»Da steh ich nun, ich armer Tor!«

in Bühne/Live/Theater

Bühne | Goethes Faust I-Inszenierung Stadttheater Pforzheim

›Faust. Der Tragödie erster Teil‹ wurde bereits vielfach aufgeführt und verschiedentlich sowohl in der Primär-, als auch der Sekundärliteratur innerhalb der Literaturwissenschaft gewürdigt. In Pforzheim kommt er, in Inszenierung und Bühne von Thomas Münstermann, den Kostümen von Alexandra Bentele, Video von Philippe Mainz und unter der Dramaturgie von Peter Oppermann, mit der Figur des Dr. Heinrich Faust in mehreren Variationen daher. Von JENNIFER WARZECHA

Wenn es auch für Jens Peter als Mephistoteles (authentisch und brillant in seiner Spiel- und Ausdrucksweise), wie er im Programmheft schildert, spannend ist, den Faust in unterschiedlichen Facetten zu sehen, ihn mitzuerleben und für ihn als Schauspieler auf ihn einzuwirken, macht es das für den Zuschauer mitunter dennoch schwer, sich in die Figur tatsächlich hineinzuversetzen bzw. hinein zu vertiefen, wie es solch einer Figur eigentlich gebühren würde.

Faust I

Auch die »Walpurgisnacht«-Szene klingt zwar durch die Techno-Musik modern und wird untermalt durch den ekstatischen Tanz des Chors und den Mitgliedern des Vereins ›Kultur Schaffer‹ Sie wirkt dennoch irgendwie fehl am Platz an der Stelle. Anschließend überzeugt Steffi Baur, wie auch die übrige Aufführungszeit hinweg durchgehend, durch ihr als Gretchens schmerzverzerrtes, trauriges Gesicht, immer dann; wenn sie sich ihrer Qualen und Sünden, dem Totschlag der Mutter, als auch an dem Mord an ihrem Kind, bewusst wird.

Wie auch angesichts dem recht schmal ausstaffierten Bühnenbild klar wird, ist, dass die teils weltweit seit Jahrhunderten bekannten Zitate aus Johann Wolfgang Goethes Meisterwerk irgendwie nicht so recht zur Geltung kommen möchten. Wo ist er denn, zum Beispiel, der ewig nach Sinn suchende Wissenschaftler, der an seinem Wissen, schließlich hat er »Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, Und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühn« schier verzweifelt? Er sagt, mit sich selbst im Unreinen: »Da steh‘ ich nun, ich armer Tor, Und bin so klug als wie zuvor! Heiße Magister, heiße Doktor gar, Und ziehe schon an die zehen Jahr‘ herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, daß wir nichts wissen können! Das will mir schier das Herz verbrennen.«

Wo ist der sich nach Sinn und Erfüllung sehnende Wissenschaftler am Ende?

Es fehlt das bildhaft in Szene gesetzte buchstäbliche Sehnen, das zumindest eine Begleit-Erscheinung der sprichwörtlichen Suche nach Existenz der menschlichen Seele ist. Im Sprechgesang formulieren verschiedene der Schauspieler Fausts Worte; in Videoprojektionen sind weitere Menschen zu sehen. Dadurch verstärkt sich für den Zuschauer der Eindruck, dass es sich bei dieser Suche nach dem Sinn des Lebens um ein für das Mensch-Sein allgemeingültiges Problem bzw. eine Herausforderung, die ein ganzes Leben andauert, handele.

Ein Indiz dafür, warum Thomas Münstermann in seiner Inszenierung fünf Schauspieler (allesamt auf ihre Art und Weise überzeugend, authentisch und ausdrucksstark: Clemens Ansorg, Alexander Doderer, Lars Fabian, Mira Huber, Fredi Noël) für die Rolle des Dr. Heinrich Faust, einem Gelehrten, wie er schon im Programmheft bezeichnet wird, verwendet. Wenn denn der Gelehrte tatsächlich gelehrt, gebildet und in Gedanken daher käme, wie man es Faust in seiner literarischen Tradition als Zuschauer doch durchaus zutrauen würde …

Und am Ende überzeugt … Die Gretchentragödie und Gretchen als tragische Person

Mira Huber wirkt eingangs noch am überzeugendsten in ihrer Tiefgründigkeit, wie sie den Charakter des Fausts darstellt, und liefert den Zuschauern den nötigen Input, um sich auf die vielschichtige, literarisch schon vielfach beschriebene und ausgestaltete Figur des wohl berühmtesten Gelehrten der Welt einlassen zu können. Dann aber wird er in seinem Wesen immer oberflächlicher, mehr zum Typ als zur Person mit bestimmten und diese ihn auszeichnenden Charakterzügen, sodass Faust am Ende sein Gretchen zwar versucht, zu retten und sich schützend über es wirft.

Die kecke, ausdrucksstarke Steffi Baur als Gretchen bzw. Margarete und junges Mädchen überragt am Ende durch die Ausdrucksstärke ihrer Persönlichkeit die anderen Schauspieler in der Tragödie um Meilen, gerade weil sie sich in ihrem Schmerz und ihrer Verzweiflung ehrlich verzweifelt in schwarzer Bluse und schwarzem Gewand zu Boden wirft und »Heinrich! Heinrich!«, eingepfercht zwischen den weißen Bühnenwänden, ruft.

Faust I

Zunächst ein wenig verwundert, ob die Tragödie in ihrer Form auf der Pforzheimer Bühne an diesem Abend schon zu Ende sei, klatschte das Publikum im gut besuchten Saal des Pforzheimer Großen Hauses unter großem Beifall den Schauspielern zu, die vor allem durch Mira Huber als Schüler und Hexe, Steffi Baur als Gretchen und Jens Peter als Mephistoteles am Ende schließlich überzeugten, wenn auch die Dialoge des Goethe’schen Meisterwerks dennoch insgesamt zu wenig zur Geltung kamen. Gut gemacht und angedacht!

| JENNIFER WARZECHA
| FOTOS: SABINE HAYMANN

Titelangaben
Faust I
Tragödie von Johann Wolfgang von Goethe
Stadttheater Pforzheim, Großes Haus

Termine
13.03.2019 20:00; 19.03.2019 20:00; 24.03.2019 19:00;
28.03.2019 20:00; 03.04.2019 20:00; 05.04.2019 19:30;
20.04.2019 19:30; 27.04.2019 19:30; 09.05.2019 20:00;
29.05.2019 20:00; 04.06.2019 11:00; 30.06.2019 15:00

Reinschauen
| Interview mit Intedant Thomas Muenstermann

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