Scharfsinniger Sprachvirtuose

Menschen | Zum 90. Geburtstag von Hans Magnus Enzensberger

»Was dir durch den Kopf rauscht, ist formlos und nicht zu fassen. Du spinnst wie Arachne, mein Lieber, und von Glück kannst du sagen, wenn es dir wenigstens gelingt, eine Stubenfliege zu fangen«, heißt es im pünktlich zum 90. Geburtstag erscheinenden Notizbuch ›Fallobst‹. Hans Magnus Enzensbergers Produktivität ist beeindruckend. Gleich zwei neue Bücher sind in diesem Jahr erschienen, und sie präsentieren uns den Jubilar als nach wie vor scharfsinnigen Analytiker und begnadeten Sprachvirtuosen. Von PETER MOHR

Hans Magnus Enzensberger: Experten RevueIm Frühjahr legte er eine aus 89 raffinierten Kurztexten bestehende »Experten-Revue« vor, in denen er sich mit nahezu unbekannten Personen und deren teilweise skurrilen Passionen auseinandersetzte. Wir erfahren darin von der Welt des Rauschens, lernen einen Spezialisten für Herrenbekleidung kennen, begegnen einem Zukunftsforscher, der einen Atomkrieg für Amerikaner überlebbar hielt, bekommen einen Einblick in die komplizierte Denkweise eines Forschers der Mengenlehre und erfahren überdies, dass es 6600 Arten von Weberknechten (langbeinige Insekten) auf dem Erdball gibt. Schließlich widmet er auch seinem Großvater in dessen Funktion als Vorsitzender der deutschen Sektion des Esperanto-Weltbundes ein kleines Kapitel. Enzensberger hält in dieser verspielten »Experten-Revue« behutsam die Waage zwischen Tiefsinn und Witz.

Im Notizbuch ›Fallobst‹ hat Enzensberger Fremdzitate, eigene pointierte Aphorismen und zeitkritische Reflexionen aneinandergereiht. Es hat nicht nur Esprit, sondern es zeugt auch von einer ausgeprägten Beobachtungsgabe, wenn ein Autor von nun 90 Jahren über die Smartphone-Generation schreibt: »Früher war es klinisch kranken Menschen vorbehalten, im öffentlichen Raum ihre intimsten Probleme und Obsessionen lauthals preiszugeben. Auch eine neue Gestik ist zu beobachten. Fast ausnahmslos führen die Menschen Geräte mit sich, zu denen sie ein erotisches Verhältnis pflegen. Sie wischen, fummeln, nesteln, wedeln und stöpseln nicht nur an diesen Gegenständen herum, sondern kitzeln, streicheln, frottieren, tätscheln, knuddeln und massieren sie.«

»Einiges ist geglückt, anderes nicht. Man nennt es Zufall oder Fortune«, hatte Hans Magnus Enzensberger vor fünf Jahren rückblickend auf sein Leben in einem Interview erklärt. Im Laufe von über 60 Jahren führte sein Weg vom impulsiven, rebellierenden »Bürgerschreck« zu einem der pointiertesten Intellektuellen des Landes und zum vehementen Verteidiger des klassischen Bildungsgutes.

In der Vergangenheit hat Hans Magnus Enzensberger, der heute vor 90 Jahren als Sohn eines Oberpostdirektors in Kaufbeuren geboren wurde, bereits des öfteren eine starke Affinität zu historischen Stoffen gezeigt: Bei den Theaterstücken ›Eine romantische Frau‹ (1990) und ›Diderot und das dunkle Ei‹ (1993), bei der Calderon-Interpretation ›Die Tochter der Luft‹ (1993), beim ein Jahr später erschienenen Band ›Diderots Schatten‹ und bei den Theaterstücken ›Nieder mit Goethe‹(1996), ›Der Untergang der Titanic‹ (1999) sowie beim großen erzählerisch-dokumentarischen Band ›Hammerstein‹ (2008). In diesem Buch, das den Untertitel »Eine deutsche Geschichte« trägt, beschäftigt sich Enzensberger mit dem rasanten Aufstieg des Berufssoldaten Kurt von Hammerstein, der 1930 als General Chef der Heeresleitung ist und vier Jahre später vom Dienst suspendiert wird, weil er Hitler die Gefolgschaft versagt hatte.

Enzensbergers Faible für Dichter und Denker vergangener Epochen hat auch einen handfesten biografischen Hintergrund, denn schon 1955 promovierte er mit einer Arbeit über die Poetik Clemens Brentanos. Doch die künstlerischen Anfänge des literarischen Multi-Talents waren von ganz anderem Kaliber.

1957 stieß der erste Gedichtband ›Verteidigung der Wölfe‹ auf ein beachtliches Echo, und Enzensberger gehörte fortan (als eines der jüngsten Mitglieder) zur renommierten »Gruppe 47«. Deren Gründungsmitglied Alfred Andersch attestierte dem Lyrikband ›Landessprache‹(1960), dass es sich dabei um »große politische Gedichte« handelt.

Enzensberger, der im Alter von 34 Jahren bereits mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, präsentierte sich in seinen frühen Gedichten als vehementer Gegner der Wiederaufrüstung und fand vor allem im linken politischen Lager ein nachhaltiges Echo.

1965 gründete er die politisch-literarische Zeitschrift ›Kursbuch‹, die für undogmatische Linke eine neue »publizistische Heimat« bieten sollte. Auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung schrieb Enzensberger: »Die ganze Veranstaltung schmückt sich mit dem Namen Kulturrevolution, aber sie sieht einem Jahrmarkt verdammt ähnlich.«

Mit dem Image des »enfant terrible« konnte der skeptische Querdenker Hans Magnus Enzensberger all die Jahre gut leben. Seine Töne sind mit der Zeit versöhnlicher geworden, seine Bissigkeit ist einer altersweisen, leichten Melancholie gewichen. Bezeichnend dafür ist der letzte Satz in seinem Lyrikband ›Rebus‹
(2009): »Verzeiht mir, dass ich Glück gehabt habe.«

Hans Magnus Enzensbergers öffentliche Wirkung im Kulturbetrieb (als Lyriker, Romancier, Dramatiker, Klassikerinterpret, Hörspielautor, Kritiker, Herausgeber, Verleger und polemischer, dabei höchst streitbarer Essayist) ist noch immer weitaus größer als es die künstlerische Summe all seiner Werke vermuten lässt.

| PETER MOHR
| Foto: Felix König (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hans_Magnus_Enzensberger_Tübingen_November_2013.JPG), „Hans Magnus Enzensberger Tübingen November 2013“, https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/legalcode

Titelangaben
Hans Magnus Enzensberger: Eine Experten-Revue in 89 Nummern
Berlin: Suhrkamp Verlag 2019
335 Seiten, 24 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Hans Magnus Enzensberger: Fallobst. Nur ein Notizbuch
Berlin: Suhrkamp Verlag 2019
367 Seiten, 30 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Große Mauer

Nächster Artikel

Heimweh

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

1989 – ein Jahr in Bildern

Menschen | Chris Niedenthal 1989: The year of hope Chris Niedenthal war der erste und lange Zeit einzige akkreditierte Fotojournalist, der in der ehemaligen Sowjetunion für westliche Medien arbeitete. Niemand sonst erlebte die letzten Monate vor dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Fall der Mauer so nah wie er. Nun hat der britisch-polnische Fotograf einen Bildband veröffentlicht, in dem er die wichtigsten Fotos aus dem Wendejahr zusammenfasst. Von FLORIAN STURM

Aus der Geschichte lernen

Menschen | Zum 90. Geburtstag des Schriftstellers Pavel Kohout »Die Welt, in der ich momentan lebe, ist für mich kein Schock, weil ich die meiste Zeit meines Lebens in einer viel schlimmeren gelebt habe«, hat der Schriftsteller Pavel Kohout vor sieben Jahren in einem Interview erklärt und damit keineswegs übertrieben. Von dem Kommunisten wurde er als Anhänger des »Prager Frühlings« und Unterzeichner der Charta politisch verfolgt und zur Ausbürgerung aus seiner tschechischen Heimat nach Österreich genötigt. Ein Porträt von PETER MOHR

Heimat in der Kunst

Menschen | Zum 90. Geburtstag von Günter Kunert Der bedeutende Lyriker Günter Kunert ist eher selten als Erzähler in Erscheinung getreten. Umso größer war die Überraschung, als ein (längst vergessenes) Romanmanuskript aus den 1970er Jahren auftauchte und nun – unbearbeitet – veröffentlicht wurde. Von PETER MOHR

Schreiben mit dem Weitwinkel

Menschen | Zum Tod der Georg-Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer ›Eigentlich ist man als Schriftsteller immer froh, wenn sich Wahrnehmungen verändern. Man darf sich bloß nicht in einen blöden Sog bringen lassen‹, hatte Brigitte Kronauer im letzten Jahr in einem FAZ-Interview auf die Frage nach möglichen Problemen mit dem Älterwerden erklärt. Von PETER MOHR

Hollywood und Bürgerschreck

Menschen | Zum 80. Geburtstag der Oscar-Preisträgerin Jane Fonda am 21. Dezember Jane Fonda passt in keine Schublade. Sie wollte stets nicht »nur« die Hollywood-Diva sein und eckte oft mit dem Schicki-Micki-Establishment an. Ein Porträt von PETER MOHR