Ein Dorf will den Krieg vergessen

Roman | Jürgen Heimbach: Vorboten

Ein kleiner rheinhessischer Ort kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Wieland Göth, der zweite Sohn des Dorfschullehrers, kehrt nach Hause zurück. Doch der Frieden, in dem man seit Kurzem lebt, ist trügerisch. Und Wieland findet sich im französisch besetzten Rheinland plötzlich an einer neuen, gefährlichen Front wieder: der zwischen denen, die genug haben vom Hass, der Völker gegeneinanderhetzt, und jenen, die im Verborgenen bereits den nächsten großen Krieg vorbereiten. Dabei war es vor allem der Gedanke an Rache, der Jürgen Heimbachs Helden zurück in sein Elternhaus führte. Doch nun muss er sich entscheiden. Von DIETMAR JACOBSEN

Gut sind die Erinnerungen nicht, die Wieland Göth, der zweite Sohn des Dorfschullehrers aus Rombelsheim, an seine Kindheit und Jugend hat. Eine »Welt der Schreie und Prügel« taucht vor seinem inneren Auge auf, wenn er an den seine kleine Familie beständig drangsalierenden Vater denkt. Und doch hat der in Wieland immer den Sohn gesehen, der am ehesten in seine Fußstapfen treten könnte.

Deshalb schickte er ihn aufs Gymnasium, achtete auf seine klassische Bildung, sah gar eine Universitätskarriere für ihn vor. Doch der Junge, der kaum Freunde im Dorf besaß, am liebsten über seinen Büchern hockte und ständigen Demütigungen von Schulkameraden ausgesetzt war, machte dem Vater einen Strich durch die Rechnung. Über Nacht entfloh er den bedrückenden Verhältnissen in seinem Elternhaus und ließ sieben Jahre lang nichts mehr von sich hören.

Odysseus kehrt heim

Doch eines Tages, der Krieg liegt mehr als ein Jahr zurück, ist er wieder da – gesünder als die meisten der von den Schlachtfeldern Zurückgekehrten, misstrauisch von den Dorfbewohnern beäugt. Freunde von einst haben ihr Leben auf den Schlachtfeldern gelassen. Menschen, denen Wieland vertraute, verloren die Orientierung und flohen in den Selbstmord. Nur »der Graf «, wie er allgemein genannt wird, lebt nach wie vor auf seinem Gut und scheint einen Weg in die Zukunft zu kennen. Auf den möchte er Wieland gerne mitnehmen. Doch der ist vorsichtig dem Mann gegenüber, den er mit dem Mord an seiner Jugendfreundin Else in Verbindung bringt und im Verdacht hat, letztendlich auch hinter dem Verschwinden seiner Schwester Josepha zu stecken. Die gilt im Dorf als tot, ermordet von einem russischen Zwangsarbeiter, mit dem sie sich eingelassen haben soll. Aber kann man das wirklich glauben?

Die Atmosphäre, in die der Heimkommende gerät, ist gespannt. Das Rheinland wird von den Siegermächten Frankreich und Belgien verwaltet. Eine demilitarisierte Pufferzone zwischen Frankreich und Rest-Deutschland soll den Frieden in Europa sicherer machen. Was der Versailler Vertrag als »Friedensbesetzung« bezeichnet, birgt andererseits aber auch gewaltige Sprengkraft. Die Besatzer regieren mit harter Hand. Schikanen, Misshandlungen und sexuelle Übergriffe durch französische oder belgische Soldaten werden kaum verfolgt. Umso härter geht man gegen jene vor, die, anders als die Separatisten, die eine endgültige Loslösung der besetzten Gebiete von Deutschland fordern, ihre nationalistische Propaganda darauf ausrichteten, Deutschland zu alter Stärke und Dominanz zurückzuführen.

Der »Graf« formuliert dieses Ziel rechtsradikaler Kräfte unmissverständlich. »Ein starkes Deutschland, das wieder die Stellung in Europa und der Welt erhält, die ihm zusteht, das den Diktatfrieden von Versailles abschüttelt und das die Verräter zur Rechenschaft zieht«, will er schaffen. Und dazu brauchen er und seinesgleichen, zu denen auch der 19-jährige Werner Best gehört, der nach 1933 zu einem der einflussreichsten Männer im faschistischen Staatsapparat werden sollte, willfährige Männer für den »Kampf um die Säle und die Straße«.

»Der Krieg ist nie vorbei.«

Doch Wieland Göth ist nicht nach Hause gekommen, um sich denen anzuschließen, die, kaum ist der erste große Krieg des 20. Jahrhunderts vorbei, sich auf den nächsten vorzubereiten beginnen. Auch zu seiner Familie zieht ihn nichts. Die Mutter lebt seit drei Jahren nicht mehr, der Vater hat sich auch als inzwischen schwerkranker Alkoholiker keinen Deut verändert und von Seiten seines als Krüppel aus dem Krieg zurückgekehrten Bruders Wolfgang schlagen ihm nur Verachtung und Hass entgegen. Allein einen Plan scheint er zu verfolgen, spüren die Dorfbewohner, als sie sich ihm vorsichtig wieder anzunähern beginnen. Nur der Leser verfügt seit den ersten Seiten des Buches über eine Information: »Er kehrte zurück mit dem Ziel, einen Mann zu töten.« Doch um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen, braucht es fast den ganzen Roman. Und es wird schließlich auch nicht Wieland sein, der einen skrupellosen Mörder seiner gerechten Strafe zuführt.

Vorboten ist der genau recherchierte Roman einer Zwischenzeit. Ein verheerender, Millionen von Opfern kostender Krieg, soeben zu Ende gegangen, trägt in diesem Ende bereits den Keim zur nächsten großen Katastrophe in sich. Schon misstraut man wieder allem Fremden. Schon werden heimlich Waffen gehortet, um sie zur Hand zu haben, wenn die Zeit gekommen ist. Schon werden erneut ultranationalistische Parolen auf Volksfesten laut und von den Kanzeln der Kirchen herunter verkündet. Schon gilt wieder als Verräter, wer sich der allgemeinen Stimmung entgegenstellt. Und immer noch schweigen viel zu viele Menschen zu all den sich vorbereitenden Dingen, auch wenn sie es sind, die am Ende erneut auszubaden haben werden, was angerichtet sein wird. Denn auch wenn es gegen Schluss von Jürgen Heimbachs Roman so aussieht, als erlitten alle, die das angebrochene demokratische Zeitalter so schnell wie möglich zu beenden gedachten, eine Niederlage – die Nächsten stehen schon bereit, wie Martin Breitbach, die rechte Hand des Grafen, Wieland anvertraut: »Ich verlasse diesen Landstrich. Ich werde nach München gehen. Da gibt es eine Partei, hat sich gerade in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei umbenannt und soll einen sehr charismatischen Führer haben, Adolf Hitler.«

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Jürgen Heimbach: Vorboten
Zürich: Unionsverlag 2021
223 Seiten. 18 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Irrläufer

Nächster Artikel

Von tanzenden Großmüttern, dem Plusquamperfekt und anderen Überraschungen

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Wie Rauch in den Winden

Roman | Raoul Schrott: Eine Geschichte des Windes

Es ist ein wunderschönes Buch, nicht nur von außen, rundum, nein, auch sein Inhalt, geschrieben über oder aus Sicht eines Mannes, der eigentlich immer im Hintergrund stand, der wenig bekannt ist, dem nie große Beachtung zuteilwurde: Hannes aus Aachen. Und seine unglaubliche Seefahrt-Geschichte beginnt vor 500 Jahren. BARBARA WEGMANN hat das Buch gelesen.

Klavier spielen auf dem Cello

Roman | Natascha Wodin: Nastjas Tränen

»Die Treppe herauf kam eine sehr schmale, schüchtern wirkende Frau, die etwa fünfzig Jahre alt sein mochte, aber aussah wie ein Mädchen. Sie trug Jeans und einen Rucksack auf den Schultern.« So beschreibt die inzwischen 76-jährige Schriftstellerin Natascha Wodin die Protagonistin ihres neuen Romans Nastjas Tränen. Wodin, deren literarisches Werk durchgehend einen autobiografischen Background hat, war vor vier Jahren für ihren Roman Sie kam aus Mariupol mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden. Darin hatte sich die Schriftstellerin, die als Tochter russisch-ukrainischer Zwangsarbeiter 1945 in einem Lager in Franken geboren wurde, in leisen Tönen dem Leben ihrer Mutter angenähert. Von PETER MOHR

Die Eroberung der Welt

Roman | Tommy Wieringa: Nirwana

Der 58-jährige niederländische Autor Tommy Wieringa ist im deutschsprachigen Raum noch weitestgehend unbekannt. Das dürfte sich jetzt spätestens nach der Veröffentlichung seines Romans Nirwana ändern. Ein Buch, das als subtiler Familienroman, tiefsinnige Gesellschaftsanalyse und tiefer Blick in die Geschichte daherkommt. Nirvana ist als großes Epos des 20. Jahrhunderts angelegt. In seiner Heimat hatte Wieringa mit der Veröffentlichung von Joe Speedboot 2005 den Durchbruch geschafft. Von PETER MOHR

Jenseits des roten Flusses

Roman | Marcie Rendon: Stadt, Land, Raub

Zu Beginn des nach Am roten Fluss (deutsch im Hamburger Argument Verlag 2017) zweiten Romans von Marcie Rendon um ihre 19-jährige Heldin Renee »Cash« Blackbear ist die am Moorhead State College gelandet. Mehr als für »Bio« oder »Psycho« interessiert sich die intelligente junge Frau, für die der meiste ihr hier begegnende Lehrstoff nur langweilige Wiederholung von bereits Bekanntem darstellt und richtige Freunde sich wohl auch nur schwer unter der College-Klientel finden lassen, allerdings für den Billardsaal auf dem Campus. Um ein bisschen Geld zu verdienen, fährt sie nicht mehr Mähdrescher wie in Rendons Erstling, sondern klemmt sich – inzwischen ist die Zeit der Zuckerrübenernte gekommen – in den Nächten hinter das Steuer eines Rübenlasters. Bis das Verschwinden einer Kommilitonin aus ihrem Psychologie-Kurs Cash erneut unfreiwillig mit einem Verbrechen konfrontiert. Von DIETMAR JACOBSEN

Die langen Schatten der Vergangenheit

Roman | Jane Harper: Die Suche

Seinen ersten Auftritt im Romankosmos der australischen Autorin Jane Harper hatte Kommissar Aaron Falk vor sieben Jahren. Hitze (2016) hieß das damals noch bei Rowohlt verlegte, preisgekrönte Romandebüt der 1980 Geborenen, in dem Falk nach 20 Jahren in seine Geburtsstadt zurückkehrt und den Tod von drei Mitgliedern einer Farmersfamilie aufklärt. Seinen nächsten Einsatz hatte er in dem Roman Ins Dunkel (2019). In der Unwegsamkeit des australischen Buschs musste er eine Frau finden, die verdeckt für die Polizei arbeitete und während eines Firmenevents spurlos verschwunden war. Nun, im dritten Roman mit Aaron Falk als Hauptfigur, zu dem sich Harper etwas länger Zeit genommen hat – zwischen Ins Dunkel und Die Suche entstanden zwei weitere Bücher – geht es erneut um eine vermisste Person. Im südaustralischen Weinland sucht Falk nach den Spuren einer vor einem Jahr während eines Festivals verschwundenen Frau. Von DIETMAR JACOBSEN