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Umkehr

Sachbuch | Fabian Scheidler: Der Stoff, aus dem wir sind

Der Ruf, das Leben neu zu denken, gewinnt in den Industrienationen an Stärke und Einfluß, jeder sieht die Schäden, die eine von eingespielten Rhythmen sich loslösende Natur in der menschlichen Zivilisation anrichtet, lodernde Feuersbrünste, Orkane und Überflutungen richten verheerende, irreparable Zerstörungen an, und öffentlich, wer hätte das geahnt, präsentieren sich Wirtschaftsbosse und Politik gleichermaßen überrumpelt. Von WOLF SENFF

Der Stoff aus dem wir sindWie üblich wird spät reagiert, zu spät, und nein, man kann das nicht nachfühlen, denn es gab und gibt warnende Stimmen, der Club of Rome der sechziger Jahre gehört dazu, war aber keineswegs der erste, die mahnenden Stimmen sind ständige Begleiter der Karriere von Industrialisierung und kapitalistischer Ökonomie, sogar Goethe warnte vor dem aufkommenden ›Maschinenwesen‹.

Fabian Scheidler spricht wie Lewis Mumford von einer ›Megamaschine‹ und bezeichnet damit die Kehrseite dessen, was oft und gern als technologische Revolution gepriesen wird – fälschlicherweise gepriesen, und deshalb sein Appell, grundlegend neu zu denken, umzudenken.

Er beginnt seine detail- und kenntnisreiche Darstellung mit der in der naturwissenschaftlichen Forschung vollzogenen Erneuerung einer atomistischen, auf die Materie und auf Grundbausteine bezogenen Vorgehensweise. Diese längst überholte »mechanistische Physik« werde immer noch in den Schulen gelehrt, sie bilde die Grundlage für das Geo-Engeneering ebenso wie für die abenteuerlichen Phantasien des Silicon Valley.

Die herkömmlichen Naturwissenschaften, so Scheidler, nehmen die Welt als Summe separater Abläufe wahr, die auf den ersten Blick linear erscheinen – man denkt unwillkürlich an die ökonomischen Kategorien ›Fortschritt‹ und ›Wachstum‹ –, sich aber bei genauer Prüfung als Abschnitte überdimensionierter Kreise erweisen, die Phänomene gehen ineinander über.

Erforderlich sei jene komplexe Betrachtung von Beziehungen, die durch die Quantenphysik ausgelöst wurde, der zufolge die Welt ein unauftrennbares Gewebe ist, in der es keine Einzelteile gibt, keine einsträngigen Kausalitäten, sondern nur Beziehungen. Scheidler beschreibt diesen Wechsel als ein Paradigma der vor uns liegenden zivilisatorischen Aufgabe. Auch die so feste Materie existiere lediglich als ein vielschichtiges Netzwerk diverser Beziehungsstrukturen.

Als Orientierung dienen ihm Kosmologien indigener Stämme am Amazonas, unter anderen die Tukano Kolumbiens, bei denen der Mensch, der der Natur etwas entnimmt, z. B. durch Jagd, eine entsprechend ritualisierte Gegenleistung zu erbringen hat, um das Gleichgewicht zwischen Menschen- und Tierwelt zu erhalten. Das mag für westliche Ohren ungewöhnlich klingen, und Scheidler warnt vorsorglich vor einer Romantisierung indigener Kulturen.

Das für uns einleuchtendere Beispiel ist der Reisanbau der balinesischen Subak, der auf einer höchst dynamischen Balance kosmischer Kräfte, zwischenmenschlicher sowie natürlich vorhandener Aspekte gründet; regelmäßige Versammlungen entscheiden je nach Wetterverhältnissen über den Rhythmus der Bewässerungen für stromauf- und -abwärts befindliche Regionen, im Detail sind die Dinge außerordentlich kompliziert und rituell dennoch strikt geregelt.

In den siebziger Jahren übernahm die indonesische Regierung Vorschläge des schweizerischen Unternehmens Ciba/BASF, so oft und so schnell wie möglich zu pflanzen und dabei Pestizide, Kunstdünger und Hochertragssorten zu verwenden – das Ergebnis war ein Desaster: Große Teile der Ernte wurden von Schädlingen gefressen, die Fruchtbarkeit des Bodens sank, die Regierung sah sich gezwungen, zum traditionellen System zurückzukehren.

Konsequent wendet Scheidler die Sichtweise und fragt, ob nicht die schweizerischen Ingenieure ihrerseits einem irrationalen religiösen Kult erlegen seien, in dessen Zentrum Wahnideen von technischer Allmacht stünden, und konstatiert weitergehend, daß generell die Idee einer abstrakten absoluten Wahrheit lebensfremd sei, der Mensch müsse seine Vernetzung als Teil der Natur neu begreifen, die ökonomischen Abläufe müssen auf Respekt für das Leben, auf Empathie, auf Verantwortung und Verbundenheit gründen.

Scheidler weist darauf hin, daß diese Prinzipien in einer Gemeinwohlökonomie real praktiziert werden und ebenso in Genossenschaften und Arbeiterkooperativen präsent sind, und zeigt erfreulich konkrete Wege auf, um den Blick für neue Wirklichkeiten zu öffnen.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Fabian Scheidler: Der Stoff, aus dem wir sind
Warum wir Natur und Gesellschaft neu denken müssen
München: Piper 2021
302 Seiten, 20 Euro
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