/

Die Liebe in den Zeiten der Cholera oder: Wie die Musik auf der Corona-Welle reitet

Musik | Sector5

Tja, das war es wohl vorerst mit großen Live-Konzerten, die Hallen und Stadien müssen vorübergehend unbeschallt bleiben. Dennoch gibt es einige Helden des Alltags, die unermüdlich klimpern und singen. MARC HOINKIS wechselte ein paar Worte mit den tapferen Optimisten.

Nicht die Nerven verlieren

Liebe Leute, die Zeiten sind hart. Das Klopapier ist leer, die Laune zeitweise im Keller und generell ist man dazu angehalten, das schöne Wetter eher von der Couch aus zu beobachten, anstatt es im Park zu genießen. Das hat für viele Menschen unerwünschte Nebenwirkungen, darunter auch zahlreiche Künstler*Innen. Ungefähr alle Veranstaltungen wurden für die nahe Zukunft abgesagt, Bands, die nicht zufällig eine WG sind, können nicht proben, Straßenmusiker verdienen noch weniger als sonst.

Aber kreative Köpfe finden immer einen Weg! In Italien beispielsweise geht neben dem Corona-Virus auch der durchaus angenehmere #flashmobsonoro umher, bei dem Tausende mit allem, was sie zu Hause haben, vom Balkon tröten, trällern, klampfen und singen. Auch in Deutschland gab es schon solche Aufrufe, so dröhnte vor ein paar Tagen Wolle Petrys ›Wir sind das Ruhrgebiet‹ durch den ganzen Ruhrpott. Überall kommunizieren und verbinden sich Menschen über die Musik. Ist das nicht schön? Die Antwort ist ganz klar: aber so was von!

Analoge Nachbarschaftshilfe

Sector 5Auch in Berlin beteiligen sich Bands an diesen kollektiven Erlebnissen, zum Beispiel die junge Pop-Rock Band Sector 5. Die Brüder Mika (lead vocals/guitar) und Sami (drums) spielen schon seit einer ganzen Weile zusammen, Ende letzten Jahres ist dann noch Jules (bass/keys) dazugestoßen. Normalerweise spielen sie im Postbahnhof, Casiopeia oder Lido, aber damit ist ja leider erst einmal Sense. Trotzdem wollen sie ihre treuen Fans und die Nachbarschaft nicht hängen lassen und spielen nun jeden Freitag um 17 Uhr ein kleines Konzert auf ihrem Balkon in der Warschauer Straße 60 (Friedrichshain), allerdings nicht wie gewohnt mit heiß glühenden Amps, sondern wohlig warm und ruhig mit akustischer Gitarre.

Sector 5 wollen dazu beitragen, die kulturelle Identität Berlins zu bewahren, so wie es im Moment viele andere Kunstschaffende auch tun. Mit ihrer Musik führen sie in Zeiten wie diesen ihre Nachbarschaft zusammen und zeigen, dass auch trotz Krise die gute Stimmung genau so gut wie das Wetter sein kann.

Digitale Nachbarschaftshilfe

Ein anderer Kollege, der auf diesem Zug mitfährt, ist der vor Einfallsreichtum triefende Instrumenten-Jongleur Jim Kofi. Seine geistreichen Songs erzählen auf allen Ebenen von seiner Reiselust. Er selbst beschreibt sie als eine Mischung aus Funk und Reggae mit solidem Popfundament und südamerikanischen Einflüssen, ab und zu dringen auch afrikanische Wurzeln an die Oberfläche.

Wenn er nicht gerade mit seiner Combo Sloe Gin unterwegs ist, werkelt er an seinen Songs herum, alles hand- und selbstgemacht! Live tritt der Singer/Songwriter in der Regel nur mit seiner Klampfe auf. Damit die Welt aktuell nicht auf ihn verzichten muss, spielt er nun regelmäßig Konzerte, denen man auf Instagram gemütlich lauschen kann. Und hoffentlich sind diese bald nicht mehr nur ein Geheimtipp!

In einem kurzen Plausch (natürlich mit genügend Sicherheitsabstand) erzählt er etwas darüber:

TITEL: Moin Jim, alles klar soweit?
J.K.: Kann nicht klagen.

Wunderbar. Wann finden deine Insta-Konzerte eigentlich in Zukunft statt?
Samstags um 18.30 Uhr finde ich ganz chillig.

Das sehe ich auch so. Warum findest du es denn wichtig, dass Künstler*Innen solche Konzerte veranstalten?
Jim KofiDie ARD hatte ja alle Musiker*Innen aufgerufen, die ›Ode an die Freude‹ aus dem Fenster oder vom Balkon zu spielen und da dachte ich mir schon, dass das eine wirklich geile und verbindende Sache ist, die alle von Zuhause aus machen können. Ähnlich ist es bei Instagram. Da bekommt man überhaupt auch eine ganz andere Art von Feedback, das ist viel interaktiver. Und auch für das andere Ende der Leitung ist es eine schöne Sache, weil man ja auch sieht, wer da gerade zuhört, zum Beispiel Freunde oder die Familie. Man kann also trotzdem irgendwie zusammen sein. Somit schaffen die Musiker*Innen eine Verbundenheit, die dem aktuellen ›Social Distancing‹ gerecht wird.

Wahre Worte. Hat die aktuelle Lage irgendeinen Einfluss auf deine Musik?
Ja, total. Seitdem ich mich zu Hause eingebunkert habe, habe ich sehr viel geschrieben, ein paar Songs fertiggestellt und meine Setlisten arrangiert. Sowieso nutze ich die Zeit jetzt oft, um über alles Mögliche zu reflektieren. Interessant sind auch die Dynamiken in der Gesellschaft, über die man zurzeit einiges mit bekommt. Viele Leute zeigen jetzt ihr wahres Gesicht: Manche Arschlöcher klauen Klopapier und Desinfektionsmittel aus der KiTa, andere Menschen helfen ihren älteren Nachbarn beim Einkaufen. Ich hoffe einfach, dass irgendetwas Gutes bei den Menschen hängen bleibt, wenn das alles vorbei ist.

Ich bin da guter Dinge! Hast du irgendwelche Tipps, die du anderen Musiker*Innen für diese Zeit mit auf den Weg geben kannst?
Einfach alles mitnehmen, was geht. Da ja jetzt viele diesen Weg gehen, kann man noch mehr Live-Musik überall bekommen, ohne Konzertkarten kaufen zu müssen. Außerdem: Rausgehen und mit genügend Sicherheitsabstand spielen, die Leute freuen sich ultra darüber! Immer wenn ich am Rhein sitze und spiele, haben die Leute total positiv reagiert.

Das kann ich bestätigen. Irgendwelche Worte, die du noch in die Welt schicken willst?
Backen steifhalten und Ruhe bewahren!

In diesem Sinne… Ciao!

| MARC HOINKIS

Titelangaben
Sector 5
| Instagram-Seite der Band
| Spotify-Seite der Band

Jim Kofi
| Youtubekanal des Künstlers
| Instagram-Seitedes Künstlers

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

So alt und doch so neu

Nächster Artikel

Folkdays… Kernochan’s Garden of Eden

Weitere Artikel der Kategorie »Live«

Das schwimmende Literaturhaus

Live | 20. »Litera-Tour« 2007

Am 15. September 2007 startete die 20. »Litera-Tour« in Konstanz zur grenzüberschreitenden Lesung auf dem Bodensee. An Bord dieser Jubiläumsveranstaltung waren die Autoren Martin Walser, Evelyn Schlag, Peter Bichsel und Reinhard Schmid. Von INGEBORG JAISER

Alle Wege führen in den Kaukasus

Bühne | Kasimir und Kaukasus im Schlosspark Theater Berlin Wenn der Mann einen Goldfisch statt des gewünschten Yorkshire-Terriers als Geschenk mitbringt, darf die Dame des Hauses schon mal verstimmt sein. Zumal die Ehe schon nicht mehr besonders gut läuft. Aber als sie dann einen alten Verflossenen anruft, um ihren Gatten zu ärgern, entwickeln sich die Dinge ganz anders, als sie denkt … ANNA NOAH amüsiert sich über menschliche Schwächen, Verwicklungen und überraschende Umstände. PDF erstellen

Koketterie und Emanzipation

Bühne | Wiener Blut von Johann Strauß »Du süßes Täuberlein, komm‘ zum Stell-Dich-Ein. Ich bitt‘ Dich, mein, sag‘ nicht nein«, singt Balduin Graf Zedlau (insgesamt überzeugend: Dirk Konnerth) und tanzt galant über den Bühnenboden, bevor er sich mit dem Kammerdiener Josef (charmant, ausdrucksstark und gesanglich on top: Philipp Werner) zusammen tuschelt über die Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts amüsiert. Von JENNIFER WARZECHA PDF erstellen

In fünf Tagen um die Welt

Live | Messe: Bazaar Berlin Wer schon immer mal mit wenig Aufwand eine Reise um die Welt machen wollte, ist jedes Jahr Anfang November in den Berliner Messehallen am Funkturm genau richtig. Rund 500 Händler aus aller Welt präsentierten ihre breite Palette an Waren auf dem ›Bazaar Berlin‹. ANNA NOAH lässt sich inspirieren. PDF erstellen

Eine kontrastreiche Eröffnung

Musik | Katarakt – Festival für experimentelle Musik, 15.-18. Januar Einen Eindruck vom ersten Tag des Festivals? Der Besuch ist ein Gewinn; man muss auf Kontraste vorbereitet sein. Im Mittelpunkt standen, wie bereits erwähnt, Kompositionen Phill Niblocks, der in der New Yorker Musikszene eine zentrale Figur ist. Gut, solche Formulierung gehört zur üblichen Ankündigungsrhetorik. Von WOLF SENFF PDF erstellen