Das Geheimnis des Efeuhauses

Roman | Tana French: Der dunkle Garten

Ein neuer Roman von Tana French ist immer ein Ereignis. ›Der dunkle Garten‹ macht da keine Ausnahme. Die 1973 in den USA geborene und heute in Dublin lebende Autorin legt mit diesem, ihrem siebenten Buch zum ersten Mal ein Werk vor, das nicht durch personelle Überschneidungen mit ihrem bisher vorliegenden Romankosmos verbunden ist. Und doch ist die Handschrift der 45-Jährigen auf Anhieb zu erkennen. Und auch auf einen Mord müssen die Leser dieses spannenden Romans nicht verzichten. Von DIETMAR JACOBSEN

Tana French - Der Dunkle GartenUm seinem geliebten Onkel Hugo in dessen letzten Erdentagen eine Stütze zu sein, zieht Toby Hennessy gemeinsam mit Freundin Melissa für eine Zeit in das von dem Einzelgänger bewohnte Familienanwesen der Hennessys am Stadtrand von Dublin, ein altes, efeubewachsenes Gebäude mit rückwärtigem Garten.

Dem 28-jährigen Mann kommt diese Auszeit von seinem normalen Leben gerade recht. Ärger im Job – er arbeitet für eine kleine Dubliner Kunstgalerie – und eine kürzlich gemachte Gewalterfahrung, die ihm fast das Leben kostete, haben seiner Gesundheit und seinem Nervenkostüm mächtig zugesetzt. Immer noch plagen ihn Gedächtnisprobleme – und die beiden maskierten Männer, die ihn in seiner Wohnung überfallen und ins Koma geprügelt haben, sind nach wie vor auf freiem Fuß.

Auf Rekonvaleszenz im Ivy House

Da ist das Ivy House genannte Anwesen fast eine Art Sanatorium für ihn, allerdings eines, in dem er Patient und Pfleger zugleich ist. Denn Onkel Hugo, bei dem Toby in seiner Kindheit und Jugend gemeinsam mit Cousine Susanna und Cousin Leo viel Zeit verbrachte, leidet an einem Hirntumor und hat nicht mehr lange zu leben. Der älteste von vier Brüdern ist im Gegensatz zu den drei anderen kinderlos geblieben und hat sich deshalb umso intensiver um deren Nachwuchs gekümmert.

Kein Wunder also, dass Toby dem als Genealogen arbeitenden Onkel nun zurückgeben will, was Hugo dem Trio seiner beiden Neffen und der Nichte einst an Fürsorglichkeit entgegenbrachte. Und auch Susanna, inzwischen verheiratet und selbst Mutter von zwei Kindern, sowie der in Deutschland arbeitende und mit einem Freund zusammenlebende Leon stellen sich nun regelmäßig ein, um sich gemeinsam mit Toby an die unbeschwerte Zeit in dem efeuüberwucherten Haus und seinem märchenhaften Garten zu erinnern.

Allein was so idyllisch beginnt, nimmt plötzlich eine Wendung, die gerade die erinnerte Unbeschwertheit jener Tage in einem anderen Licht erscheinen lässt. Denn Susannas Kinder stoßen beim Spielen im hohlen Stamm einer uralten Bergulme ganz hinten im Garten auf einen Schädel. Und die herbeigerufene Polizei braucht nicht lange, um ein komplettes menschliches Skelett ans Tageslicht zu befördern.

Dass es sich bei dem Fund nicht um einen Zeitgenossen früherer Jahrhunderte handelt, sondern um die Gebeine eines Schulkameraden von Toby, der zehn Jahre vorher im Anschluss an ein verpatztes Abitur urplötzlich von der Bildfläche verschwand, steht schnell fest. Damit ist klar, dass jener Dominic Ganly, ein nicht unbedingt bei jedem beliebter Schüler, sich damals keineswegs, wie man bisher glaubte, von einer Klippe ins Meer gestürzt hat, sondern Opfer eines brutalen Verbrechens wurde. Doch was haben Toby, Susanna und Leon damit zu tun? Und warum will sich keiner der drei mehr so richtig daran erinnern, was in jener Nacht, in der Dominic verschwand, geschehen ist?

Der Tote im Baum

Tana French baut die Spannung in ihrem Roman langsam auf. Leser, die bereits die früheren Bücher dieser Autorin kennen, sind das gewöhnt – die meisten lieben French dafür, anderen wiederum ist sie zu weitschweifig und detailverliebt. Allein die Wahrheit – und um die Wahrheit hinter einem zehn Jahre zurückliegenden Mordfall geht es in ›Der dunkle Garten‹ – braucht eben Zeit, um ans Licht zu kommen. Zumal wenn sich drei Menschen, deren Erinnerungen nicht so recht zu trauen ist, mit den Ereignissen von damals auseinanderzusetzen versuchen.

Sowohl Susanna wie auch Leon und Toby waren bei der Gartenparty auf Onkel Hugos Anwesen dabei. Auch sie gehörten zu den Adressaten einer von Ganlys Handy abgeschickten Nachricht, die den Schluss zuließ, dass ihr Mitschüler seinem Leben ein Ende zu setzen gedachte. Inwieweit sie selbst Mitschuld trugen an dem, was in jener Nacht passierte, bleibt allerdings lange in der Schwebe. Eines nur wird in den Gesprächen der drei schnell klar: Ein Motiv, den unbeliebten Muskelprotz Dominic Ganly loszuwerden, besaß jeder Einzelne von ihnen.

Die dunklen Seiten des Lebens

Die Geschehnisse in ›Der dunkle Garten‹ werden aus der Perspektive des noch nicht ganz von den bei dem Überfall in seiner Stadtwohnung erlittenen Verletzungen wiedergenesenen Toby Hennessy erzählt. Er, der sich lange Zeit für einen Glückspilz hielt – Familie, Freunde, Job und berufliche Aussichten: alles tadellos – muss plötzlich erkennen, dass das Leben auch dunkle Seiten hat.

Sich diesen zu stellen bis hin zu der Frage, ob er selbst es gewesen sein könnte, der den Toten im Baum auf dem Gewissen hat, ist ein schmerzlicher Prozess, in dessen Verlauf er nicht nur seinen Onkel, sondern auch die ins Ivy House mitgebrachte Freundin verliert. Und eine Wahrheit erfahren muss, mit der fortan zu leben eigentlich unmöglich ist.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Tana French: Der dunkle Garten
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Frankfurt/Main: Scherz 2018
656 Seiten. 16,99 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

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