So alt und doch so neu

Bilderbuch | Die Bremer Stadtmusikanten

Ein altes Märchen, 1819 von den Brüdern Grimm erstmals veröffentlicht. Eine alte Fabel, in der Tiere stellvertretend von den »alten und gebrechlichen Knechten und Mägden« erzählen, die vertrieben, fortgeschickt und verjagt werden, zu nichts mehr taugen, nicht mehr für ihre Dienstherren zu gebrauchen sind. Wie Vieles konnte man einst anprangern und kritisieren, ohne es konkret auszusprechen, es waren ja nur Tiergeschichten. Aber wie viel lag zwischen den Zeilen. BARBARA WEGMANN hat in dem Bilderbuch geblättert

Bremer Stadtmusikanten»Etwas Besseres als den Tod findest du überall« …ja, klar, sofort wird die Antwort sein: das ist aus den ›Bremer Stadtmusikanten‹. Eigentlich, wenn man es sich recht überlegt, eine Fabel, die aktueller denn je ist. Der Esel soll wegen seines Alters »fortgeschafft« werden, der Hund aus Altersgründen von seinem Herrn erschlagen, die Katze ersäuft und der Hahn geschlachtet werden. Keine rosigen Aussichten. Und da mögen sie sich noch so fremd sein, plötzlich eint sie der einzige Gedanke, wegzuziehen, »und sie gingen alle vier zusammen fort«.

Wer ist es heute, der aus so verschiedenen Gründen fliehen muss: Menschen aus Ländern, wo Krieg und Not das Leben unmöglich machen, Menschen, die immer mehr arbeiten müssen, um von ihrem Gehalt leben zu können, Kinder, die ohne ihre Eltern fliehen und Kinder, die für einen Hungerlohn Produkte produzieren, die Unternehmen profitgierig verkaufen.

Es gibt viele, die sich heutzutage gerne nach Bremen aufmachen würden, aufbrechen würden in ein neues Leben, ohne Existenz- und Lebensängste. Davon erzählt diese Geschichte, bei der Kinder die vier Tiere ins Herz schließen und bei der die Erwachsenen den Sinn dahinter sehen: den Mut, die Möglichkeit, Lösungen zu finden, Optimismus und Lebensmut nie zu verlieren.

2010 erschien dieses wunderbar bebilderte und illustrierte Kinderbuch von Gabriel Pacheco, ›Los cuatro amigos‹, und man sieht sie förmlich mit großem Mexikanerhut ins adaptierte Bremen reiten, die vier international bekannten Helden der Geschichte. Nein, nein, Bremen bleibt selbstverständlich Bremen und es gab nur einen, der alle trug, der Esel, darauf der Hund, darauf die Katze und oben der Hahn. An diesem Bild wird selbstverständlich nichts geändert.

Pacheco illustrierte Bücher, die in vielen Ländern der Erde erschienen und immer wieder fasziniert sein »einzigartiger Stil: aus romantischen und intensiven Charakteren und surrealistischem Ambiente«. Und es stimmt, so ein wenig erinnert sein Stil an Chagall.

Pachecos Zeichnungen sind warm, es gibt kein hartes Weiß, es gibt viele schmeichelnde Farben, bunt sind die Bilder, klar und nicht überfrachtet, die Bilder stehlen der Geschichte nicht die Show, sie sind so zurückhaltend, dass man als Betrachter schnell in einen Dialog mit den Tieren eintritt. Ansprechend sind sie eben, sie erzählen im wahrsten Sinne des Wortes. Auch von der Freundschaft, und wenn die Freunde auch noch so unterschiedlich sind. Freunde halten zusammen, stehen füreinander ein und können dann auch die Geister im Wald besiegen.

Bremer Stadtmusikanten
Abb: Bohem Verlag

Übrigens, Pacheco begann einmal seine Karriere als Illustrator, als seine Schwester ihn bat, ihr eine Geschichte zu illustrieren. Nun, vielleicht dürfen wir als Leser ihn bitten, bald wieder eine so rührende Geschichte mit Bildern zum Leben zu erwecken.

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Jacob & Wilhelm Grimm: Die Bremer Stadtmusikanten
Mit Illustrationen von Gabriel Pacheco
Münster: Bohem Verlag 2020
36 Seiten, 19,95 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Der mühsame Aufstieg auf den Mont Blanc

Nächster Artikel

Die Liebe in den Zeiten der Cholera oder: Wie die Musik auf der Corona-Welle reitet

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Der überwältigende Charme des Alltäglichen

Kinderbuch | Emma Adbåge: Mickan ist ganz zufrieden mit sich In Kinderbüchern muss etwas passieren, heißt es. Am besten Abenteuer und das am laufenden Band. Egal, ob Verbrecherjagd, Gespenster oder Familienprobleme, Hauptsache, es wird rasant. Dabei übersieht man leicht, dass nicht alle Kinder gleich sind. Manche ziehen ihr Vergnügen daraus, das ganz Alltägliche zu betrachten. Dass das einen eigenen, überwältigenden Charme entwickelt, beweist die junge schwedische Autorin Emma Adbåge mit Mickan ist ganz zufrieden mit sich. Von MAGALI HEISSLER

Alte Freunde, ein Wolf, ein Stein und viele Bücher

Live | Jugendbuchmesse Bologna 2026

Auch dieses Jahr findet man auf der Internationalen Kinder- und Jugendbuchmesse in Bologna viele außergewöhnliche Bücher und viele außergewöhnliche Menschen aus Korea, Italien und Frankreich. Es ist jedes Jahr ein Highlight, für das es sich lohnt, auch von weiter weg hinzufahren. Wie jedes Jahr waren auch GEORG PATZER und SUSANNE MARSCHALL dabei und wie jedes Jahr begeistert.

Gespielte Harmlosigkeit

Heinz Janisch und Helga Bansch: Wir sind alle nett – von A bis Z Kindergärten sind Orte, wo man Kinder sicher und gut aufgehoben weiß, wo zuverlässiges Fachpersonal sich um die Kleinen kümmert, wo sie unter Aufsicht spielen, toben und lernen. Oder? ANDREA WANNER staunte über das, was in einer Kindergruppe so abgeht.

Für alle Sinne

Kinderbuch | Jean-Marie Robillard, Marie Desbons: Der Gesandte des Mondlichts Eine Geschichte, das wissen wir, besteht nicht nur aus Worten. Sie sind nur das Mittel, um beim Lesen Bilder hervorzurufen, Gefühle zu wecken, die Fantasie wirken zu lassen. Die besten Geschichten aber tun mehr, sie lassen dazu noch Töne, Düfte, Geschmäcker entstehen, nie gesehene Farben leuchten. Mit ihnen werden alle Sinne wach. So eine Geschichte ist es, die Jean-Marie Robillard erzählt. Marie Desbons hat die Bilder dafür gefunden. Von MAGALI HEISSLER

Zum Mitzählen und Nachzählen

Kinderbuch | Kate Read: Ein Fuchs - 100 Hühner

Manchmal sind es die kleinen Momente des Lebens, die zu einem großartigen und spannenden Buch führen können. So wie hier: ein Fuchs und eine stattliche Anzahl Hühner. das kann nicht gut gehen, oder doch? BARBARA WEGMANN hat sich das näher angeschaut.