Noch von Tambora

Wolf Senff: Noch von Tambora

Das klingt für meine Ohren alles zu kompliziert, sagte der Ausguck und streckte sich lang in den heißen Sand der Ojo de Liebre. Er stöhnte genießerisch. Hier kannst du die Welt vergessen, sagte er. Geh du nur schwimmen!, sagte er.

Thimbleman lachte. Wolltest du es nicht lernen?

Aus mir wird kein Fisch werden, mein Freund.

Vulkan - VulcanDu kannst die geschäftige Welt nicht vergessen, Ausguck, niemand kann das, nicht einmal in dieser abgelegenen Lagune. Die Dinge sind unauflöslich miteinander verbunden, der gewaltige Ausbruch des Tambora Tausende Meilen entfernt hatte gravierende Folgen auch für die Vereinigten Staaten.

Der Ausguck schwieg.

Ob du es glaubst oder nicht, nein, falsch, es ist keine Frage des Glaubens, sondern die Fakten sprechen für sich, Ausguck, und Gramner hat recht, die Tambora-Krise setzte eine immense Migration in Gang. Nach vier außergewöhnlich kühlen Jahren war 1816 die Ernte in Nordamerika wieder so erbärmlich, daß viele Menschen ihre Häuser verkauften, ihr Hab und Gut auf Wagen packten und nach Westen aufbrachen. Allein von Maine seien fünfzehn- bis zwanzigtausend Menschen ausgewandert, und diese Große Migration hielt von 1815 bis 1819 an – die neuen Staaten erlebten zwischen 1810 und 1820 den größten Zuwachs ihrer Geschichte. Nachweislich.

Und Auslöser, davon bist du überzeugt, Thimbleman, sei der Ausbruch des Vulkans in Südostasien? Wer das zu Ende denkt, müßte wohl die Geschichte neu schreiben.

Der Ausguck setzte sich auf. Da!, rief er und zeigte auf eine abtauchende Fluke.

Ein schönes Bild, oder?

Der Teufelsfisch fühlt sich wohl in dieser der Lagune, was meinst du?

Sonst wäre er kaum hier. Thimbleman lachte. Er hat ja keine Verpflichtungen, unser Teufelsfisch. Muß er arbeiten?

Gut gefragt. Braucht er Kleider? Fehlt ihm Schuhwerk? Besitzt er Fabriken? Wie verdient er sein Geld, um die Familie zu ernähren?

Treibt er Sport?, fragte Thimbleman: Wir werden albern, Ausguck

Der Ausguck ging nachdenklich einige Schritte umher. Das ist halt eine andere Welt, sagte er nüchtern. Sie hat ihre eigenen Regeln.

Fragst du Gramner, befindet sich der Mensch seit langer Zeit auf einem Irrweg. Er will sich die Natur verfügbar machen und verstrickt sich ins Verhängnis.

Du wirst dir noch den Kopf zerbrechen, Thimbleman. Überall siehst du Probleme.

Die Verhältnisse unter den Menschen sind schwierig, das sagt auch Gramner. Der Mensch suche nicht nur die Natur auszubeuten, sondern ebenso sich selbst. Ihn treibt eine unermeßlich aggressive Gier, verstehst du, woher kommt sie, von welchen Stürmen wird sie getragen, auf seiner Agenda stehen Wachstum und Fortschritt. Erbarmungslos.

Nichts wird ihn aufhalten?

Nichts wird ihn aufhalten. Seine Bemühungen, den Planeten zu kolonisieren, sind totalitär, sie sind lebensfeindlich.

Sagt Gramner?

Sagt Gramner, Ausguck.

Er dramatisiert.

Es liegt nur beim Menschen, sagt er, der Mensch verzehrt seine eigene Zukunft, sagt er, er frißt sie auf, unersättlich, und vielleicht sei jetzt noch möglich, die Zukunft zu retten.

Des Menschen Zukunft vor dem Menschen retten?

Klug gefragt, Ausguck. Man muß auf die Bremse treten. Niemand hat gesagt, daß es einfach werde und gelinge im Handumdrehen.

| WOLF SENFF
| Titelfoto: Raden Saleh creator QS:P170,Q1375979, Raden Saleh – Merapi volcano, eruption at night, 1865, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Der andere Janssen

Nächster Artikel

Furchterregend und wunderschön

Weitere Artikel der Kategorie »TITEL-Textfeld«

Karttinger 1

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Karttinger 1

Karttinger, wieso Karttinger, was sei mit Karttinger, habe er nicht seine Familie in der Vendée besuchen wollen.

Davon sei die Rede gewesen, ja, doch bei ihm wisse man nie, sagte Tilman und lachte, und was kümmere den Farb plötzlich der Karttinger, woher kenne er den, das sei doch eine andere Erzählung.

Farb tat sich einen Löffel Schlagsahne auf seine Pflaumenschnitte, warf flüchtig einen Blick hinüber zum Gohliser Schlößchen und verteilte die Sahne sorgfältig über sein Stück Kuchen.

Annika schenkte Tee ein, Yin Zhen.

Ob sie nicht ein Haus in der Nähe von Coulon besäßen, fragte Farb, inmitten des Marais Poitevin, einer der schönsten Regionen des Landes, vergleichbar mit unserem Spreewald.

Kulturrevoltion

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Kulturrevolution

Er habe nachgedacht, räumte Farb ein, er sei neugierig geworden und habe sich informiert.

Anne schenkte Tee nach, Yin Zhen.

Farb warf einen Blick auf seine Tasse, er war vernarrt in den zierlichen rostroten Drachen, nur den Henkel, der sich im oberen Teil gabelte, fand er unpassend.

Tilman war rückte ungeduldig näher zum Couchtisch und suchte eine schmerzfreie Sitzhaltung einzunehmen. Farb hätte sich über Echnaton informiert? Wikipedia als Türöffner zum alten Ägypten?

Tambora

Textfeld | Wolf Senff: Tambora Nein, nicht ich, sagte der Ausguck, ich war nicht dabei. Thimbleman lachte. Du warst noch gar nicht auf der Welt, stimmt’s? Meine Eltern erzählten davon. Sie sagen, es sei schrecklich gewesen. Ich weiß, Gramner erwähnte den Ausbruch. Das Ende der Welt, sagt Gramner. Der Tambora befindet sich auf Sumbawa, einer Insel des Sundabogens östlich von Java. Weit, weit weg von unserer idyllischen Lagune, sagte der Ausguck Endlos weit. Und dennoch – ein nie dagewesener Ausbruch zu Beginn unseres Jahrhunderts, sagt er, folgenschwer wie der des Krakatau, als schon das Jahrhundert zu Ende ging, Jahrzehnte nach

Spielregeln

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Spielregeln

Die Abende waren mild, an den Abenden trank Maurice ein Glas Wein. Er war Mitte dreißig, Lassberg hätte ihn auf Anfang vierzig geschätzt. Sie kannten einander seit einigen Jahren, Maurice leitete in Maastricht einen Betrieb, in dem Modeschmuck hergestellt wurde, und buchte ebenfalls im Tsell Harim.

Goldgräber, Walfänger, indigene Stämme II

Wolf Senff: Goldgräber, Walfänger, indigene Stämme II Wachstum und Fortschritt seien dämonische Kräfte, widersprach Gramner, ihr Geist sei destruktiv. Gemeinhin schlummern diese Dämonen, sagte er, man müsse in ihre Sphäre eindringen, sie müßten wachgerüttelt werden, und in der Moderne könne kein Zweifel daran bestehen, daß sie vollkommen lebendig seien. Doch einen Weg, der in die Irre führe, könne man verlassen. Du sprachst von Krankheiten? McAlister lachte verlegen.