/

»Some Time in New York City«

Menschen | Zum 40. Todestag von John Lennon

Es gibt eine Flut von Büchern über sein Leben und die Musik der Beatles. Doch wie steht es um John Lennons exzeptionelles musikalisches Werk als Solokünstler, das er von 1969 bis kurz vor seinem Tode schuf? »Er war ein einfacher, komplizierter Mensch«, sagte seine Witwe Yoko Ono einmal über ihren Gemahl. Ohne ihn hätte es die Beatles nicht gegeben, ohne ihn hätte »ihnen die Eindringlichkeit, das Gewissen und die Originalität gefehlt«, schreibt sein Biograph Ray Coleman, der achtzehn Jahre lang mit ihm bekannt war und davon überzeugt ist, dass »niemand vollständig in ihn hineinblicken« konnte. Über ein halbes Jahrhundert ist seit der Trennung der Beatles vergangen, vierzig Jahre seit seinem Tod. Zwei neue Bücher beschäftigen sich mit Leben und Werk des legendären Musikers aus unterschiedlichen Perspektiven. Von DIETER KALTWASSER

Lennon - Genie RebellMit ein paar Kumpels aus der Schule, seine Mutter hatte ihm zuvor einige Griffe auf dem Banjo beigebracht, gründete der am 9. Oktober 1940 in Liverpool geborene John Winston Lennon 1956 die Band »The Quarry Men«, die sich wenige Jahre später den Namen ›The Silver Beatles‹ gab. Der Rest ist Musikgeschichte, heißt es in der neuen Lennon-Biographie ›Genie und Rebell‹ von Lesley-Ann Jones, die in der englischen Originalausgabe den Titel ›Who Killed John Lennon? The Lives, Loves and Deaths of the Greatest Rock Star‹ trägt. Er gründete mit den Beatles die erfolgreichste Band der Musikgeschichte; er schuf als Solokünstler mit ›Give Peace A Chance‹, ›Imagine‹ oder ›Woman‹ Songs, die jeder kennt, und er wurde zu einem der Gesichter der Friedensbewegung. Der Mann, der am späten Abend des 8. Dezember 1980 vor dem Dakota Building in New York von einem heillos verwirrten Fan mit fünf Pistolenschüssen ermordet wurde – der Attentäter trug Salingers ›Der Fänger im Roggen‹ bei sich – war schon zu Lebzeiten eine Legende. Sein Mörder David Chapman hatte ihn am Nachmittag desselben Tages noch darum gebeten, sein neues Album ›Double Fantasy‹ zu signieren.

Wer heute jünger ist als vierzig, war noch nicht geboren, als Lennon starb. Zeitgenossen, die ihn und die Beatles noch erlebt haben, kommt es zuweilen so vor, als sei er noch immer da. So geht es auch seiner Biographin Lesley-Ann Jones, die in den 80er Jahren Rock-Korrespondentin bei der britischen Tageszeitung ›Daily Mail‹ war. Sie habe nicht vorgehabt, eine konventionelle Biographie über den Rockstar zu verfassen, sie begebe sich eher auf ein paar Streifzüge durch sein Leben. Es sei ein Kaleidoskop, Sinnieren, Reflektieren: Wer war er übehaupt? Formulierungen aus Lennons Song ›Across The Universe‹ aufnehmend schreibt sie: »Tumbling blindly through broken light, begebe ich mich auf die Suche nach ihm.«

Sie schildert den Weg Lennons vom Liverpooler Clubmusiker zum internationalen Rockstar und legt einen Schwerpunkt ihrer Biographie auf die Frauen, die ihn umgaben und prägten, vor allem seine erste Ehefrau Cynthia Lennon, Yoko Ono und die Gefährtin und Geliebte seines lange währenden »Lost Weekend« May Pang. Dabei beschreibt sie Lennon als einen nachdenklichen und sensiblen Künstler, der sich durch seine Talente und seinen Ruhm auch gefangen fühlte und dunkle, depressive Seiten hatte. Lennons »persönliche Dämonen« seien jedoch für seine kreativen Leistungen wichtig gewesen, und sie spielten auch eine Rolle in seiner Ehe mit der Fluxus-Künstlerin Yoko Ono.

Am 20. März 1969 heirateten John und Yoko auf Gibraltar. Ihre Flitterwochen zelebrierten sie mit einem medialen Ereignis, einer »Bed-in«-Perfomance »für die Liebe und den Frieden«, eine Anleihe an die gewaltfreien »Teach-in«- oder »Sit-in«-Proteste der studentischen Friedensbewegung, die sich Ende der 60er Jahre in den USA und anderen Ländern der westlichen Welt gegen den Vietnamkrieg bildete. In dieser Zeit entstand ein Song, der zur weltweiten Friedenshymne werden sollte: ›Give Peace A Chance‹. Im Jahr 1973 ziehen John und Yoko in das exklusive Dakota auf der Upper West Side in New York.

Er konnte sein Leben mit der Frau weiterführen, die ihm das Gefühl gab, lebendig zu sein, schreibt Jones; sie wehrt sich zudem gegen die Legende, Lennon habe für Yoko Ono und den gemeinsamen Sohn die Musik aufgegeben. Stattdessen habe er 1980, so lesen wir in ihrer Biographie, nur Monate vor seiner Ermordung eine Comeback-Tournee geplant. Die Autorin sprach mit zahlreichen Freunden und Weggefährten, darunter Paul McCartney, Ringo Starr, Klaus Voormann, Yoko Ono und May Pang, und liefert so eine vielschichtige Charakterstudie mit neuen Perspektiven auf Lennons Leben, Lieben und Sterben. Lesley-Ann Jones hat eine überaus prägnante und lesenswerte Biographie des Rockstars geschrieben.

Lennon - Seine SongsDas großformatige und mit zahlreichen Fotos ausgestattete und aus dem Englischen von Michael Auwers übersetzte Buch ›John Lennon. Seine Songs komplett von 1969-1980‹ von Paul du Noyer ist eine Neuauflage aus dem Jahre 1997. Das Coverfoto stammt von Andy Warhol und wurde 1986 als Coverillustration des John Lennon-Kompilationsalbums ›Menlove Ave.‹ verwendet. Sein Autor konzentriert sich in seinem brillanten Band ganz auf Lennons Solo-Oeuvre und die Geschichten hinter seinen Liedern. In seinem Vorwort betont der englische Musikjournalist, dass das außerordentliche Werk aus dem letzten Jahrzehnt des Künstlers oft vernachlässigt werde; eine Lücke, die er mit dem vorliegenden Buch schließen kann. Dabei konnte er auf zahlreiche Interviews zurückgreifen, die er mit Menschen geführt hatte, die John Lennon noch persönlich kannten.

Im Dezember 1970 erschien das erste Soloalbum ›John Lennon / Plastic Ono Band‹, eine schöpferische Selbsterkundungsreise mit Ringo Starr und dem frühen Beatles-Freund Klaus Voormann. In der Musik keiner anderen Lebensphase sei die Selbstoffenbarung so elementar und nachhaltig wie auf diesem Album, das er nach der Trennung der Beatles aufnahm, heißt es bei Noyer.

Es ist ein düsteres, aber ehrliches Album, für Noyer »ein Zyklus von Klageliedern mit Bildern der Zerstörung aus einer obsessiven Welt des seelischen Leids«. Viele seiner Fans, auch der Autor dieser Zeilen, halten es für das beste Album Lennons. Das zweite Album ›Imagine‹ erschien ein Jahr danach und wurde mit alten Gefährten, darunter George Harrison, aufgenommen. Auch der von Yoko Ono inspirierte Titelsong ist eine Friedenshymne, ein Liebeslied an die Menschlichkeit, entstanden während des Vietnamkrieges; es hat bis auf den heutigen Tag Millionen von Fans. Nach dem Erscheinen des Albums ›Imagine‹ »verzauberte das Titelstück die Welt mit seinem idealistischen Ruf nach universellem Altruismus«, so Paul du Noyer.

1972 erscheint ›Some Time in New York City‹, ein Gemeinschaftsalbum von John und Yoko, das sich mit aktuellen Fragen auseinandersetzt (Feminismus, Rassismus, Nordirland). Auf dem Album findet sich auch ein Protestlied Lennons, das er für die Freilassung der inhaftierten Angela Davis von den Black Panthers geschrieben hatte.

In den Jahren 1973 und 1974 erscheinen die Alben ›Mind Games‹ und ›Walls And Bridges‹ mit dem melancholischen Song ›Nobody Loves You (When You’re Down And Out)‹. Zwei Jahre nach der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes erklären John und Yoko auf einer Pressekonferenz in Japan, Sean erst großzuziehen, bevor sie wieder künstlerisch arbeiteten. Es sollte anders kommen, und unter den Weisheiten, die Lennon in seinem Lied »Beautiful Boy« an seinen Sohn weiterreicht, ist die berühmte Zeile zu finden: »Life is what happens to you while you’re busy making other plans.«

Zu Beginn seines letzten Lebensjahres unternimmt er allein eine Reise nach Kapstadt, wo er in einem Hotel als »Mr. Greenwood« absteigt. In Südafrika hat er, so heißt es, auf dem Tafelberg meditiert. Im Juli macht er eine Schiffsreise nach Bermuda, wo einige Songs seines letzten Albums entstehen: ›Watching The Wheels‹, ›Starting Over‹ und ›Woman‹. Im August geht er das erste Mal seit fünf Jahren wieder ins Aufnahmestudio in New York und am 17. November erscheint ›Double Phantasy‹ in Großbritannien; es ist das fünfte von John und Yoko, das siebte Studioalbum des Musikers. ›Double Phantasy‹ war der Name einer Blume, die John Lennon auf den Bermudas in einem botanischen Garten entdeckt hatte.

Nach dem Tod ihres Mannes in jener Nacht des 8. Dezembers sendet Yoko Ono den Trauernden eine schlichte Botschaft: »John liebte die Menschen und betete für sie. Bitte tut dasselbe für ihn.« Eine Woche nach seiner Ermordung versammeln sich im New Yorker Central Park vierhunderttausend Menschen, ebenso wie Millionen andere auf der ganzen Welt, um John Lennon schweigend zu gedenken.

| DIETER KALTWASSER

Titelangaben
Lesley-Ann Jones: John Lennon – Genie und Rebell
Aus dem Englischen übersetzt von Conny Lösch
Piper Verlag, München 2020
496 Seiten, 25 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Paul du Noyer: John Lennon
Seine Songs komplett von 1969-1980. Alle Songs. Alle Stories. Alle Lyrics. Die Geschichten hinter seinen Liedern
Aus dem Englischen übersetzt von Michael Auwers
Edition Olms, Oetwil am See 2020
192 Seiten, 29,95 Euro.
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Es weihnachtet!

Nächster Artikel

Genialer Meister oder einsamer Teufel?

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Drei Brüder, zwei Welten

Menschen| Michael Horeni: Die Brüder Boateng Michael Horeni, Sportjournalist der FAZ, blickt in Die Brüder Boateng. Drei deutsche Karrieren hinter die Fassade dreier ungleicher Brüder, von denen es die beiden jüngeren, Kevin-Prince und Jerome, zu Spitzenfußballern geschafft haben, während dem ältesten, George, trotz großen Talents dies verwehrt geblieben ist. Horeni belässt es dabei keineswegs bei einer weiteren Fußballerbiografie. Der Fall der Boatengs steht sinnbildlich für einige der am hitzigsten diskutierten gesellschaftlichen Aspekte unseres Landes: Integration, zerrissene Familien und Bildungsungleichheiten. Von MARC STROTMANN PDF erstellen

A Time For Rebirth: An Interview With Jazzuelle

Music | Bittles’ Magazine: The music column from the end of the world Sometimes it feels like I am alone in thinking that house music should be sexy, sultry, and appeal to the heart and head as much as the feet. Recently I have become bored of clubs where you get accosted by drunken assholes, the dance floor is too jammed to permit the concept of personal space, while the night’s soundtrack is a limited palette of frantic, functional techno beats. Now, maybe it’s because I am getting a little older, but when I go out I want to hear

Kampf für soziale und menschliche Gerechtigkeit

Menschen | Interview mit Maryum Ali

Die Rednerin und Sozialarbeiterin Maryum Ali ist die Tochter der Box-Legende Muhammad Ali. Die 53-jährige schildert ROBERT HAZZAN die Ursachen für Kriminalität von überwiegend afroamerikanischen Jugendlichen in den USA und wie die Geschichte der Rassendiskriminierung damit zusammenhängt.

Keine Leiche, kein Verbrechen

Menschen | Zum 80. Geburtstag von António Lobo Antunes erscheint der Roman ›Die letzte Tür vor der Nacht‹

Seit mehr als zwei Jahrzehnten wird sein Name im Herbst stets hoch gehandelt, wenn das Rätselraten um die Verleihung des Nobelpreises in die heiße Phase geht. Nun ist der 29. Roman des Portugiesen António Lobo Antunes erschienen, der am 1. September 1942 im durch den Fußball bekannten Lissaboner Vorort Benfica als Sohn eines Arztes geboren wurde und selbst viele Jahre als Chefarzt einer psychiatrischen Klinik gearbeitet hatte. Von PETER MOHR

Zwischen Hohlweg und Holzweg

Menschen | Zum Tod des Schriftstellers Günter de Bruyn

»Der Preis hat sich die Erhaltung unserer Sprache zum Ziel gesetzt, das entspricht auch meinen Vorstellungen«, erklärte der Schriftsteller Günter de Bruyn, als ihm 2006 der Jacob-Grimm-Preis verliehen wurde. Ein Porträt über den Schriftsteller von PETER MOHR