Der mühsame Aufstieg auf den Mont Blanc

Bilderbuch | Pierre Zenzius: Gipfelstürmer

Warum steigen Menschen auf Berge? Ein altes Bonmot sagt: Weil sie da sind. So ging es auch dem Naturforscher Horace Bénédict de Saussure, der die Alpen erforschte und es mit 18 Bergführern und einem Hund auf den Mont Blanc schaffte. Wie Pierre Zenzius davon in seinen Bildern erzählt, hat auch GEORG PATZER verzaubert

Gipfelstuermer Als sie losgehen, sind sie 18 Männer und ein Hund. Mit langen Wanderstöcken, Karten, einer riesengroßen Flasche Wein (der Anführer, ein Mann in einem roten Mantel, war Franzose), einem Vogel in einem Käfig, einem Regenschirm, mehreren Leitern und vielen, vielen anderen Sachen. Im Gänsemarsch gehen sie hintereinander durch die Ebene, an Steinen vorbei, kommen zu den Bergen und schleppen immer noch alle Sachen mit sich. Stapfen durch einen Wald mit hohen, hohen Bäumen. Balancieren auf einem Baumstamm über einen breiten Fluss, drei Männer stürzen beinah hinein, einer hält sich kriechend am Baum fest, der mit dem Vogelkäfig muss andere Vögel abwehren, und am Ende der Baumbrücke rennen sie, um endlich wieder festen Grund unter den Füßen zu haben. Man hört sie aufatmen …

»Eine letzte Rast, dann galt es, dem ewigen Eis die Stirn zu bieten«, erzählt einer von ihnen, und man sieht, wie die Männer erschöpft auf einer Wiese vor den ersten Gletschern anhalten. Gegen große Steine gelehnt, schenken sie sich gegenseitig Tee ein oder trinken aus der großen Weinflasche. Zwei Männer machen Gymnastik, einer zeichnet die Landschaft, und der Anführer schaut auf eine Karte – und sein Hund schaut ihm zu.

Dann geht es durch Schnee und Eis. Die Leitern werden gebraucht, um die großen Höhenunterschiede zu überwinden, Höhlen werden inspiziert. Sie helfen sich, aber die Plackerei ist ihnen anzusehen. Nur der Hund ist schon fast auf dem nächsten Hügel, und der Erzähler raunt: »Dumpfes Grollen drang aus den Tiefen des Gletschers zu uns empor.« Und immer höher und höher geht es, mit Leitern und Mühsal, viel Gepäck und Geschleppe.

Erforschung der Alpen

Der Schweizer Naturforscher und Geologe Horace Bénédict de Saussure widmete sein Leben der Erforschung der Alpen. Ein vierbändiges, monumentales Werk, ›Voyages dans les Alpes‹, erzählt von seinen Eindrücken und Beobachtungen – die Alpen waren im 18. Jahrhundert noch fast gänzlich unerforscht, niemand außer ein paar Einheimischen, Gemsenjägern und Kristallsammlern kannte die Berge. Und natürlich wollte de Saussure auch den Mont Blanc besteigen: Dieser Berg ragt wie ein Solitär aus den Alpen heraus. Mehrere Male war er erfolglos, dann führten ihn zwei Männer, Jacques Balmat und Michel Paccard, 1787 auf den Gipfel, nachdem sie ihn ein Jahr zuvor allein bestiegen hatten. In seinem Buch ›Journal de l’ascension du Mont Blanc‹ erzählt er davon.

In seinem wunderbaren und wunderschönen Buch mit dem etwas angeberischen deutschen Titel ›Gipfelstürmer‹ (im Original heißt es hintersinnig-sachlich ›L’ascension de Saussure‹) erzählt Pierre Zenzius diesen mühsamen Aufstieg nach. Es sind betörende Blei- und Buntstiftzeichnungen, mit denen er die Leser in eine fremde, noch zu entdeckende Welt entführt, wir haben das Original vor zwei Jahren auf der Kinder- und Jugendbuchmesse in Bologna schon bewundert, wo es als ›Opera Prima‹ (Erstlingswerk) mit einer ehrenvollen Erwähnung ausgezeichnet wurde. Außergewöhnlich charakterisiert er die Männer, die so klein gezeichnet sind, dass man sie eigentlich nicht auseinanderhalten kann. Aber da ist der Anführer mit seinem roten Mantel, der mit seinem Hund fast immer vorneweg ist oder auf einen Plan schaut oder durch das Fernglas. Da ist der Zeichner, der mal gemütlich sitzt und skizziert, mal ein Blatt verliert und beinah den Berg hinunterfällt, als er es einfangen will. Da sind Männer, die immer wieder (beinah) abstürzen, und der eine mit der roten Weinflasche.

Immer weiter aufwärts

Mit viel Witz erzählt Zenzius die vielen Etappen, vor allem erzählt er sie in den großformatigen Bildern, denn Text gibt es nur sehr, sehr wenig: Da sieht man im hohen Schnee plötzlich nur noch die vier Arme, die eine Leiter hochhalten, die rote, inzwischen halb leere Flasche und den Vogelkäfig mit dem Vogel. Ein Mann zeigt nach rechts, der andere nach links, drei schauen hinter den Felsen hervor, einer zuckt mit den Schultern, während de Saussure und sein Hund schon fast rechts oben aus dem Bild verschwinden. Und dann sind plötzlich die Männer alle weg: »Plötzlich waren wir allein. Um uns herum nichts als Wolken.“ Ein lautes »Halloooo!!!« nützt auch nichts: »Erst hoch über dem Meer aus Watte fanden wir uns alle wieder. Inzwischen brach die Dämmerung herein.«

Aufwärts geht es, immer weiter aufwärts, eine steile Wand hinauf, an der sie sich gegenseitig hochziehen, eine weitere Wand, die Luft wird immer dünner, jeder kämpft sich mit seinem Gepäck nach oben, rutscht ab, dreht Pirouetten, mühsamt sich weiter, immer de Saussure und seinem Hund hinterher. Und dann: »Wir waren am Ziel. Wir standen auf dem Gipfel dieser gigantischen Kuppel aus Schnee und Eis.« (In der Originalausgabe kommt dann noch ein wundervolles Bild auf der Rückseite des Buchs, wo die Männer und der Hund vom Gipfel runtersausen, flitzen, stolpern, fliegen, Skifahren, rennen, und mit ihnen ein paar Steine herunterpoltern. Warum dieses Bild fehlt, ist mir völlig unverständlich. Die Übersetzung ist übrigens auch nicht immer so gelungen.)

Zenzius erzählt aber diese Geschichte nicht einfach nach, er verwandelt sie mit seinem Witz und seinem Esprit in ein Märchen, in ein Epos von fast übermenschlicher Leistung, in eine Geschichte der grandiosen Natur und dem manchmal slapstickhaften Kampf der Männer mit ihr. Und ganz am Ende verwandelt er seine Geschichte noch einmal in eine völlig andere, und das ist die Stelle, wo man nur noch lachen und staunen und sich freuen kann. Und das wird nicht verraten. Kaufen!

| GEORG PATZER

Titelangaben
Pierre Zenzius: Gipfelstürmer
(L’ascension de Saussure, 2018) übersetzt von Ebi Naumann
Stuttgart: Aladin Verlag 2020
40 Seiten. 15 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

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