Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz – frei

Comic | Anna Rakhmanko (Text) / Mikkel Sommer: Hinterhof

Dominant, feministisch, menschlich. Die Sexworkerin Dasa Hink gibt in der bei avant veröffentlichten Graphic Novel ›Hinterhof‹ Einblicke in ihren Beruf als Domina in Berlin. Doch statt spicy Storys aus dunklen Dungeons mit verruchten Sexpartys gibt es die nackte Realität: das menschliche Miteinander abseits der sexuellen Norm und die Begegnungen auf Augenhöhe. Von JULIA JAKOB

Eine Frau, die ein Mikrofon in der Hand hält - ihr Spiegelbild hält eine kleine Rute in der Hand.Der Job als Kellnerin ist anstrengend und schlecht bezahlt, der Partner will das gutbürgerliche Familienleben in der Kleinstadt. Dasa möchte jedoch etwas Anderes, Aufregenderes – mehr vom Leben, als die Kleinstadt zu bieten hat. Sie trennt sich und zieht nach Berlin, um in der Großstadt neu anzufangen. Durch Zufall sieht sie in der Zeitung eine Jobanzeige eines Domina-Studios – im Hinterhof. Selbstbestimmt arbeiten, Grenzen selbst setzen, kein Sex. Dasa ist neugierig, wobei sie bis dahin noch nie eine dominante Rolle in einer Beziehung eingenommen hat – geschweige denn jemandem absichtlich wehgetan. Doch als sie es ausprobiert, beginnt es ihr Spaß zu machen und sie bleibt dabei.

Dasa berichtet aus ihrem Berufsalltag. Wer kommt eigentlich in so ein BDSM-Studio? Was wird dort angeboten? Ist das nicht alles total verrucht, illegal, schmuddelig, pervers, vulgär, überzogen, krank, unseriös, menschenverachtend? Nein.

Zwanglos und jenseits gängiger Klischees

Die Erzählung beginnt mit dem ersten Treffen zwischen ihr und einem neuen Kunden. Statt sich sofort vor ihr in den Staub zu werfen, halten die beiden einen kurzen Smalltalk und reden anschließend darüber, was sie heute zusammen machen wollen. Dasa ist nicht das wandelnde Klischee der strengen Leder-Domina, die alte Männer in die Knie zwingt und diese stundenlang auspeitscht. Direkt zu Anfang wird klar, dass dieses BDSM so viel mehr sein kann als perverse Sexspielchen. In erster Linie ist Dasa eine Dienstleisterin. Sie hat jahrelange Erfahrung darin, die Fantasien ihrer Kund*innen, meistens Männer, in einem geschützten Rahmen umzusetzen. Safe, sane, consensual – sicher, mit Bedacht, einvernehmlich.

Dasa feiert ihre Kund*innen. Sie bewundert den Mut, sich gegen gesellschaftliche Konventionen zu stellen und der eigenen Sexualität hinzugeben, loszulassen. Gleichzeitig fühlt sie sich empowered, wenn sie in eines ihrer vielen Outfits schlüpft, sich hohe Schuhe anzieht und in eine dominante Rolle treten darf. Sie kann Kunden*in und sich selbst spielerisch erforschen, Genuss bringen, geben, nehmen und befreien. Denn Schmerz kann eine Rolle einnehmen, muss er jedoch nicht. Fetische sieht sie nicht als Einschränkung, sondern als eine Superpower, die eine Befriedigung garantieren, wenn die anerzogene Scham erst überwunden ist. Sexualität ist fast immer Kopfsache, die Berührungen nur ein Katalysator.

Kundentypen und Sexualpraktiken

Dasa erzählt von ihren Erfahrungen im Beruf, verschiedenen Kundentypen, BDSM- und Sexualpraktiken und was sie daran fasziniert. Dabei geht es vor allem um die Empfindungen und das zwischenmenschliche Spiel. Sie erzählt darüber, welche Motivationen es geben kann, zu einer Domina zu gehen – ein Ausgleich, eine Form der Self-Care, ein Ausbrechen aus dem Alltag, das Abenteuer, das Ausleben dieser einen Sexfantasie, von der niemand erfahren darf, das Ausweinen an einer starken Schulter.

Der Job als Domina hat Dasa für vieles geöffnet. Sie hat die Polygamie für sich entdeckt, von der sie vor Berlin nicht einmal wusste. Sie ist offen für den erotischen Porno als Kunstform geworden und feiert die vielen, kreativen Möglichkeiten, die eine offene Darstellung von Nacktheit und Sexualität bietet. Auch ist ihr Job vereinbar mit ihrer eigenen Kunst, dem Songschreiben und Singen in einer Band. Hierbei inspiriert sie ihre Arbeit und der Wunsch, eine Botschaft zu vermitteln.

Aufklärend, nicht pornografisch

Dasa definiert sich als Domina, ihren Beruf als Teil der Prostitution in Berlin, denn sie ist auch als solche gewerblich gemeldet. Auch wenn nicht alle Feminist*innen Sexwork fördern, so sieht sie ihren Beruf als mit dem Feminismus vereinbar. Sie bietet zwar sexuelle Dienstleistungen an, jedoch nach ihren Vorstellungen – kein penetrativer Sex, klare Grenzen, Selbstbestimmung. Den Begriff der Sexworker*in oder Prostituierten empfindet sie als deskriptiv und plädiert für eine positive Wiederaneignung des Begriffs: »Ich bin Prostituierte, und ich schäme mich nicht dafür.«

Eine Frau schminkt sich die Lippen.
Leseprobe:© Mikkel Sommer / avant Verlag

Wer interessiert an den Themen BDSM und Sexwork ist, der wird mit dieser Graphic Novel viel Spaß haben. Sie feiert die individuelle Vielfalt von Sexualität und stellt sie menschlich dar. Nacktheit sowie sexuelle Praktiken werden stilisiert, nicht detailliert dargestellt. Das Buch ist aufklärend, nicht pornografisch. Ich empfehle die Graphic Novel ab 16 Jahren.

| JULIA JAKOB

Titelangaben
Anna Rakhmanko (Text) / Mikkel Sommer: Hinterhof
Aus dem Dänischen von Katharina Erben
Berlin: Avant-Verlag 2022
128 Seiten, 20 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Überraschung statt Gänsehaut

Nächster Artikel

Nicht nur das Gelbe vom Ei

Weitere Artikel der Kategorie »Comic«

Die Zauberin, der Feuerwehrmann und das Leben dazwischen

Comics | Dominique Goblet: So tun als ob heißt lügen Mit ›So tun als ob heißt lügen‹ liegt beim Avant Verlag ein außergewöhnlicher autobiographischer Comic neu in deutscher Übersetzung vor. Der belgischen Comic-Künstlerin Dominique Goblet gelingt damit ein intimes Zeugnis, das viel preisgibt, ohne geschwätzig zu sein. Indem er einen auf der Gefühlsebene packt. Und dabei blendend aussieht. Von CHRISTIAN NEUBERT

Die Hauptschule schlägt zurück

Comic | Jean La Fleur: Wie kommt der Parmesan in die Tastatur? Der Alltag kann gefährlich sein, wenn er von einem Comic-Zeichner verfremdet wird, der sich selbst als »die größte Bitch im Business« nennt. Diese »Bitch«, die gerne locker aus der Hüfte schießt, ist Jean La Fleur, der sich selbst als Begründer der Neuen Frankfurter Hauptschule tituliert – eine Hommage an die Satiriker- und Zeichnergruppe Neue Frankfurter Schule. Jean La Fleurs neues Werk ist eine Reihe von derben, aber alltäglichen Cartoons, die in einem kleinen Heft versammelt sind – mit dem Titel ›Wie kommt der Parmesan in die Tastatur‹. PHILIP

Ein vertracktes Juwel

Comic | Neil Gaiman (Text), James J. Williams III (Zeichnungen): Sandman Ouvertüre Wenn eine erfolgreiche Geschichte zu Ende erzählt ist, wenden sich diejenigen, die an dieser Geschichte noch mehr zu verdienen hoffen, gerne Nebenfiguren (Spin-Offs) oder der Entstehungsgeschichte der Helden zu (Prequels). Das kann gut gehen, kann aber auch zu einer abgeschmackten Banalisierung eines Mythos werden, wie die ›Before Watchmen‹-Reihe eindrucksvoll bewiesen hat. Hat man also Grund zur Sorge, wenn Neil Gaiman jetzt in ›Sandman – Ouvertüre‹ die Vorgeschichte seiner legendären Comicreihe verfasst? BORIS KUNZ kann an dieser Stelle beruhigen.

Aller guten Dinge sind drei (oder vier)

Comic | Comicserien BORIS KUNZ ist am Ball geblieben, was die Fortsetzungen einiger besonderer, hier schon besprochener Comicserien über Band zwei hinaus noch weiter zu bieten haben und widmet sich in diesem Rundumschlag dem jeweils dritten bzw. vierten Band. Los geht es mit Sweet Tooth Band 3: Die Flucht / Band 4: Bedrohte Arten

Verliebt in einen Vampir

Comic | Joann Sfar (Text und Zeichnungen): Vampir (Grand Vampire Tome 1 – 4) Der kleine Vampir Desmodus ist erwachsen geworden: In seiner Serie ›Grand Vampire‹ erzählt der französische Comicstar Joann Sfar von amourösen Komplikationen in einer Welt voller Hexen und Vampire, Golems und Geister, Werwölfe und Gespensterjäger. BORIS KUNZ über den ersten Band der zweiteiligen Gesamtausgabe, mit der der Avant-Verlag das kultige Universum von Sfar weiter ausbaut.