Ein Stern im Herzen

Kinderbuch | Mem Fox: Wenn ein Stern vom Himmel fällt

Ich kann mich noch gut an eine Schilderung meiner verstorbenen Freundin erinnern: sie sagte mir einmal, sie habe ihr Kind schon lange vor der Geburt am Himmel gesehen. Außer einer spirituellen Veranlagung war sie ein sehr realistischer und kluger Mensch, vielleicht habe ich gerade deshalb diese Sichtweise nie vergessen, schließlich: Wer weiß schon, woher wir kommen und wohin wir gehen. Dieses Bilderbuch liegt auf eine verzaubernde Weise auch irgendwie zwischen den Welten, zwischen Leben und Tod, zwischen Himmel und Erde. Von BARBARA WEGMANN

Wenn ein Stern vom Himmel fällt»Eines Abends – wobei das eigentlich ständig passiert – fiel ein winziger Stern vom Himmel … und wurde zu einem Baby.«

Auf einem alten Sessel liegt das Neugeborene, irgendwo in einem nicht so schönen Wohnbezirk, es scheint Sperrmüll angesagt zu sein, die Häuser stehen dicht an dicht. Es ist Abend. Ein Mann und eine Frau finden das Baby, schließen es sofort in ihr Herz. »Sie nahmen es vorsichtig mit nach Hause und wickelten es in eine warme Decke mit unzähligen Sternen drauf.« Der Beginn einer großen und tiefen Zuneigung.

Das Kind wird groß und größer, wird von seiner Familie, dem Hund und der Katze sehr geliebt. Immer mehr Menschen gehören zu seinem Lebenskreis, Freunde, Schulkameraden, die immer größer werdende Familie. Geborgenheit. Der Stern »wurde alt und älter und noch älter. Und dann sogar noch ein bisschen älter. Je länger er lebte, desto mehr wurde der Stern geliebt.«

Mit nur ganz wenigen Worten kommt diese Geschichte aus und oft, ohne dass es hier mit vielen Worten beschrieben wird, sagt man, ach ja, das ist ja wie bei uns, in unserer Familie, auf dem Spielplatz, die Verwandten, die kommen, die Schule, das gemeinsame Essen am Tisch. Wer weiß, vielleicht ist man sich all dessen ja oft nicht genug bewusst, weiß Miteinander, das Leben an sich oft nicht genug zu schätzen vor lauter Alltag und Routine.

Es ist vor allem die australische Illustratorin Freya Blackwood, die hier die Fäden der Geschichte bestimmt. Alle Seiten sind voller Farbe und Atmosphäre. Weiche Farben, sanfte Striche, die freundliche Menschen zaubern. Freya Blackwood wurde schon mehrfach ausgezeichnet und hat sogar an der ›Herr der Ringe‹-Trilogie mitgearbeitet.

Ein Stern, dieses Motiv kommt in Poesie, Liedern und unserer Alltagssprache nicht selten vor, wir alle kennen die Weihnachtsgeschichte und den Stern von Bethlehem. Ein verliebter Mensch will uns gar die Sterne vom Himmel holen, man kann einem Stern sogar einen Namen geben, gegen Gebühr versteht sich. Kinder werden seit ewigen Zeiten abends gefragt: »Weißt Du, wie viel Sternlein stehen?« Und, viel romantischer noch: im Grimmschen Märchen von Sterntaler fallen dem kleinen Mädchen in sein Hemdchen gleich so viele Sterne als Goldstücke vom Himmel. Sterne, das ist die ganz weit entfernte Projektionsfläche für Träume, Liebe und Hoffnung.

Der kleine Stern, der in dieser Geschichte vom Himmel fiel, wird mit dem Alter, nach erfülltem Leben, immer kleiner und kleiner und irgendwann liegt im Sessel nur noch die Decke mit den vielen Sternen drauf. Wo ist der Stern geblieben? Vielleicht entdeckt ihr ihn, wenn ihr abends einmal aus dem Fenster gen Himmel schaut.

Geburt, Leben und Tod, diesen Bogen schlägt die einfache und eigentlich so kurze Geschichte, die von Liebe und Trauer erzählt. Aber da ist auch ganz viel Trost – Trost und Mut für ein weiteres Leben, das alles schwingt in der Geschichte mit. Nichts geht verloren, man muss es nur mit den richtigen Augen sehen und daran glauben. Und von daher bleibt die Geschichte schnell im Herzen.

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Mem Fox: Wenn ein Stern vom Himmel fällt
(The Tiny Star, 2021)
Übersetzt von Tatjana Kröll
München: Knesebeck Verlag 2021
32 Seiten, 14 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren
Mit Illustrationen von Freya Blackwood
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