Völlig inkorrekter Wunsch

Lyrik | Peter Engel: Drei Gedichte

Völlig inkorrekter Wunsch

Mit einem Hauch deines Atems
und mit deiner warmen Hand,
mit der Ausstrahlung deiner Augen
und einem ganz tiefen Blick,
steck mich an mit dir.

Tritt mir ganz nahe
und komm dicht an mich heran,
lehn dich an mich beim Sprechen
und halte die Hand nicht vor,
damit du mich infizierst.

Nimm deine Maske vom Gesicht,
wie ich mich auch entkleide
von jedem trennenden Stoff,
wende dich mir vollkommen zu,
um dich mit mir anzustecken.

Es ist eine gutartige
Erkrankung, die uns gesund
macht für den anderen,
für gemeinsame Heilung
und ganz von innen heraus

Erziehung des Auges

Mit jedem Blick Übungen
in genauem Hinsehn,
an den Rändern sitzt es meist,
was verschleiert ist, sich verbirgt
und leicht aus der Sicht fällt.

Dort eindringen mit den Augen,
wo die Oberfläche dünn ist
und die Wirklichkeit aufplatzt,
wo das große Loch entsteht
für die Öffnung ins Neue.

Häufig enthüllt sich im Schweifen,
was sich dem direkten Blick
verschließt und in der Spiegelung
sieht man das Urbild deutlicher,
fallen die Scheuklappen ab.

Wenn man die Augen auswischt
mit quellklarem Wasser,
reinigt sich das Beobachten
und das Hinschaun wird schärfer,
dringt fast in die Dinge ein.

Die andere Seite des Bildes

Vorne der schöne Schein,
die genau abgemalte Welt,
hinten fasern Fäden aus,
hängen vom Keilrahmen herab,
angeschmutzt und überflüssig.

Aufkleber auf der feinen Leinwand
enthüllen die Geschichte
des Bildes, zeichnen seine Spur
durch die Museen nach,
sein Name mit Filzstift notiert.

Die Blicke prallen vom Öl ab,
keiner dringt durch nach hinten,
dort herrscht die Gegenkunst,
das Handwerk der Holzverkeilung,
der Nagel des Zimmermanns.

Einmal im Jahr die Bilder umdrehn
und ihre Rückseite zeigen,
ihr rohes Gemachtsein,
ihre Herkunft von Faden und Leim,
auch daß sie angeschmutzt sind.

| PETER ENGEL

Peter Engel, 1940 in Eutin/Holst. geboren, lebt als freier Schriftsteller, Kritiker und Kunstsammler in Hamburg, er veröffentlichte Lyrik, Kurzprosa, Aufsätze und Rezensionen in Zeitschriften und Anthologien sowie mehrere Lyrikbände; die hier wiedergegebenen Gedichte sind noch

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Weisheit oder Wahnsinn – Imaginationen von Wissenschaft

Nächster Artikel

Reise ins Innere

Weitere Artikel der Kategorie »Lyrik«

Konstanten (1)

Lyrik | Vierzeiler der Woche – von Michael Ebmeyer  Wer dreht schon früh am Tage die Dusche ganz weit auf?

Ein langer Abschied

Lyrik | Tom Disch: Endzone. Letzte Gedichte Tom Disch war zeit seines Lebens der Literatur verfallen und unterschied in seinen Vorlieben nicht zwischen Prosa, Lyrik oder Drama. Als Autor von Science-Fiction Romanen bekannt geworden, entwickelte er sich laufend weiter und blieb bis zu seinem Suizid 2008 ein unbequemer Geist, der die eigene Branche kritisch beäugt. Endzone. Letzte Gedichte. Zweisprachige Ausgabe ist nach dem Titel seines lyrischen Blogs, auf dem er bis zu seinem Tod neue Gedichte veröffentlichte, benannt. Nun ist eine Sammlung seiner Lyrik in Buchform zweisprachig erschienen. VIOLA STOCKER ließ sich entführen.

Die Krähe

Lite Ratur | Die Krähe Das Leben, nein, es ist reich, erm, an, ja überhaupt, verstehen Sie. Es regt auch zum Nachdenken an, jederzeit. Sehen Sie bloß mal einer Krähe zu, eine Krähe ist ein höchst elegantes Geschöpf. Nein, ihr Hüpfen ist nicht unbeholfen, kein bisschen, absolut nicht, man kann es zögerlich nennen, einverstanden, doch es ist unverfälschtes Hüpfen.

Satyrspiele oder Die Jagd ins Bockshorn

Lyrik | Marco Tschirpke: Gedichte – Band 1 Marco Tschirpke, der uns als satirischer Musikkabarettist bekannt ist, hat mit seinen Soloprogrammen unter anderem den Deutschen Kabarettpreis 2007 erhalten. Seit kurzem gibt es die ›Gedichte Band 1‹ (2012) im Verlag André Thiele – ein ambitioniertes Projekt. Und nun hat Tschirpke nachgelegt: Seine Gedichte sind als Hörbuch erschienen – ›Schiffe tuten auf dem Meer‹ – und werden von keinem anderen als Harry Rowohlt gelesen. HUBERT HOLZMANN hat in die CD reingehört und nebenbei im Gedichtband geblättert.

Wann, wenn nicht heute?

Lyrik | Vierzeiler der Woche – von Michael Ebmeyer  Durch die Servicewüste schleicht ein einzelner Fuchs