Auf nach Hellas!

Roman | Hanns-Josef Ortheil: Die Mittelmeerreise

›Die Mittelmeerreise‹ ist die letzte gemeinsame Erkundungsfahrt des jugendlichen Hanns-Josef Ortheil mit dem Vater. Dieses Seestück changiert zwischen heftigen Stürmen, bildungsbürgerlichen Bemühungen und einer starken Männerwelt. Erste Liebe ist auch im Spiel. So gerät die Tour zum elementaren Katalysator auf dem Weg zum Erwachsenwerden, zu Ortheils ganz persönlicher Odyssee. Von INGEBORG JAISER

Ortheil - Die Mittelmeerreise Wer heutzutage mit einem Halbwüchsigen verreist, sollte Ziele mit zuverlässigem WLan und attraktiven Selfie-Points ansteuern. Ganz anders noch im Jahre 1967. Da begibt sich ein fast 60jähriger Geodät mit seinem 15jährige Sohn Hanns-Josef (genannt Johannes) auf eine mehrwöchige Schiffsreise mit einem schwer beladenen Frachtschiff von Antwerpen nach Griechenland und Istanbul.

Als einzige Passagiere – ohne großen Komfort, ohne Bordprogramm, ohne touristische Bespaßung, streckenweise nicht einmal mit Radioempfang. Es wird die letzte gemeinsame Männertour sein, in der Folge eines lang angelegten Bildungs- und Erziehungsprogramms, das der bemühte und geduldige Vater seinem in jungen Jahren eher noch verhaltensauffälligen Sohn angedeihen lässt. Der hat sich jedoch, nicht zuletzt durch die einzigartige Förderung, zum begabten Jugendlichen entwickelt. Zeit, ihn ins Leben zu entlassen …

Noch stärker als die vorhergehenden Reiseberichte zeigt dieser Roman eines Heranwachsenden die immense Schreibversessenheit des jungen Ortheil, den Drang, das Erlebte und Beobachtete in Worten festzuhalten.

Schule der Beobachtungen und Aufzeichnungen

Ausgiebig hat der heutige Schriftsteller und Universitätsprofessor Hanns-Josef Ortheil über seine Kindheit und die frühen familiären Dramen geschrieben. Schwer vorstellbar, was aus dem jahrelang verstummten, introvertierten Jungen ohne das beherzte Eingreifen und Wirken des Vaters geworden wäre. Unterwegssein, Beobachten, Notieren – alles gemächlich, aufmerksam und bedacht – gehören fortan zur Schule des Lebens. Wichtige gemeinsame Exkursionen sind längst literarisch verewigt: in ›Die Moselreise‹ (2010), ›Die Berlinreise‹ (2014) und streckenweise in ›Paris, links der Seine‹ (2017).

Nun dürfen wir an der längsten und beeindruckendsten Tour teilhaben: an der im Sommer 1967 angetretenen, gut dreiwöchigen Mittelmeerreise. Auf über 630 Seiten hat Hanns-Josef Ortheil seine damaligen Notizen, Texte und Postkarten (an die zu Hause gebliebene Mutter), die eigenen Tagebuchaufzeichnungen und die seines Vaters zu einem durchgehenden Reisebericht collagiert (und dennoch nicht nachträglich redigiert), sicherlich auch angeregt und inspiriert durch die Dias, Zeitungsausschnitte und Reisedokumente, die im Familienarchiv aufgetaucht sind.

Maritimer Mikrokosmos

Am 10. Juli 1967 schifft man sich in Antwerpen ein. Die »Albireo« ist kein zahmer Kreuzfahrtdampfer, sondern ein furchterregendes Monstrum aus Stahl und Eisen, ein beeindruckendes Frachtschiff mit 500 Tonnen Ladekapazität. Einziger Luxus: eine umfangreiche Bordbibliothek. Ansonsten herrschen im soziologischen Mikrokosmos der Besatzung ganz eigene Gesetzmäßigkeiten, die auch Vater und Sohn als einzige Passagiere rasch zu spüren bekommen.

Mehrmals täglich wird im Salon deftige Hausmannskost serviert, die in geordneter Rangfolge fast zeremoniell zwischen dem an Kriegsgeschichte interessierten Kapitän Reckling, dem soignierten Ersten Offizier Mühlenthal und dem seefahrtshistorisch bewanderten Ingenieur Segemann eingenommen wird. Dem eher musisch ausgerichteten Johannes fällt es schwer, sich in dieser dominanten Welt der gestandenen Männer zu behaupten – zumal ihm auch noch der nur wenige Jahre ältere Steward Denis in die Quere kommt, ein aufrührerischer junger Mann, dessen Vorlieben eher zwischen Beatles-Songs und Salinger-Lektüre, schnellen Motorrädern und Alkohol zu verorten sind.

Schon bald notiert Johannes in seinem Tagebuch: »Ich hatte mir unter dieser Reise etwas ganz Anderes vorgestellt. Ruhiges Liegen an Deck, in die Sonne blinzeln, ein paar kluge Bücher lesen, sich auf die Landgänge vorbereiten. In keinem Moment hatte ich vorher an die Mitglieder der Besatzung gedacht […].« Selbst das ruhige Liegen an Deck erübrigt sich spätestens am Golf von Biskaya, als die »Albireo« in stürmischer See fast havariert und Crew wie Gäste, in grellbunte Schwimmwesten geschnürt, auf ihr letztes Stündlein harren.

Wie mag man sich den 15jährigen Johannes vorstellen? Vielleicht als Vatersöhnchen und Musterschüler, der auf einem humanistischen Gymnasium Latein, Altgriechisch und Hebräisch lernt, scherzhaft als »Homerexperte« gehandelt wird und seit seinem fünften Lebensjahr als festen Berufswunsch Pianist angibt. Alkohol, Drogen oder andere Ausschweifungen würden ihn nur vom täglichen Üben abhalten. Welch solide Existenz angesichts der gerade ausufernden Demonstrationen in Berlin oder der aufbegehrenden Revoluzzer-Haltung des Stewards Denis, der sich im Laufe der Reise vom konträren »Gegenbruder« zum Lotsen durch die Erwachsenenwelt entwickelt.

Wobei er anfänglich noch stichelt: »Du hast nicht die geringste Ahnung von den Beatles, oder? Du hältst sie für eine Sängertruppe aus dem Bergischen Land, die von der Wuppertaler Schwebebahn trällert! Habe ich recht? Vielleicht hältst Du sie auch für ein Ministrantenquartett des Kölner Doms?«

Erwachsenwerden im Schnelldurchlauf

Doch dann geht es Schlag auf Schlag. Noch während des ersten Landgangs in Patras rezitiert Johannes – in Ermangelung brauchbarer Sprachkenntnisse – brav einige Verse der Odyssee auf Altgriechisch. Doch schon kurze Zeit später zieht er mit Denis durch die angesagtesten Clubs, küsst (vielleicht zum ersten Mal?) und verliebt sich Hals über Kopf in die attraktive Griechin Delia. Initiation und Erwachsenwerden im Schnelldurchlauf.

Noch stärker als die vorhergehenden Reiseberichte zeigt dieser Roman eines Heranwachsenden die immense Schreibversessenheit des jungen Ortheil, den Drang, das Erlebte und Beobachtete in Worten festzuhalten. Wie in einem Akt der Selbstvergewisserung verfasst der Jugendliche oft im Viertelstundentakt kurze Texte, Reflexionen, Miniaturen, auch um die eigene Position im Leben auszuloten, zu reflektieren, vielleicht sogar zu korrigieren. So gerät diese Fahrt unvermittelt zum Selbsterfahrungstrip, zur richtungsweisenden Unternehmung. Nicht umsonst notiert Hanns-Josef Ortheil: »Diese Reise ist meine ganz persönliche Odyssee«.

›Die Mittelmeerreise‹ ist keine Lektüre für Jetsetter, Überflieger oder Eilige. Diese lange Schiffspassage braucht ihre Zeit. Und man sollte als Leser auch die Geduld aufbringen, den geschilderten Eindrücken, Ausblicken und Erlebnissen in allen Facetten nachzuspüren. Vielleicht zusammen mit den Musikstücken aus der Playlist von Ortheils Autorenblog – und einem gut gekühlten Anisschnaps. Auf zu neuen Ufern!

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Hanns-Josef Ortheil: Die Mittelmeerreise
München: Luchterhand 2018
636 Seiten. 24,00 Euro
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Reinschauen
| Leseprobe
| Ingeborg Jaiser über Hanns-Josef Ortheil in TITEL kulturmagazin

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