Vergänglich

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Vergänglich

Wahrnehmung von Zeit, sagte Termoth, sei ein Akt des Bewußtseins. Wenn niemand mehr anwesend sei, existiere auch keine Zeit, das zu verstehen sei wohl kaum kompliziert.

Die Männer lächelten. Der Ausguck schlug ein Rad, der Raum auf dem Deck der ›Boston‹ war eng, und er mußte gehörig achtgeben, daß er mit den Füßen niemanden traf.

Wer die Ereignisse aufmerksam verfolge, fügte Termoth hinzu, dem erschließe sich die Vergänglichkeit der Bilder, ein jedes Bild konserviere die Wirklichkeit, es wolle sie zwanghaft und künstlich bewahren und beschwöre erst recht die Vergänglichkeit herauf, ihr versteht, Bilder verzehren die Wirklichkeit.

Bilder fressen die Wirklichkeit auf, flüsterte Bildoon.

Die Moderne sei charakterisiert durch eine Inflation der Bilder, ergänzte Mahorner.

Erdrückend, sagte Pirelli.

Ruhe, zischte Thimbleman.

Dieser Prozeß, sagte Termoth, verhalte sich gegenläufig zur Schöpfung, es handle sich um Verfall, um Dekadenz, und bei dem Übermaß an Bildern verliere das Leben seine Balance.

Dieses sei, sagte er, die Situation der sogenannten Moderne.

Pirelli räusperte sich vernehmlich.

Gramner runzelte die Stirn.

Bildoon und Harmat, froh daß sie nichts mit der sogenannten Moderne zu schaffen hatten, sahen sich erleichtert an.

Eldin faßte nach der Schulter.

Sie feiern die finale Party, sagte Termoth, ein monumentales Bohei, hysterisch, triumphalistisch, bunt, viel Lärm, viel Getöse – sie haben nichts verstanden, null, sagte er, die Welteroberer sind am Ende, sagte er, das angloamerikanische Imperium kollabiert.

Das war seit längerer Zeit absehbar, sagte Gramner, der Mensch hätte eingreifen können, die Dampfschiffahrt sei ein maßgeblicher Wendepunkt – nur daß die herrschende Meinung alle Signale verdrängt, die Medien wollen das nicht wahrhaben, das ist ihnen zur Gewohnheit geworden, sie reiben sich an den windigen Figuren, die die angloamerikanische Welt des neuen Jahrtausends regieren, man kennt das alles, und es ist lästig – die herrschende Meinung pflegt stets Personen hochzuspielen und allemal so zu tun, als existierten keine Probleme.

Termoth lächelte. Sie werden von ihren Versäumnissen eingeholt.

Die Brocken fallen ihnen auf die Füße, sagte Pirelli.

Vernichtend, ergänzte Gramner – ihm waren aus dem anbrechenden dritten Jahrtausend auf verborgenen Wegen Bruchstücke eines Manifests zugespielt worden.

Der sich tollkühn Homo sapiens nennt, der Mensch – er ist auf ganzer Linie gescheitert, ein Versager, und es wird kein Vermächtnis geben außer dem erleichterten Seufzer des Planeten selbst, daß er von der übelsten Sorte Mordbrenner befreit sei… höchste Zeit, auch für den Planeten war fünf vor zwölf …. zerrte Substanzen hervor, die die Natur unzugänglich verborgen hatte …  war nicht in der Lage, die im Übermaß vorhandenen Schätze kontrolliert zu bewirtschaften … seine aggressive Gier richtete er nach außen wie gegen sich selbst, seine Ansprüche waren ohne Maß und ohne Ziel.

Termoth und Gramner wandten sich der Mannschaft zu. Sie lächelten entspannt.

Ob man einst aus der Zukunft werde lernen können, fragte sich Pirelli.

Der Ausguck stand im seichten Wasser, lief einige Schritte und schlug einen Salto, was an Deck der ›Boston‹ leichtfertig wäre und die Männer erschrecken würde.

Thimbleman genoß die Stille.

Eldin faßte sich an die Schulter, sie schmerzte nicht länger, das Klima tat ihm gut.

| WOLF SENFF

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Auf keinen Fall. Der Ausguck erschrak. Nein – er genieße die friedlichen Tage in dieser Lagune.

Das war dem Ausguck anzusehen. Thimbleman lächelte.

Er wußte nicht viel über den Ausguck, außer eben, daß er aus der Stadt stammte, schon als kleines Kind in der Gerberei des Vaters gezwungen war mitzuarbeiten und die erste Gelegenheit nutzte, sich aus dem Elternhaus davonzustehlen. Er hatte es nicht leicht, ein halbes Kind noch, war einige Tage durch die Stadt gestromert, wie man sich eben so durchschlägt, war den Goldgräbern konsequent aus dem Weg gegangen, lungerte am Hafen herum und konnte von Glück reden, auf Scammons ›Boston‹ eine Heuer gefunden zu haben.

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