Den ökologischen Fußabdruck mitdenken

Sachbuch | Zug statt Flug

In Zeiten von Corona könnte das ein neuer Trend werden: ›Zug statt Flug‹, klingt verlockend, und dem Klima tut’s allemal gut. So werden aus 312 Seiten 52 Angebote, über die man tatsächlich einmal nachdenken sollte. Wann sind Sie das letzte Mal mit dem Zug gefahren? BARBARA WEGMANN nimmt sie mit auf die Reise.

Zug statt Flug»Europa mit der Bahn entdecken!« Von Kopenhagen bis Zagreb, Amsterdam bis Mailand, oder natürlich Paris bis Venedig oder Rom, das ist ein Schatz an wunderbaren, gar nicht so weit entfernten Städten, die es sich wahrlich lohnt, zu besuchen. Aber auch das Inland hat attraktive, städtische Ziele zu bieten, und so reihen sich Hamburg, Köln, Heidelberg, München, Berlin oder Freiburg natürlich auch mit ein.

52 Ziele, 52 kleine Konzepte, wie man mit »möglichst kleinem ökologischen Fußabdruck« unterwegs sein kann. Nehmen wir einfach ein Beispiel: Brüssel, belgische Hauptstadt, EU-Sitz und eine »wahre Weltstadt«. Auf sechs Seiten erhält man Eindrücke und Tipps, Adressen und Anlaufstellen, von Hotels, die auf Umweltschutz setzen bis hin zu Geschäften, die regionale Produkte anbieten. Die Hauptattraktionen der Stadt werden kurz porträtiert, natürlich der Grand-Place, das Manneken Pis, die berühmte Rue des Bouchers, »Brüssels legendäre Fressgasse«, der Königspalast und vielleicht, wenn die Füße mitspielen, das Atomium, das zur Weltausstellung 1958 entstand.

Apropos müde Füße: Selbstverständlich gibt es auch den Hinweis auf die Möglichkeiten, sich ohne Auto umweltbewusst durch die Stadt zu bewegen. In Belgien auch mit dem ÖPNV beispielsweise oder gern auch mit einem geliehenen Rad. Nicht zu vergessen das leibliche Wohl: auch hier der Nachhaltigkeitsgedanke. Zwei, drei Restaurants mit Internetadresse und kurzem Steckbrief, ein Anhaltspunkt für die, die einmal klimabewusst reisen wollen.

Eine Karte zeigt grob, wie lange Zugfahrten ab München in die einzelnen europäischen Städte dauern. Sicher, oft etwas länger als mit dem Flugzeug, aber wenn man bedenkt, dass Parkplatzsuche, Einchecken, das Warten auf Gepäck und Transfer bei Flügen seine Zeit hat, man aber bequem mit vielleicht ja auch deutlich weniger Gepäck in den Zug steigt, ohne Reisestress, dann schneidet der Zug gar nicht mehr so schlecht ab. Den Umweltschutzgedanken noch nicht einmal eingerechnet.

So wird das reich bebilderte und reichhaltig mit Tipps versehene Buch zu einem Appetitanreger für nachhaltige Städtereisen, eine überzeugende Idee und Umsetzung, denn wer »A« sagt, und mit der Bahn fährt statt mit dem Flugzeug, der sollte dann auch »B« sagen, und während des Aufenthalts an seinen ökologischen Fußabdruck denken. Das Buch zeigt wunderbare Ansätze zu solch einem Gesamtkonzept. Und wenn man gedanklich erst einmal auf dieser Schiene ist, dann macht plötzlich wieder etwas Riesenspaß, das früher doch eigentlich an der Tagesordnung war: Mit dem Zug fahren, in den Speisewagen gehen, die vorbeifliegende Landschaft genießen, lesen. Die Fahrt mit ihrem fehlenden Stress, der Freude aufs Ziel, das jedenfalls war bereits der Beginn der Erholung.

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Zug statt Flug
52 klimabewusste Kurztrips in Europa
München: Kunth Verlag 2020
ISBN: 9783955049447
312 Seiten, 24,95 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Liebesgeschichte und Tragödie

Nächster Artikel

Porträt eines Zeugen der europäischen Moderne

Weitere Artikel der Kategorie »Sachbuch«

Cogito ergo – äh, dumm?

Gesellschaft | Peter Burke: Die Explosion des Wissens Im polnischen Słubice gleich gegenüber dem deutschen Frankfurt/Oder wurde Ende Oktober ein Wikipedia-Denkmal enthüllt. Auf seinem Sockel, einem Bücherberg, wird »das größte durch Menschen gemeinsam geschaffene Projekt« geehrt, in der Überzeugung, »dass die Wissensgesellschaft, deren Säule auch Wikipedia ist, im Stande sein wird, eine nachhaltige Entwicklung unserer Zivilisation, soziale Gerechtigkeit und den Völkerfrieden zu garantieren.« So optimistisch sind längst nicht alle, manche befürchten eher, dass nunmehr selbst unsere Hirnnahrung einer McDonaldisierung anheimgefallen sei. Auch der britische Kunst- und Medienhistoriker Peter Burke untersucht in ›Die Explosion des Wissens. Von der Encyclopédie bis Wikipedia‹

Dumm, wie dumm

Kulturbuch | Emil Kowalski: Dummheit. Eine Erfolgsgeschichte Die Zeiten sind verwirrend, keine Frage. Man hat sich daran gewöhnt, sich auch mental nicht regulieren zu lassen, Verbote sind uncool, kognitiv ist man voll auf Neoliberal gestylt worden. Hm. Passt es dazu, wenn wir – ironiefrei, wohlgemerkt – von einer Erfolgsgeschichte der Dummheit reden? Das überlegt WOLF SENFF

Schule für eine neue Zeit

Kulturbuch | Alma, Jamila, Lara-Luna: Wie wir Schule machen. Lernen, wie es uns gefällt ›Das Schulsystem muss reformiert werden‹, ist ein oft gehörter Ausspruch, bei dem alle nicken und für dessen Umsetzung überraschenderweise auch viel getan wird. 2008 startete ein Pilotprojekt des Berliner Senats zur sogenannten Gemeinschaftsschule, ein neues System des gemeinsamen Lernens bei individueller Förderung, mit Lerninhalten, die neben der kognitiven auch z.B. die Schulung von emotionaler Intelligenz umfassen. Das alles, um Kinder von heute auf die Herausforderungen vorzubereiten, die das 21. Jahrhundert ihnen stellt. Drei Schülerinnen – Alma de Zárate, Jamila Tressel, Lara-Luna Ehrenschneider – erzählen in Zusammenarbeit

»Who is who« der vergessenen Dinge

Kulturbuch | Thomas Blubacher: Wie es einst war Der Insel Verlag hat wieder ein Händchen für schöne Dinge bewiesen. Im gewohnt liebevollem Outfit der Insel-Reihe widmet sich Thomas Blubacher in ›Wie es einst war. Schönes und Nützliches aus Großmutters Zeiten‹ den Dingen, die wir nicht mehr benennen können, weil sie für unsere Zeit obsolet geworden sind. So fungiert das Buch auch als Maß zur Feststellung des eigenen Alters. Welche Begriffe sind einem noch geläufig und wie alt ist man dann wirklich? VIOLA STOCKER unterzog sich einem Test.

Explosiv und radikal

Menschen | Shulamith Firestone – Eine radikale Feministin (Mittelweg 36) Als im Spätsommer 2012 die Nachricht vom Tod Shulamith Firestones bekannt wurde, fand sie hierzulande wenig Widerhall. Revolutionärinnen kommen im kollektiven Gedächtnis kaum vor. Wenn sie Frauenrechte auf ihre Fahne geschrieben haben, ist die Chance dazu noch geringer. Ein schmaler Sammelband des Hamburger Instituts für Sozialforschung stellt sich dem Vergessen entgegen und präsentiert Firestone und ihr Werk, explosiv, radikal. Und gelungen, findet MAGALI HEISSLER.