/

Auf der Flucht

Roman | Nick Kolakowski: Love & Bullets

Bill und Fiona haben sich vor Kurzem getrennt. Ein guter Grund für den Boss der New Yorker Rockaway-Gang, Fiona mit der Verfolgung ihres Verflossenen zu beauftragen. Der ist ihm nämlich mit ein paar Millionen Dollar durchgebrannt. Aber so ganz sicher ist sich der Mann wohl nicht, dass sein Auftrag prompt erfüllt wird. Denn er schickt dem Flüchtigen und dessen Ex noch einen zweiten Killer hinterher. Was dann beginnt, ist eine irre Jagd von der amerikanischen Ostküste bis in die Karibik und zurück in den Big Apple zum finalen Showdown. Von DIETMAR JACOBSEN

Der überaus smarte Bill und die Gewalt nicht unbedingt ablehnende Fiona waren vor Kurzem noch ein Paar. Als sie sich nach ihrer Trennung zum ersten Mal wiedersehen, hängt er in Ketten und mit dem Kopf nach unten an einem Kran über einer Grube voller ineinander verkeilter Autowracks. Sie steht mit der Pistole in der Hand vor dem obskuren Arrangement. Dann macht sie ihn los, obwohl sie sich auf seine Spur begeben hat mit dem klaren Auftrag, ihn zu töten.

Aber will sie das wirklich? Oder ist da noch etwas übrig von dem alten Gefühl, das sich Liebe nennt und das für Bill nichts ist als »eine Illusion […], die unser Reptilienhirn geschaffen hat, damit wir uns nicht gegenseitig umbringen, ehe wir uns fortpflanzen?« Fiona wenigstens scheint die Sache nicht ganz so abgeklärt zu sehen wie ihr Ex. Und deshalb gibt sie sich und Bill noch einmal eine Chance.

Love is all around

Den als Ich-Erzähler auftretenden Elvis-Verehrer des ersten von drei zwischen 2017 und 2019 erschienenen Romanen Nick Kolakowskis – der Suhrkamp Verlag hat sie, versehen mit zwei kurzen »Zwischenspielen« und einem Epilog im Himmel, der Einfachheit halber zwischen zwei Buchdeckel und unter den generalisierenden Titel Love & Bullets gepackt – wundert es jedenfalls, dass die Frau, der er hinterhergeschickt wurde, sich so ganz anders verhält als erwartet. Dann aber ist auch dieser harte Kerl von dem Pärchen gerührt und wechselt die Seiten. Was ihm freilich wenig nützt, denn die reichlich durch Kolakowskis Roman fliegenden Kugeln machen auch vor dem im strassbesetzten weißen Elvis-Overall seinem blutigen Handwerk Nachgehenden nicht Halt.

In dessen Rolle schlüpfen im zweiten Teil des Buchs die auf schnelles Töten spezialisierten Killer Ken und Barbara. Die stöbern das flüchtende Pärchen in Nicaragua auf, wo Kolakowskis Helden das tun, was sie am besten können: ihrer kriminellen Energie freien Lauf lassen. Als sie dabei an ein ungleiches Brüderpaar geraten, das gerade dabei ist, mit einer Zigarrenmanufaktur das große Geld zu machen, wird es allerdings schnell gefährlicher als gedacht.

Und ehe Bill noch mehr Finger abhanden kommen als der eine, den er in einem Provinznest in Oklahoma lassen musste, geht es wieder Richtung New York, der Stadt, wo »all das schmutzige Alte […] tief unter ultrateurem Neuen vergraben« liegt. Apropos »vergraben«: Nicht zuletzt ist es auch ein Nazigold-Schatz, der die beiden dorthin zurückführt, wo sie sich eigentlich nie mehr blicken lassen wollten. Und ganz nebenbei lernt man im dritten Buchteil auch noch jenen Mann kennen, von dem Fiona gelernt hat, wie man am besten durch die Welt kommt, ihren Vater.

Nazigold und alte Feinde

Kolakowski ist mit seinen drei Bänden über das Gangsterpärchen Bill und Fiona ein wunderbar zu lesender Actionspaß gelungen – wie die Filme von Quentin Tarantino nicht immer jugendfrei, aber voller Tempo und gespickt mit zahlreichen verrückten Ideen. Der 1980 geborene, in New York City lebende Autor hat Geschichte studiert und schreibt für eine Reihe prominenter Periodika Kurzgeschichten, Gedichte und essayistische Bemerkungen zu dem Genre, dem er selbst mit der vorliegenden Trilogie ein kleines Glanzlicht aufgesetzt hat.

Killer, die auf Coldplay stehen, ein unter einer Kunstgalerie vergrabener Goldschatz und ein Tesla, der auch mit einem Toten hinterm Steuer so selbstständig wie korrekt einparkt – nur drei Beispiele für den herrschenden Irrwitz in der Mobster-Welt von Love & Bullets. In der es manchmal so komisch zugeht wie in einer Slapstick-Komödie. Nur da stehen die Menschen nach jedem Fauxpas wieder auf, schütteln sich und machen einfach weiter. Hier hingegen landen sie am Ende in der Hölle, spielen Tischtennis mit Pol Pot und haben, wenn sie sich denn an die geltenden Regeln halten, »eine Ewigkeit voller Spaß« vor sich.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Nick Kolakowski: Love & Bullets
Aus dem Amerikanischen von Stefan Lux
Berlin: Suhrkamp Verlag 2020
427 Seiten, 11 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Ein ziemlich grüner Daumen

Nächster Artikel

Glitzer und Jauche

Weitere Artikel der Kategorie »Krimi«

St.-Pauli-Nights

Krimi | Simone Buchholz: Blaue Nacht Als trinkfeste Staatsanwältin hat Chastity Riley in Simone Buchholz‘ Krimi Revolverherz (2008) einen brutalen Prostituiertenmörder auf dem Hamburger Kiez zur Strecke gebracht. Weil sie dabei nicht ganz regelkonform vorging und nebenbei auch noch ihren Vorgesetzten der Korruption überführte, hat man die unkonventionelle und beileibe nicht bei allen beliebte Halbamerikanerin danach vorsichtshalber zur Opferschutzbeauftragten gemacht. Als solche treffen wir sie nun wieder In Buchholz‘ aktuellem Buch Blaue Nacht. Doch weil zu jedem Opfer auch ein oder mehrere Täter gehören, stecken Chastity und ihre alten Freunde bald wieder bis zum Hals in Schwierigkeiten. Von DIETMAR JACOBSEN

Vier Folgen à neunzig Minuten

Film | Serie | Im TV: Das Verschwinden am 22., 29., 30., 31. (ARD) Der Schluss kommt hammerhart. War das ein Krimi? Schon, gewiss, ja, doch das interessiert weniger. Und nein, eine Schusswaffe taucht nirgendwo auf. Eine vierteilige Serie, jeder Teil hype-mäßig als Doppelfolge angekündigt, also voll das Gewese. Und? Lohnt sich’s? Ja, das würde WOLF SENFF so sagen, doch, unbedingt.

Krass kann hilfreich sein

Film | Im TV: ›TATORT‹ – Das verkaufte Lächeln (BR) 28. Dezember, 20.15 Uhr Kinder sind ein heikles Thema. Enorm vorbelastet, Kinderschänder und so, aber manche Themen werden eben überstrapaziert. Kinder kommen ebenfalls gut im Drehbuch, wenn das ausgewachsene Publikum gerührt werden soll, gab’s alles, hatten wir neulich erst, so mancher Sender barmt um sein Profil zwischen Qualität und Quote. Von WOLF SENFF

Geballte Verhängnisse

Roman | John Hart: Redemption Road. Straße der Vergeltung John Harts neuer Thriller ›Redemption Road‹ hat drei Hauptpersonen. Adrian Wall, den Ex-Polizisten, den man eben, nach 13 Jahren, aus dem Gefängis entlassen hat. Gideon Strange, einen 14-jährigen Jungen, der anstelle seines stets betrunkenen Vaters den gewaltsamen Tod der Mutter rächen will. Und Elizabeth Black, eine Polizistin, die von ihrer Vergangenheit bedrängt wird und in der Gegenwart um ihren tadellosen Ruf zu kämpfen hat. Von DIETMAR JACOBSEN

Auf anspruchsvollem Niveau

Film | TATORT – Eine andere Welt (WDR), 17. November Soll man anfangen mit den Peinlichkeiten Fabers (Jörg Hartmann), die uns befristet aufregen dürfen, bis wir uns am Zügel einer souveränen Regie (Andreas Herzog) hinreichend aufmerksam, erleichtert gar, der Handlung zuwenden? Hm. Ebenso überzeugend ist die Idee, Bildfolgen von Nadine Petzokats (Antonia Lingemann) Mobiltelefon leitmotivisch einzuspielen und damit dem Geschehen ein Gerüst zu verleihen, originell und tragfähig, das die Ereignisse faszinierend ätherisch ausbalanciert. Von WOLF SENFF