//

Berlin

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Berlin

Berlin, erinnerte sich Rostock, Berlin liege gar nicht weit entfernt von seiner Heimatstadt, er habe von Bremerhaven aus den Atlantik überquert und in Nantucket ausgemustert.

So sei es vielen ergangen, sagte London, die Überfahrt war strapaziös, und an der Ostküste habe man in Nantucket gleich anheuern können, denn die Jahrzehnte des amerikanischen Walfangs brachen an.

Was es auf sich habe mit Berlin, fragte Bildoon, weshalb, die Stadt liege auf der anderen Seite des Planeten, was kümmere ihn das.

Es sei eine andere Zeit, sagte Pirelli, von Walfang sei dort keine Rede mehr.

Zwei Jahrhunderte nach uns, sagte McAlister, man möchte das kaum glauben, der Platz ist eng geworden auf dem Planeten.

Berlin, drängte LaBelle.

London lachte.

Im Zentrum Europas keimt das Bewußtsein einer Zeitenwende, erklärte Pirelli.

Ein Hauch von Zeitenwende, spottete Rostock, die Jugend positioniert sich gegen den Schlendrian.

Eine Epoche geht zuende, fragte Bildoon.

Der lädierte Planet erhebt seine Stimme, sagte Mahorner.

Das Anthropozän, eben erst ausgerufen, kommt zu einem schmählichen Ende, sagte Pirelli.

Funken sprühten aus der Glut, während Eldin einen Scheit Holz ins Feuer legte.

Der Zwilling nahm einen Schluck aus der Flasche.

Der Ozean spielte eine zarte Melodie in die Stille der Nacht.

Der Ausguck erhob sich und löste sich in die Finsternis auf.

Was das sei, eine Zeitenwende, wollte Harmat wissen.

Ein Umbruch der gewohnten Lebensweise, erklärte Pirelli, eine grundlegende Umstellung in Ökonomie und Kultur, und wer aufmerksam hinsieht, habe das seit Jahrzehnten beobachtet, Pirelli lächelte, und zwar ausgerechnet, sagte er, am Beispiel des Walfangs, der habe diese Korrekturen eingeleitet.

Bildoon räusperte sich.

Harmat fand keine Worte.

Eldin schlug die Stirn in Falten.

Die Bestrebungen, den Walfang einzugrenzen, haben eine lange Geschichte, sagte Pirelli, und nachdem einzelne Walarten ausgerottet zu werden drohten, vereinbarte eine internationale Walfangkommission in den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts ein Walfangmoratorium, ein befristetes Fangverbot. Das war höchste Zeit, denn der kalifornische Grauwal, müßt ihr wissen, galt während der fünfziger Jahre als ausgerottet.

Da können wir von Glück reden, daß es in unseren Tagen noch nicht so weit ist. Rostock lachte.

Wir leben zu den Zeiten des Goldrauschs, erinnerte Harmat.

Gut, wenn sich jemand zurechtfindet, spottete London.

Schön und gut, sagte Thimbleman, nur daß mir manchmal, wenn ihr so redet, das Gleichgewicht verlorengeht.

Im Labyrinth der Zeiten, fragte LaBelle.

Die Zeitenwende war vorbereitet, entgegnete Pirelli, sie hat sich ihren Weg gebahnt.

Gegen das Maschinenwesen, ergänzte Mahorner.

Und was habe das alles mit Berlin zu tun, insistierte Bildoon.

In jener Zukunft werde es um den Bestand des Lebens auf dem Planeten gehen, die Lage werde hochdramatisch sein, sagte Mahorner, und erneut werde ein Moratorium erforderlich, ein Moratorium gegen die destruktiven Aktivitäten des Menschen.

Ein Neubeginn, fragte Bildoon.

Exakt, sagte Pirelli.

Aber wirf einen Blick auf die Leute, höhnte der Zwilling, ein Haschen nach Wind, Berlin ein Markt der Eitelkeiten, schimpfte er, man trägt edles Tuch, die Charaktere sind von Ehrgeiz zerfressen, gestrandet, lange bevor sie ihre Ämter antreten, perlweiße Zahnreihen, strahlende Gesichter, ein Lächeln breit hingeworfen für jede Kamera.

Bildoon blickte irritiert.

Der Ausguck schälte sich aus der Dunkelheit und setzte sich.

Pirelli stocherte in der Glut.

Es ist spät, sagte Crockeye.

Was willst du tun, fragte Thimbleman, und sind sie nicht Menschen wie du und ich.

Falschspieler, widersprach LaBelle, einer wie der andere.

Eldin faßte sich an die Schulter, der Schmerz ließ Tag um Tag nach.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Umkehr

Nächster Artikel

Auf der Suche nach dem besten Platz

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Leben

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Leben

Zufrieden, fragte er, ob er mit seinem Leben zufrieden sei, wolle sie wissen, weshalb.

Wie gereizt er reagiere, dachte sie, auf eine harmlose Frage, ungewöhnlich, dachte sie, er sei doch nicht cholerisch, sagte erst einmal nichts und schenkte Tee nach, Yin Zhen.

Er betrachtete das Service, den lindgrünen Drachen, er hatte es im vergangenen Jahr aus Beijing mitgebracht, ein Geschenk.

Die Sonne spendete wohltuende Wärme an diesem herbstlichen Nachmittag, sie hingen ihren Gedanken nach.

Taiping

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Taiping

Ein Aufstand, und deshalb, sagst du, flüchteten sie zuhauf über den Ozean, wie kommst du darauf, Thimbleman?

Sie erzählen es in der Barbary Row, die Welt ist aus den Fugen.

In deinem Alter solltest du dich nicht in zwielichtigen Spelunken herumtreiben. Aber es stimmt, in südlichen Provinzen Chinas tobt ein Aufstand, eine mächtige religiöse Bewegung gewinnt an Macht, 1851 wird das Königreich Taiping ausgerufen, das ist jetzt eine Handvoll Jahre her, und der Anführer ernennt sich zum Himmlischen König, fünfzehn Jahre lang, Wuhan wird erobert und Nanjing wird eingenommen, der Aufstand wird zwanzig bis dreißig Millionen Menschenleben fordern, die Welt ist aus den Fugen.

Irreführend

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Irreführend

Sobald er sich hinlegt, lang auf dem Sofa ausgestreckt, fällt ihm erst auf, wie müde er ist, nicht ermattet mit einer Sehnsucht nach tiefem Schlaf, nein, auch nicht jene Art Müdigkeit, daß ihm die Augen zufallen würden und er übergangslos einschliefe, traumlos, nein, es sei eine empfundene Müdigkeit, und verwundert nehme er wahr, daß sie sich über seinen Körper ausbreite, anfangs im Brustkorb, dann greife sie nach dem Kopf, schließlich über Schultern und Hüfte bis zu Händen und Füßen.

Not

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Not

Was sie nicht länger verbergen können, Anne, ist ihre Ratlosigkeit, denn wer mit offenen Augen durch den Tag gehe, könne das Menetekel nicht übersehen.

Manche Worte haben sich aus der Alltagswelt verabschiedet, die Sprache schaltet auf Schwundstufe.

Tilman rückte ein Stück näher an den Couchtisch und suchte eine schmerzfreie Sitzhaltung einzunehmen.

Dämonische Kräfte?

Mehr, weit mehr, Anne, ihr Tun hat radikal destruktive Konsequenzen, schon dem äußeren Anschein nach wendet der Planet sich gegen den Menschen, du siehst es überall, sei es in den lodernden Flächenbränden oder den lebensfeindlichen Veränderungen des Klimas, der Planet entzieht uns das Aufenthaltsrecht, Mutter Gaia hatte Geduld gehabt und einen langen Atem, nun war es genug, ein Tropfen bringt das Faß zum Überlaufen.

Verfall

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Verfall

Ausweglos.

Ja gut, ausweglos, Farb, doch was hilft es, ständig die Schwierigkeiten zu beschwören.

Schwierigkeiten, schön und gut, der Rückgang der Vielfalt ist aber eine Tatsache, mit der wir umgehen müssen, du kannst sie nicht ignorieren oder stillschweigen, es wird viel geredet, wer viel redet, wissen wir, der redet viel Unsinn, und was bislang real geschah, ist wenig, ein Tropfen auf den heißen Stein, alle wohlmeinenden Versuche, die etablierten Strukturen zu stabilisieren, schlagen fehl, wir können es nicht, die Lage ist ausweglos.