Die Katze schlägt zurück

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Comic | Joann Sfar: Die Katze des Rabbiners

Was braucht es mehr für einen tollen Comic als Katzen und Philosophie? Natürlich nichts. Das weiß auch der Comiczeichner und Katzenfan Joann Sfar. Er hat mit seiner (auch schon verfilmten) Graphic-Novel-Reihe ›Die Katze des Rabbiners‹ über den sprechenden, übellaunigen Kater eines algerischen Rabbis – oder besser gesagt: dessen Tochter Zlabya – ein vielgelobtes und vielschichtiges Meisterwerk der niveauvollen Comic-Kunst geschaffen. Jetzt liegt auf Deutsch endlich der dritte Sammelband, mit drei weiteren lustigen bis philosophischen Abenteuern des einmaligen Tiers vor. PHILIP J. DINGELDEY hat sich die Sammlung begeistert angesehen.

Katze des Rabbiners Bd.3Die grauhaarige Katze, der sagenhafte Star der Reihe, lebt in den 1920ern in Zlabyas Haushalt und kann sprechen, seitdem sie einen Papagei gefressen hat. Darum kann sie sowohl in menschlicher als auch in tierischer Sprache kommunizieren. Was sie jedoch sagt, hat sehr wenig mit dem Nachplappern eines Papageien zu tun. Tatsächlich wären viele Greise in der jüdischen Gemeinde froh, wenn dieses Tier seine oft boshafte, aber durch und durch ehrliche Zunge im Zaum halten würde. Denn jeder Mensch, außer seinem geliebten Frauchen, kommt bei dem namenlosen Kater, der nicht grundlos manchmal »Shaitan« (das arabische Wort für »Satan«) genannt wird, nicht gut weg.

In der ersten vorliegenden Geschichte ›Du sollst neben mir keine anderen Götter haben‹ (denn was sollen Katzen auch anderes sein, wenn nicht göttlich?) ist Zlabya schwanger. Das ist gleich ein doppelter Grund für den Kater eifersüchtig zu sein: auf den Ehemann, den er für einen Nichtsnutz hält, und auf das kommende Baby.

Das Tier befürchtet, zu kurz zu kommen. Wankelmütig kokettiert der Kater damit, sich in den Tod zu stürzen oder auszureisen und das Leben einer stummen Straßenkatze zu führen; doch keine Lösung scheint ihn wirklich zu befriedigen.

Bei seinen Trips auf der Suche nach einem neuen Leben passieren natürlich allerlei, für die Katze unbefriedigende Dinge: Die scheinbar sinnlosen Gebete des Rabbiners wirken zwar anziehend auf die Katze, aber doch kann sie sich nicht mit dem Gedanken an einen Gott, der über ihr steht, anfreunden, da die Katze doch der Nabel der Welt sein muss. Lieber freundet sich der Held auf der Jagd mit einer cleveren Maus an und sorgt dabei für allerlei Katastrophen, bis der Kater sich mit seinem Schicksal als Familienkatze anfreunden muss.

In der zweiten Geschichte ›Der Turm von Bad-El-Oued‹ wird die Moschee des Cousins des Rabbiners überschwemmt, und die jüdische und muslimische Gemeinde der Stadt überlegen in der Not, zusammen ihre Gebete durchzuführen, bis auch die Synagoge überschwemmt wird. Natürlich treten auch hier verstockte religiöse Fanatiker beider Religionen auf, die sich weigern, mit Andersgläubigen zu beten und die sich eigentlich prächtig in ihrem Fundamentalismus verstehen.

Auch wenn gerade diese Protagonisten die Katze eigentlich hassen, so hat letztere doch viel für die Idee der strikten Trennung übrig: Denn gerade in ihrem Haus machen es sich Babykatzen gemütlich, die vor der Überschwemmung geflohen sind. Nolens volens wird die, eher uneinsichtige Katze abermals gezwungen, sich mit der Situation eine Zeit lang abzufinden. Als gern gesehene Gäste der Comicreihe treten auch hier wieder der verrückte Landstreicher Malka und dessen zahmer depressiver Löwe auf.

Und in der letzten Story ›Das Mandelkörbchen‹ plant Zlabya eine Hochzeit zwischen einem Juden und einer Christin, die für ihren Freund zum Judentum konvertieren will, während dieser sich lieber mit anderen Frauen rumschlägt, Angst vor dem Heiraten hat und eigentlich nur bei seiner fürsorglichen, aber übellaunigen Mutter bleiben will. Unnötig zu erwähnen, dass die zynische Katze sich mit der alten Dame bestens versteht.

Comic der Katzigkeit

Inhaltlich hat der Sammelband also alles, was ein grandioser Graphic Novel so braucht: Philosophische und religiöse Reflexionen (zwischen dem Kampf der Religiösen bis zum oft scheiternden Versuch ihrer Versöhnung), das Zusammenleben von Mensch und Tier, Liebe, Neid, Eifersucht sowie Betrug; und all diese ernsten, oft bitteren Topoi werden aufgelockert, durch den trockenen Humor einer Katze, die nichts außer sich selbst für wichtig hält und dementsprechend alles bitterböse kommentieren darf und für häufiges Chaos (und manchmal auch tragische Wendepunkte) sorgt.

Der sprechenden Katze, als Element eines magischen Realismus, ist es damit erlaubt, die Dinge auszusprechen, die ansonsten keiner sich zu sagen traut.

Gleichzeitig wirken ihre Reden authentisch, da man einer egozentrischen Katze genau solche Worte unterstellen kann. Und tatsächlich wird die Katze in diesem Band noch boshafter und offener als in den vorherigen Bänden.

Dadurch werden die Handlungen weder eine trockene philosophische Abhandlung, noch eine biedere Geschichte mit Happy End und Love, Peace and Harmony. Nein, realistisch gehen die Storys oft nicht gut aus, und die Aktionen fordern stets ihren Preis. Dabei wird das Ganze durch die Katze, die ihre eigene Moral und Weltvorstellung hat, humoristisch bis bizarr gestaltet.

Der Comic wird dennoch kein Schenkelklatscher, sondern bietet eine ausgewogene Tragikomik, die oft zum Schmunzeln einlädt. So werden komplexe soziale Themen leichtverständlich und kurzweilig dargestellt, ohne sie bis zur Unkenntlichmachung verunstalten zu müssen. Ein grandioses Werk Sfars!

Besonders ist auch der Zeichenstil. Alles in diesem Graphic Novel ist überspitzt dargestellt. So haben Tiere oft besonders lange Gesichter, und die Katze hat auch noch übergroße Ohren. Menschliche Gesichter werden dabei gerne überzeichnet und, vor allem im Vergleich zur Mimik der Katze primitiv gezeichnet. Die oft blinde Naivität des Rabbis, wie auch das verstockte Denken seiner fundamentalistischen Gegner, werden optisch (etwa durch die Darstellung ihrer Verknöcherung) auf die rundlichen Personen übertragen.

Dennoch sind die meisten Figuren nicht negativ dargestellt. Sie werden nur in ein angemessenes Verhältnis zur allen überlegenen, anmutigen Katze gebracht; und jeder Charakterzug, spiegelt sich, einer Kindergeschichte gleich, in der Optik und den oft verfremdeten Proportionen der Körper wieder.

Katze des Rabbiners Bd.3

Insgesamt ist diese Comicsammlung eine leichte, komprimierte Darstellung des algerischen Judentums, ob nun ironisch, philosophisch, versöhnlich oder kritisch. Eine endgültige Positionierung wird natürlich nicht gefunden, und gerade diese Offenheit macht den Geist des Comics aus, der zum Nachdenken und zur Toleranz anregt, anstatt ein abschließendes Urteil zu kredenzen, oder – anders als noch in zweiten Band – die Monotheismen sonderlich zu beschönigen. Und so ganz nebenbei ist es noch ein toller Graphic Novel, durch den der Geist der Katzigkeit weht.

| PHILIP J. DINGELDEY
| Abbildungen: Avant Verlag

Titelangaben
Joann Sfar: Die Katze des Rabbiners, Bd. 3
Aus dem Französischen von Annika Wisniewski
Berlin: Avant 2019
200 Seiten, 29,95 Euro
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Reinschauen
| Leseprobe
| Mehr von Joann Sfar in TITEL kulturmagazin: Vampir und Die Katze des Rabbiners, Sammelband 2

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