geklaut. Aber ein Kapitel? Das ist doch eher ungewöhnlich. ANDREA WANNER ging der Sache auf den Grund.

Auf der Suche nach einem Zuhause

Kinderbuch | Frida Nilsson: Sem und Mo im Land der Lindwürmer

Von Tante Tyra wurden die beiden Waisenbrüder Sem und Mo schwer enttäuscht. Statt ein echtes Zuhauses zu finden, mussten sie von morgens bis abends schuften. Kein Wunder, dass der Vorschlag einer Ratte interessant für sie klingt: Königin Indra möchte Mutter werden und der Ratz hat die Lösung: Er bringt ihr die beiden Jungs in ihr Königreich. Was sie dort erwartet, ist eine Überraschung der besonderen Art. ANDREA WANNER war bestens unterhalten.