Vier Millionen Jahre

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Textfeld | Wolf Senff: Vier Mio

Vier Millionen Jahre, wie lange dauern vier Millionen Jahre, fragte Sut.

Manchmal fiel ihm ein, seine Erzählungen auf der ›Boston‹ mit einer Frage einzuleiten, das hielt er für eine originelle Idee, es lockere die Atmosphäre und führe sein Publikum in kleinen Schritten in die Erzählung.

Eine Ewigkeit, antwortete Crockeye.

Auf jeden Fall länger, als ein Mensch lebt, witzelte der Rotschopf.

Folglich wissen wir es nicht, sagte Bildoon.

Niemand lebt vier Millionen Jahre, sagte Eldin.

Die Eiche vor der Bücherhalle am Siemersplatz, heißt es, sei über zwei Jahrhunderte alt, sagt Tilman – sich unangekündigt einzumischen, den Fluß des Erzählens unterbrechend, das ist definitiv eine seiner schlechten Angewohnheiten.

Susanne wirft ihm einen mißbilligenden Blick zu, seine Neigung, zu dozieren, ist ihr lästig, und daß er von fern in das Gespräch eingreife, verstoße gegen alle Regeln, er hielte sich besser zurück. Außerdem sollte ihm bekannt sein, daß die Periodisierung in Erdzeitalter eine äußerst dubiose Angelegenheit sei, spekulativ, Beweise lägen nicht vor, auch wie es lange es Menschen gebe, sei ungewiß, die sogenannte Moderne sei aber in Zahlen verliebt, sie verleihen ihr Sicherheit.

Ein hohes Alter, sagte Harmat.

Am Ende lebe aber doch jeder weniger als vier Millionen Jahre, stimmt’s, fragte der Ausguck und lachte.

Vier Millionen Jahre dauerten eben vier Millionen Jahre, konstatierte schmunzelnd Pirelli.

Und, fragte Mahorner und lachte amüsiert, ist das die Antwort auf deine Frage, Sut?

Das erste aufrecht gehende menschenähnliche Geschöpf lebte, wie man annimmt, vor knapp zwei Millionen Jahren in Regionen Afrikas, Asiens und Europas.

Der homo erectus, sagte Pirelli.

Keine vier, stellte der Rotschopf fest.

Die eigentliche Gattung Mensch, der homo sapiens, wie er sich selbstherrlich tituliert, sagte Sut, hält sich aufgrund von Funden in Afrika seit dreihunderttausend Jahren für nachgewiesen, andere Wissenschaftler reden von fünfundachtzigtausend Jahren, die Kalkulationen sind unterschiedlich.

Bei weitem also keine vier Millionen, sagte Eldin. Der Mensch ist jung auf diesem Planeten.

Ein Neuankömmling, sagte Crockeye. Die Männer lachten.

Verglichen mit dem Grauwal, sagte Sut.

Er ist eine späte Geburt, ergänzte Mahorner.

Er führt sich neureich auf und praßt mit Schätzen, die ihm nicht gehören, sagte der Zwilling.

Ein Lottogewinn, sagte Crockeye.

Ihr redet vom Teufelsfisch?, fragte der Ausguck.

Blitzmerker, spottete Thimbleman, wir reden vom Menschen.

Der Grauwal könnte gut die eigene Geschichte niederschreiben, sagte Sut, er wird sich ohne Ende in den Meeren herumgetrieben haben, was hat er alles kennengelernt, was machte ihm zu schaffen, wann taten sich ihm die warmen Gegenden auf, die Lagunen sind eine Zeitenwende in seiner Geschichte, ein Paradies für die Geburt seiner Kälber, und früher oder später stieß er auf die nahrungsreichen Regionen in den polarnahen Meeren.

Er hat völlig recht, flüsterte der Ausguck, das Geschehen markiert Wendemarken in der Geschichte des Grauen.

Kluges Kerlchen. Thimbleman lachte.

Suts Stimme sei Balsam für die Seele, überlegte Rostock, und dennoch würden die Männer ihm unablässig ins Wort fallen, wie könne das sein.

Vier Millionen Jahre, sagte Sut, in denen sich der Grauwal in die Abläufe des Planeten fügte und seine eigenen Rhythmen fand, versteht ihr, er lebt im Einklang mit dem Planeten, und das, wie der Mensch der sogenannten Moderne vermutet, seit vier Millionen Jahren.

Und davor?, fragte  Harmat.

Wie meinst du das?, fragte Sut,

Zum Beispiel während der ersten Million Jahre, hatte er da Mühe, sich den Rhythmen des Planeten anzupassen?

Das ist klug gefragt, Harmat, antwortete Sut, doch daß einer nicht im Einklang mit dem Planeten lebe, das sei schwer vorstellbar, bekräftigte er.

Daß eine Spezies gegen die Harmonie des Planeten verstoße, sagte Sut, die Balance ignoriere, sich zum Herrscher aufschwinge, skrupellos die Schätze plündere, das könne gar nicht gutgehen, zwei, drei Jahrhunderte, eine lächerliche Zeitspanne, ein Lidschlag, und werde für die Lebewesen eine Katastrophe herbeiführen.

Wer die Natur zerstöre, konstatierte Rostock, werde durch die Natur umkommen.

Er wird aussortiert, sagte der Rotschopf.

Geltungssucht. Der Zwilling lachte verzweifelt.

Unsere Goldgräber in Frisco, klagte Eldin.

Silicon Valley, sagte Pirelli, die Verhältnisse würden sich nicht ändern.

Oh doch, widersprach der Rotschopf, die Zeit beschleunige gewaltig, der Mensch habe sie auf Hochleistung getrimmt, sie lege ein irrwitziges Tempo vor und rase auf den Siedepunkt zu. Langsam war gestern, und nichts wird sein, wie es war.

Habgier, sagte Mahorner.

Der Grauwal, Harmat, sagte Sut, lebte sich im Laufe der Jahrmillionen in die Abläufe ein, wie überall gab es Engpässe, Ecken, scharfe Kanten. Mit ihren Spitzentechnologien, den Fabrikschiffen, hätte es die sogenannte Moderne beinahe geschafft, ihn auszurotten, einige Jahre lang sah man ihn vor den Lagunen der Baja California gar nicht mehr, doch in den zwei großen Kriegen des zwanzigsten Jahrhunderts arbeitete der Mensch daran, sich gegenseitig zugrunde zu richten, der Grauwal wurde ihm gleichgültig und kehrte zurück.

Woher er das alles wisse, fragte der Ausguck.

Sut wisse es eben, sagte Mahorner, er ist der Erzähler.

Daß er sich zurechtfand, sagte Sut, und in seinen extrem speziellen Lebensraum hineinwuchs, nahm die vier Millionen Jahre in Anspruch, von denen ich sprach, mal lief es schnell, mal lief es langsam, Zeit ist elastisch, der Planet bietet Raum für eine Vielfalt seiner Geschöpfe. Der Grauwal ernährt sich, ihr wißt davon, hoch im Norden in der Bering-See und bringt seinen Nachwuchs Tausende Meilen weiter südlich zur Welt, hier in den Lagunen Niederkaliforniens, ich erwähnte das. Es existieren Aufzeichnungen, daß er einst auch im Atlantik lebte, und es ist bekannt, daß er verspielt ist, man hat beobachtet, daß er im seichten Wasser mit der Brandung sich in die Wogen rollte, es scheint sich um eine verständiges Geschöpf zu handeln.

Da übertreibt er, widersprach Crockeye: Hat der Teufelsfisch nicht unsere Schaluppe zum Kentern gebracht und einige Walfänger ernstlich verletzt?

Teils war es so und teils anders, wandte der Rotschopf ein.

Die Schulter ist mir noch nicht ausgeheilt, sagte Eldin.

Wir waren die Angreifer, rief Thimbleman.

Wir sind auf Walfang aus, vergiß das nicht, mahnte Pirelli.

Er setzte sich zur Wehr, verteidigte ihn Thimbleman.

Er ist von sanftmütigem Charakter, sagte Sut, hat keine Feinde in der Natur und führt ein friedfertiges Leben.

Er ist ein Vorbild, sagte Thimbleman.

Was wissen wir schon, sagte Sut, es gibt eben keine Geschichte des Grauwals.

Er ist uneitel, sagte Rostock.

Kein Selbstdarsteller, sagte Mahorner.

Bis tief in den Januar ist er auf Wanderung in den Süden, sagte Sut, immer nahe entlang der pazifischen Küste, bricht früh im Sommer von den Lagunen wieder auf und frißt sich im Norden, wo der Krill das Meer bevölkert, den Vorrat für die kräftezehrende Wanderung nach Süden an, so ist sein Jahreslauf strikt geregelt und an den Gegebenheiten der Natur orientiert, wie sollte es anders sein, er hat sich auf dem Planeten eingerichtet, und nein, er bucht keine touristischen Exkursionen, er muß keinen fernen Westen besiedeln, er plant keine Invasion in den Irak, okkupiert kein Afghanistan, er kennt keine Last-Minute-Offerten und benötigt zur Kommunikation keine Internet-Technologie.

Er verständigt sich über laute Rufe, fragte Bildoon.

Es sind wundervolle Töne, die sogenannte Moderne, die sich für den Nabel der Welt hält, sie zählt den Gesang des Grauwals zu den faszinierendsten, die der Mensch je vernahm, der Gesang trage im Meer über Hunderte Meilen, wie sei das möglich, die Wale würden einander an ihren Gesängen erkennen.

Pirelli lächelte. Vier Millionen Jahre lang hätten sie sich eingerichtet und fühlten sich zu Hause.

Der Haß, den der Mensch gegen seinesgleichen richte wie gegen die Natur, überlegte Rostock, entspringe der eigenen Ohnmacht angesichts eines allgegenwärtigen Planeten, das sei paradox.

Der Mensch hält sich für die Krone der Schöpfung, sagte der Rotschopf.

Manche Dinge benötigten länger, sagte Mahorner, der Grauwal pflege seine eigene Kultur, er füge seinem Haus keinen Schaden zu.

Eine sensible Spezies, sagte Bildoon.

Soweit wir das beurteilen könnten, antwortete Mahorner, denn was wir wüßten, sei gering, er rede ja nicht, er schreibe keine Bücher.

| WOLF SENFF

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