Re

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Re

Was hatte ihn in diese Einöde verschlagen, in diese fremde Gesellschaft, wie seltsam, an einem Lagerfeuer zu sitzen, Walfänger zu sein behaupteten sie, aber ganz offensichtlich hatten sie nichts zu tun, tagsüber lungerten sie am Strand herum oder besserten die Takelage aus und pflegten den Schiffsrumpf, doch wirkliche Arbeit sähe anders aus.

Ramses, überlegte Pirelli, schwierig, er erinnerte sich, und ob es nicht mehrere Pharaonen namens Ramses gab.

Die neunzehnte und zwanzigste Dynastie, wußte Crockeye, und dieser Ramses, der leibhaftig mit ihnen am Lagerfeuer saß, dürfte der neunte sein, berühmt für den Grabräuberprozeß und für sein kompromißloses Einschreiten gegen Grabräuber und einen korrupten Klerus.

Bildoon beschäftigte der Gedanke, daß die Kultur des alten Ägypten über dreitausend Jahre Bestand hatte, unvorstellbar, wie ist so etwas möglich, drei mal tausend Jahre.

Die Männer blickten ins Feuer. Es war still, das Rauschen des Ozeans klang wie aus weiter Ferne.

Ramses richtete sich auf. Ich will es erklären, sagte er lächelnd.

Nein, um Ramses III. konnte es sich nicht handeln, überlegte Eldin, denn dessen Statuen waren stets mit einer unverwechselbar konturierten Nase versehen, und dieser Ramses war ein eher zierlicher Typ.

Möglicherweise, sagte Ramses, ist hier dem einen oder anderen bekannt, daß bei uns alles Leben von der zentralen Sonnengottheit Re abhängt, der Lauf der Sonne bestimmt unsere Rhythmen und Tagesläufe, und der Pharao verkörpert ihn auf Erden.

Ein Gottkönig, fragte Harmat.

Exakt, sagte Ramses.

Der Lauf der Sonne bestimme die Tage, sagte Rostock, vierundzwanzig Stunden.

Da habe er recht, versicherte London.

Interessant, sagte Thimbleman.

Unser Erleben ist in hohem Maße gegenständlich, versteht ihr, wir sehen Re in seiner Barke am Himmel aufsteigen, den Himmel überqueren und sich zum Sonnenuntergang hinab senken, der Tag hat ihn erschöpft, er ist zum Greis gealtert und tritt seine zwölfstündige Reise durch die Unterwelt an, in eine bedrohliche und dennoch zugleich regenerierende Tiefe, als Nachtsonne spendet er Licht den Toten, er setzt sich höchster Gefahr aus, sein erbitterter Gegner Apophis lauert, jede Nacht ist eine Gratwanderung zwischen Leben und Tod, und er findet zum Knaben verjüngt in den neuen Tag.

Man muß daran glauben können, sagte Eldin.

Jedenfalls ist es spannend, sagte Harmat.

Das ist unsere Wirklichkeit, bekräftigte Ramses, Tag für Tag. Das Totengericht urteilt über das vergangene Leben, schickt Verstorbene endgültig in die Verdammnis oder ermöglicht ihnen nächtlich Stunde für Stunde eine ergänzende, befristete Lebenszeit – ähnlich verhält es sich bei den Griechen mit Hades und Tartaros, das Christentum kennt die Hölle.

Ein Fundament, sagte Bildoon, dreitausend Jahre lang bindet es eine hochentwickelte Kultur.

Faszinierend, sagte Rostock, und die Menschen fühlten sich aufgehoben, weil sie wußten, was sie erwartete und auf ein positives Urteil hofften.

In sicherer Obhut, ergänzte Harmat, in ihrer religiösen Überzeugung gefestigte Seelen, unangreifbar, man muß das schätzen.

Ramses lächelte. Es war abenteuerlich, sich in fremde Gegenden und Kulturen treiben zu lassen und sich einen Eindruck von den Menschen zu verschaffen, durchaus interessant, gewiß, die Kultur der Industriegesellschaft bürgere die Toten einfach aus, es handele sich um eine Leugnung, eine Verdrängung und Nichtanerkennung der Totenwelt, wie könne das sein, welch ein Jammer, er hätte sich außerdem nicht in seinen verwegensten Träumen vorgestellt, daß dereinst die Sonne als ein alltäglicher Gegenstand verstanden würde, so profan sei das und so oberflächlich, der Mensch würde ihr Alter bestimmen, die Lebensdauer prognostizieren, die Temperaturen vermessen, würde Sonnenflecken identifizieren, deren Magnetstürme aufzeichnen, Konjunktionen vorhersagen, dies und das, und hätte doch rein garnichts verstanden.

Faktenhuberei, dachte Ramses, eine elende Faktenhuberei, die Industriegesellschaft präge die Kultur ihrer Zeit und steuere allem Anschein nach schnurgerade auf eine Sackgasse zu, da würde der Walfang mitsamt dem Goldrausch und der Dampfschiffahrt die Richtung angeben, welch schnöde Sicht auf die Dinge, er erschrak, nein, eine phantasielose Menschheit, und seine Welt wäre das nicht, dachte er, keineswegs, und es sei nun Zeit, aufzubrechen, doch er zögerte noch.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die Geburt des Jim Morrison aus dem Geiste Friedrich Nietzsches

Nächster Artikel

Ein Himmel für alle

Weitere Artikel der Kategorie »TITEL-Textfeld«

So oder so

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: So oder so

Nein, so wie es angelegt sei, überlegte Farb, halte er das Leben für eine Fehlkonstruktion.

Wette lächelte. Man dürfe, sagte er, dem nicht zu viel Gewicht beimessen.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel mit Schlagsahne.

Annika warf einen Blick auf das Gohliser Schlößchen. Nein, dachte sie, keinesfalls, man dürfe sich das Geschehen nicht zu Herzen nehmen.

Falsche Signale

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Falsche Signale
Eine Debatte findet ja gar nicht statt, Susanne, es geht vor allem darum, die Bevölkerung zu beruhigen, hysterische Reaktionen zu vermeiden.

Ist das verkehrt?

Auf keinen Fall. Tilman stand auf, holte den Tee aus der Küche und stellte die Kanne auf das schlichte weiße Stövchen, das ohne den zierlichen lindgrünen Drachen, der das übrige Service schmückte, stets leicht fehl am Platz wirkte.

Hui-neng

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Hui-neng

Diese Dinge liegen uns fern, sagte Termoth, das Reden vom Sechsten Patriarchen klinge wie eine Erzählung aus einer stillstehenden Zeit, habe nicht Gramner ihn kürzlich erwähnt.

Als ob es das gäbe, sagte Harmat, eine stillstehende Zeit.

Kaum zu glauben, sagte Thimbleman.

Auch hier in der Ojo de Liebre, versicherte dagegen Bildoon, stehe die Zeit still

Eldin

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Eldin

›Neuzeit‹. Er könnte sich aufregen. Welch eingebildetes Pack. Oder ›Moderne‹. So nannten sie sich auch. Er wußte das von Gramner. Nicht daß es ihn sonderlich interessiert hätte, aber es war immer gut, jemanden wie Gramner an Bord zu haben, zumindest konnte es nicht schaden, denn Walfang war harte Arbeit, die Mannschaft war unterhalten.

Spaghetti

TITEL-Textfeld | Slata Kozakova: Spaghetti Wir sitzen am gedeckten Tisch, Mutter stellt die Teller mit Spaghetti hin, darüber geriebener Parmesan, Tomatenpasta und Oliven. Die Pasta ist selbst gemacht und schmeckt, anders als die in Dosen, nach Zuhause. Ich ignoriere das Gebet, und wir beginnen zu essen. Ich schiebe die Oliven vorsichtig an den Tellerrand, ich hasste schon immer Oliven, egal ob schwarze oder grüne, aber immer liegen welche im Teller, weil das so sein muss, Spaghetti mit Oliven, heißt es doch. Verstohlen gucke ich: Sie essen langsam und kauen umständlich mit ernsten Gesichtern, wie bei der Erfüllung einer wichtigen Aufgabe,