Verstaubte Diplome im gelben Aktenkoffer

Roman | Lena Gorelik: Wer wir sind

Manchmal trügt eine Genrebezeichnung. Hinter Lena Goreliks neuestem Roman Wer wir sind verbirgt sich eine authentische Familiengeschichte, ein außergewöhnliches Erinnerungsbuch. Es ist Selbstvergewisserung, Versöhnung und eine späte Liebeserklärung in einem. Denn der Zauber zweier Sprachen eröffnet neue Dimensionen und Erfahrungsräume. Von INGEBORG JAISER

Mit drei Jahren lernt das Mädchen Schach spielen, mit vier Jahren lesen. Mathematik hat sowieso schon einen hohen Stellenwert in der Familie, denn Kopfrechnen wird als Zeitvertreib angesehen, beim Warten auf Bus und Tram. Kein Wunder: sind doch beide Elternteile diplomierte Ingenieure, selbst die Großmutter leitet selbstbewusst die Abteilung einer Fabrik. Das Gemeinwohl und der solidarische Zusammenhalt stehen an erster Stelle.

»Ich« heißt auf Russisch »я« und ist der letzte Buchstabe im Alphabet. Mit diesem Hinweis wird dem Mädchen schon die kleinste Anwandlung von Egoismus ausgetrieben. Und doch ist die Kindheit geprägt von emotionaler Wärme und Geborgenheit, von ewigen Sommern auf der Datscha, von Familienfesten mit Gitarrenklängen und den Bratkartoffeln der Großmutter.

Reise in ein neues Leben

Dann folgt der große Bruch, die unumkehrbare Zäsur, die sich genau datieren lässt: 2. Mai 1992, 23.55 Uhr. Eine Familie besteigt den Zug in ein neues Leben, von der Fünf-Millionen-Großstadt Sankt Petersburg ins schwäbisch-beschauliche Ludwigsburg. In einem gelben Aktenkoffer Marke »Diplomat« stecken sämtliche Urkunden, in neun Koffern alles, was man im Westen zu brauchen glaubt. Blassgrüne, quadratische Schreibhefte, ein Bügeleisen, Küchenhandtücher. Nur wenig davon wird sich als nützlich erweisen. Doch das ahnen sie noch nicht, die Eltern, die Großmutter, der Bruder und das 11jährige Mädchen namens Lena Gorelik.

Ihr verdanken wir diese als Roman getarnte Familiengeschichte, die in Zeiten der vielpraktizierten Autofiktionalität mit entwaffnender Ehrlichkeit, Offenheit und Glaubwürdigkeit überzeugt. Die heute in München lebende Schriftstellerin und Journalistin Lena Gorelik, 1981 in Sankt Petersburg (das damals noch Leningrad hieß) geboren, kommt mit ihrer Familie 1992 als russisch-jüdischer »Kontingentflüchtling« nach Deutschland. In ein fremdes Land voller Wunder, in dem man Fenster kippen und die echten Barbie-Puppen (im Gegensatz zum polnischen Billigimitat) im Kniegelenk beugen kann. Wo man ganze Salatblätter in einer Essigmarinade isst und nicht klein geschnitten mit Gurkenwürfel und Radieschen in Smetana tunkt. Wo ein selbstgeschneiderter beiger Parka nicht als letzter Schrei gilt und die Kinder bunte Fahrradhelme tragen.

Sprachlos hinter dem Stacheldraht

Dem ersten ungläubigen Staunen folgt schon bald ein Gefühl abgrundtiefer Fremdheit und Ausgegrenztheit. Besonders schwer für ein pubertierendes Mädchen, das mit der Familie in den beengten Verhältnissen eines stacheldrahtumzäunten Asylantenwohnheims landet und die hilflose Unterwürfigkeit der Eltern miterleben muss. »Ich sehe, höre, rieche, schmecke, taste ihre Unsicherheit, werde sie nie wieder los.« Nur die Großmutter lässt man im Glauben, ihr Jiddisch würde dem hier gesprochenen Schwäbisch weitgehend ähneln. Doch all die sorgsam gehorteten Diplome und Urkunden werden in Deutschland nicht anerkannt. Wie fühlt es sich wohl für die Mutter an, »die beinahe fünfzigjährige Ingenieurin, die Universität mit summa cum laude abgeschlossen, in einer fremden Sprache irgendwo anzurufen, um zu fragen, ob sie vielleicht ein fremdes Haus putzen darf?« Der einst selbstbewusste Vater verstummt fast gänzlich.

Magie der Sprache

Dass sich die junge Lena aus der Beklemmung des Andersseins zu emanzipieren vermag, ist letztendlich ihrem Ehrgeiz zuzuschreiben – und der Magie, der Macht, den Möglichkeiten der Sprache.  Doch je enthusiastischer sich das Mädchen vorankämpft, desto weiter entfernt es sich von seiner Herkunft, fast wie eine Verräterin. »Das Wort Streberin lässt sich ins Russische nicht übersetzen.« Und noch drei Jahrzehnte später, als längst arrivierte Schriftstellerin (eines ihrer Bücher trägt den ironischen Titel »Sie sprechen aber gut Deutsch«), kostet es Lena Gorelik unermessliche Anstrengungen, das offensichtliche Sakrileg zu übertreten und unverschlüsselt über die Familie zu schreiben.  Über die Scham, die Schmach, die erlittenen emotionalen Schmerzen.

Lena Gorelik weiß, wie es sich anfühlt, wenn die ehemals kompetenten Eltern aufgrund von Sprachschwierigkeiten zu entmündigten Bittstellern degradiert werden. Wenn man notgedrungen jeden Tag Pizza isst, weil das Wort Ofenkartoffel durch seine unberechenbare Abfolge von kurzen und langen Vokalen zu ungewollten Lachern führen könnte. Nicht umsonst werden den Lesern manche Episoden aus Wer wir sind so bekannt vorkommen wie ewig tradierte Familiengeschichten, die sich durch ständig wiederholtes Erzählen und Zitieren immer tiefer in die Erinnerung eingraben. Manchen Erlebnissen dürfte man bereits in Goreliks Erstlingswerk Meine weißen Nächte (2004) begegnet sein, damals noch der Protagonistin Anja zugeschrieben. Zahlreiche Romane, Preise und Würdigungen später kann die Fiktionalisierung aufgehoben werden. So lässt sich Wer wir sind wie eine stolze Liebeserklärung an Heimat und Herkunft lesen, letztendlich auch wie eine warmherzige Versöhnung mit den Eltern.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Lena Gorelik: Wer wir sind
Berlin: Rowohlt 2021
316 Seiten. 22.- Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Ein Himmel für alle

Nächster Artikel

Alle Kinder haben Rechte

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Ein modernes Künstlerleben

Roman | Markus Orths: Max In seinem jüngsten Roman ›Max‹ beleuchtet der deutsche Schriftsteller Markus Orths die privaten, künstlerischen und politischen Wechselfälle des Malers, Grafikers und Bildhauers Max Ernst. Von BETTINA GUTIÉRREZ

Station Johannes

Roman | Markus Berges: Irre Wolken

›Irre Wolken‹ ziehen über die westfälische Provinz und werfen ihre Schatten über prägende Ereignisse zwischen verbotener Liebe und wahnsinnigem Glück. Nicht nur die Gefühle spielen verrückt im Leben eines 19-jährigen Aushilfspflegers in der Psychiatrie. Markus Berges, Sänger und Songschreiber der Band Erdmöbel, erzählt in seinem dritten Roman eine Coming-of-Age-Geschichte aus unruhigen Zeiten. Von INGEBORG JAISER

Dresden nach dem großen Krieg

Krimi | Frank Goldammer: Roter Rabe In den letzten Kriegsmonaten setzt die Reihe historischer Kriminalromane ein, mit denen sich der Dresdener Autor Frank Goldammer (Jahrgang 1975) seit ein paar Jahren eine große Lesergemeinde geschaffen hat. Max Heller heißt sein Protagonist und die einzelnen Romane verbinden geschickt spannende Kriminalfälle mit deutsch-deutscher Zeitgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Von DIETMAR JACOBSEN

Kalt – sonst ohne Eigenschaften

Roman  | Robert Schindel: Der Kalte Robert Schindel legt seinen zweiten druckfrischen Roman Der Kalte vor: ein Monumentalwerk zur Zeitgeschichte Österreichs der Jahre 1985 bis 1989, Jahre der Aufarbeitung der Shoa, aber auch ein Roman, in dem sich Opfer und Täter aufs Neue begegnen. Schindel setzt hier fast 30 Jahre später ein neues Denkmal am und für Heldenplatz – findet HUBERT HOLZMANN.

Kuckuckskinder

Roman | Mick Herron: Spook Street

Die »Slow Horses« um ihren ungehobelten Chef Jackson Lamb, vom normalen Karriereweg beim englischen Inlandsgeheimdienst MI 5 ausgeschlossene Frauen und Männer, bekommen mal wieder Arbeit. In einem Einkaufszentrum im Westen Londons tötet eine mitten am Tag explodierende Bombe 42 Jugendliche. Kurz darauf bekommt einer von Lambs Leuten, River Cartwright, Ärger mit seinem pensionierten Großvater. Der war vorzeiten die Nummer 2 des MI 5. Inzwischen etwas trottelig geworden, weiß er sich trotzdem noch zu wehren und erschießt kurzerhand einen Mann, der sich mit dem Enkeltrick bei ihm einschleichen will. Aber was hat der aus Frankreich kommende und dem jungen Cartwright zum Verwechseln ähnlich sehende Bursche mit dem Anschlag in der Westacres Shopping Mall zu tun? Und wieso müssen Jackson Lambs lahme Gäule aus der »Loser-Absteige« erneut alles riskieren, um sich und ihr Land vor einer Gefahr zu schützen, die ihre Vorgänger einst heraufbeschworen haben? Von DIETMAR JACOBSEN