Fette Hits von coolen Broten

Bühne | Konzert | Fettes Brot (Columbiahalle Berlin)

Auch nach dreißig Jahren sind »die Jungs« von »Fettes Brot« kein bisschen out. Sie bringen die Hallen bei ihrer Tour mit Leichtigkeit zum Kochen; ihre Fans hüpfen, schreien und grölen jeden Song mit. Eine außergewöhnlich aktive Liveshow lädt die Menschen zum Mitmachen ein. Sieht so aus, als hätten die Brote über die Jahre alles richtig gemacht.
ANNA NOAH ist fasziniert von der Bühnenpräsenz dieser drei Musiker.

Seit 1992 am Start

Fettes Brot Wie bereits im CD-Bemusterungs-Artikel erwähnt, sind die drei Musiker aus Pinneberg, Halstenbek und Schenefeld seit 1992 auf dem Musikmarkt präsent. »Die Jungs«, Doktor Renz, König Boris und Björn Beton, sind inzwischen Männer in den Vierzigern, die Blousons über dem Bäuchlein tragen. »Ich liebe mich«, trotz Alter und anderen Wehwehchen, rappt König Boris passend im Eröffnungssong. Außerdem geht der Liedtext mit »I don’t give a f*ck!« weiter. Das scheint genau das Motto des Abends zu werden.

Noch älter als die Brote wirkt die auffällige Bühnendekoration: Neonsterne und -blitze, die an die Spielcasinos der 80er Jahre erinnern.

So verbreiten die drei viel Spaß und gute Laune. Treffende Reime kommen nach wie vor im gekonnten Wechselgesang enorm locker daher. In »Robot Girl« zum Beispiel heißt es herzlich: »Verzeih mir mein Gestotter, du haust mich vom Hocker, wunderschöner Roboter«.
Die drei sind ihre eigene Party!

Hit auf Hit

Von Anfang an gehen die Fans bei »Jein« mit, springen bei »Emanuela« und grölen ausgelassen. Nach der ersten Viertelstunde sind einige im Publikum bereits heiser. Getränke werden beim Hüpfen verschüttet, kurz: Die Party ist schnell im Gange.

Während bei den meisten Songs mitgehüpft wird, gibt es auch welche, zu denen das Publikum weniger tanzte, dafür textsicher mitsang. So bei »The Grosser«, einer übersetzten Version des Klassikers  »The Joker« der »Steve Miller Band« vom 2001er Album »Demotape«.

König Boris fordert immer mal wieder La-Ola-Wellen vom Rang in den Innenraum und wieder zurück. Es folgen die bekannten Songs »Erdbeben«, »KussKussKuss« und bei »Bettina« lautet der Text weiter »pack deine Brüste ein, zieh dich bitte wieder an«, jedoch kommt es einem eher so vor, als müssten die Brüste der weiblichen Fans vor Enthusiasmus herausspringen. Gleich darauf lässt »Schwule Mädchen« die Halle in den Grundmauern erschüttern, und auch bei »An Tagen wie diesen« singt das Publikum jedes Wort mit.

Ohne nennenswerte Pausen wird diese Action zwei Stunden durchgezogen. Die Band wirkt eben immer noch wie die Typen von nebenan, die in den 90ern mal so nebenbei die Hamburger Rapschule mit aus der Taufe gehoben haben.

Alle lieben die Brote! Jahrzehnte später. Aber warum? Vielleicht weil das Publikum mit »Fettes Brot« erwachsen geworden ist.

Die Brote in Bestform

Ab der ersten Minute zeigten die Hamburger, dass sie sich in Bestform befanden. Nicht nur mit allen Lichteffekten und der poppigen Hintergrundleinwand, sondern auch durch eine unglaublich fähige Begleitband, inklusive Saxophon-Spieler. Die Entertainer-Qualitäten der drei Sänger sind vielzitiert, sie kalauerten sich von Song zu Song und boten neben brillanter Live-Musik auch ganz nebenbei beste Unterhaltung.

Bei aller Ausgelassenheit war auch etwas Ernsthaftigkeit vorhanden. In ihrem Song »Du driftest nach rechts« besingen sie in herz-blinkenden Funktionsjacken eine Beziehung, die kaputt geht, weil die Freundin plötzlich von »Geflüchteten als Touristen« spricht. Tobender Applaus. Die Brote wurden noch ernster und sagten, dass sie sich freuen, mit dieser Meinung nicht allein zu sein.

Ganz zum Schluss gab es den Oldie »Nordisch by Nature«, in den viele andere interessante Melodien gemixt waren. Von Billie Eilish Sound bis Frank Sinatra Tonfolgen konnte der Zuhörer einiges entdecken.

Fettes Brot

Als die Band zum dritten und letzten Mal von der Bühne ging, stimmte der Saal lauthals Freude schöner Götterfunken an.

Das schaffen nur sie, die Brote, denen man alles verzeiht.

| ANNA NOAH
FOTOS: Anna Noah

Showangaben
Fettes Brot (add-on-music)
Cast:
Doktor Renz
König Boris
Björn Beton
… und Band.

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Ich habe die Macht

Nächster Artikel

Wir alle sind Fiktion

Weitere Artikel der Kategorie »Live«

Eine kontrastreiche Eröffnung

Musik | Katarakt – Festival für experimentelle Musik, 15.-18. Januar Einen Eindruck vom ersten Tag des Festivals? Der Besuch ist ein Gewinn; man muss auf Kontraste vorbereitet sein. Im Mittelpunkt standen, wie bereits erwähnt, Kompositionen Phill Niblocks, der in der New Yorker Musikszene eine zentrale Figur ist. Gut, solche Formulierung gehört zur üblichen Ankündigungsrhetorik. Von WOLF SENFF PDF erstellen

Slut auf Tour

Auch nach 20 Jahren gehören sie zu Deutschlands besten Gitarrenbands. Mit Alienation haben die Ingolstädter Slut 2013 vielleicht sogar ihr bislang bestes Album veröffentlicht! PDF erstellen

Bigmouth Strikes Again: Morrissey Live In Belfast!

Music | Bittles‘ Magazine: The music column from the end of the world In Belfast we are somewhat starved of concerts by people you would actually pay money to go see. Local ›talent‹ and terrible tribute bands seem to make up the majority of the gig-goer’s choice here. And, when someone does decide to make the short trip over the Irish sea it tends to be people like McBusted or Nicki Minaj who aren’t going to excite anyone over the age of twelve. By JOHN BITTLES PDF erstellen

»Da steh ich nun, ich armer Tor!«

Bühne | Goethes Faust I-Inszenierung Stadttheater Pforzheim ›Faust. Der Tragödie erster Teil‹ wurde bereits vielfach aufgeführt und verschiedentlich sowohl in der Primär-, als auch der Sekundärliteratur innerhalb der Literaturwissenschaft gewürdigt. In Pforzheim kommt er, in Inszenierung und Bühne von Thomas Münstermann, den Kostümen von Alexandra Bentele, Video von Philippe Mainz und unter der Dramaturgie von Peter Oppermann, mit der Figur des Dr. Heinrich Faust in mehreren Variationen daher. Von JENNIFER WARZECHA PDF erstellen

Crap Gigs, And How To Survive Them

Bittles‘ Magazine We have all been there! You’re at a show and the sound is so bad you can’t discern the music from the feedback. Or you are squeezed into a corner so tightly by an unforgiving and unwashed throng of people that you literally feel like you might die from lack of oxygen. Perhaps you enter the venue like an eager beaver and scan the crowd for friendly faces only to realise straight away that you have made a huge mistake. By JOHN BITTLES PDF erstellen