Das Ende der Menschheit erleben

Roman | Hendrik Otremba: Kachelbads Erbe

»Ich möchte das Ende der Menschheit erleben. Ich möchte einem Anfang beiwohnen«, wünscht sich der Schriftsteller Shabbatz Krekov in Hendrik Otrembas zweitem Roman Kachelbads Erbe. Die Crux daran: Krekov ist bereits 1956 in Mexico gestorben, und die Romanhandlung ist den 1980er Jahren angesiedelt. Gelesen von PETER MOHR

Kachelbads ErbeAutor Hendrik Otremba, 1984 in Recklinghausen geboren und auch als bildender Künstler und Sänger der Band »Messer« erfolgreich, beschäftigt sich auf erzählerisch äußerst geschickte Weise mit dem Thema Kryonik – einer fragwürdigen, in den USA seit 1967 praktizierten wissenschaftlichen Methode der Konservierung von Menschen oder einzelnen Organen durch extreme Kälte.

Der Schriftsteller Krekov ist einer von vielen Kunden des in Los Angeles tätigen Unternehmens »Exit U.S.«, das die tiefgefrorenen Körper seiner Kunden in einer Lagerhalle aufbewahrt. Die Hauptfigur Kachelbad, ein älterer unscheinbarer Mann, übernimmt die Firma nach dem Tod seines Chefs Won-Hong und stellt fest, dass sich das Unternehmen in einer gravierenden finanziellen Schieflage befindet.

Die Kosten sind explodiert, denn die zwanzig großen Tanks, in denen die sogenannten »kalten Mieter« konserviert sind, müssen in regelmäßigen Intervallen mit flüssigem Stickstoff versorgt werden, und das Blut der Toten wird gegen ein kostspieliges Frostschutzmittel ausgetauscht. Auch für die Kunden ist es ein teurer Deal, der vor deren Tod vertraglich exakt verbrieft wurde. Kachelbad bekommt bei seiner Arbeit Hilfe von einem deutschen Arzt namens Gruber, der wegen seiner NS-Vergangenheit von einem Journalisten observiert wird.

Neben dem Schriftsteller Krekov gehören auch der Popstar Amelia Morales, der Killer Ho van Kim, eine russische Wissenschaftlerin, die nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl gestorben war, und etliche andere Personen mit geheimnisvollen Lebensläufen zur Kundschaft.

Autor Hendrik Otremba vermeidet Fantasy und Science Fiction-Elemente und hat auch keine Dystopie im Sinn gehabt. Stattdessen versucht der 35-jährige Autor, die vielschichtigen Motive der Kunden mit beachtlicher Polyphonie zu arrangieren, ihre Beweggründe für den selbst gewählten »postmortalen Kälteschlaf« herauszuarbeiten.

Der Prozess des Einfrierens gewinnt dabei auch eine spirituelle Bedeutung als Übergang in eine andere, in eine zweite, vermeintlich bessere Welt. Die Sehnsucht, die unstillbare Neugier nach einer anderen Zeit beflügelt im Denken der Romanfiguren deren Entschluss, diese Form der hochtechnischen Reinkarnation zu wählen.

»Wenn ich mir die Welt gerade angucke, weiß ich nicht, ob die Zukunft ein positiver Sehnsuchtsort ist. Ich würde mich eher sorgen, aufzuwachen und zu denken: Verdammt, wäre ich mal einfach gefroren geblieben«, hatte Autor Hendrik Otremba kürzlich in einem Interview erklärt.

Sein Roman Kachelbads Erbe liest sich wie eine literarische Grenzerkundung zwischen gestern und morgen, in der Ängste und Sehnsüchte, Liebe und Tod, Trost und Trauer, Kommerz und Moral, Religion und Philosophie, surrealer Zauber und morbide Elegien ungebremst aufeinandertreffen. Nein, das ist kein »Pageturner« mit rasantem Erzähltempo, der uns durch die Seiten hecheln lässt. Kachelbads Erbe fesselt in einer anderen Dimension. Es ist ein Buch, das uns mit vielen quälenden Fragen (über Leben und Tod) schonungslos konfrontiert und tief, geradezu existenziell in die Seelen eindringt. Man kann es nach der Lektüre zwar zur Seite legen, aber man wird garantiert für einige Zeit nicht mehr davon loskommen. Das schafft nur bedeutende Literatur.

| PETER MOHR

Titelangaben
Hendrik Otremba: Kachelbads Erbe
Hamburg: Hoffmann und Campe 2019
430 Seiten, 24.- Euro
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