Mündendorf ist überall

Roman | Martin Becker: Kleinstadtfarben

Provinz und proletarische Herkunft, Familienbande und Fluchtreflexe, kleinbürgerliche Enge und klamme Kindheitserinnerungen sind immer wiederkehrende Themen in Martin Beckers Romanen. Gegen zwiespältige Gefühle ist auch sein Kleinstadtfarben-Antiheld Peter Pinscher nicht gefeit. Erscheinen manche Notwendigkeiten nicht wie purer Verrat? Denn: »Das Haus seiner Kindheit verkauft man nicht, das Haus seiner Kindheit verliert man.« Von INGEBORG JAISER

Kleinstadtfarben, das sind vergilbte Schautafeln, aschgraue Flachbauten, furnierte Eiche rustikal. Noch bevor die Hauptfigur Peter Pinscher – ein kleingewachsener, übergewichtiger, den Schmerztabletten und Zigaretten verfallener Polizeikommissar – auf den Plan treten kann, kommt einem das atmosphärische Milieu seltsam bekannt vor.

Wie schon in Martin Beckers Marschmusik (2017) reisen wir auch mit diesem neuen Roman zurück in die Enge und Beklommenheit, wenngleich wehmütige Vertrautheit der westfälischen Provinz (die überall sein könnte), in die Kindheit und Jugend eines Protagonisten, der uns so erstaunlich nahesteht wie ein Schulfreund oder Cousin.

Leichen im Keller

Einst hat Peter Pinscher als Kriminalpolizist den Absprung in die Großstadt am Rhein geschafft, auch wenn sein beruflicher Alltag in der »Todesursachenermittlung« traumatisch auf den Ischiasnerv drückt und er sich regelmäßig den Schrecken mit frittierten Hühnerteilen von der Seele fressen muss. Adipös, alkoholabhängig und mit den Nerven am Ende, verliert er mitunter die Contenance – und landet schließlich strafversetzt und degradiert in der Provinz. Just in seinem Heimatort. So kommt es zu einem (nicht immer erfreulichen) Wiedersehen mit alten Bekannten, Gebäuden, Gespenstern der Vergangenheit. Dabei erschien alles schon erledigt.

Der Vater (»Starkraucher, Pegeltrinker, hartes Arbeitermilieu«) früh verstorben, die Mutter mit durchgeschmorten Synapsen seit Jahren im Pflegeheim untergebracht, wofür das Familienheim verscherbelt werden musste. Nicht ohne Skrupel, denn: »Schließlich hatte er keine Immobilie verkauft, sondern ein Reich verraten. Ein ganzes Königreich.« Der Zufall will es, dass die neue Eigentümerin unter ungeklärten Umständen verstirbt und Pinscher bei der Tatortbegehung sein ehemaliges Elternhaus noch vollkommen intakt und wie zum Museum stilisiert vorfindet. Ein gruseliges Szenario, das den stärksten Ermittler umhauen würde.

Familienalbum

Heimgesucht von somnambulen Tag-, Alp- und Wachträumen taumelt Pinscher durch diese abstruse »Mündendorfer Geisterbahn«, getrieben von vagem Berufsethos und einer schmerzlichen Zeitreise zurück. Fünf Kapitelblöcke, angelehnt an die klassischen Phasen der Trauer, gliedern diesen Roman: Leugnen, Zürnen, Verhandeln, Resignieren, Akzeptieren. Wie schon in Marschmusik zeigt Martin Becker ein beachtliches Gespür, aber auch Respekt für das kleinbürgerliche Milieu der ewigen Malocher und stets Zukurzgekommenen.

Geradezu Gänsehaut erzeugen die Passagen, die wie eine Rückkehr in die eigene Kindheit aufscheinen. Hier die furnierte Eichenholzschrankwand, »die holzgelackte Bestätigung des eigenen Angekommenseins, das handfeste Lebensarchiv der proletarischen Kleinstadtfamilie«. Dort der schaudernde Blick auf die verblichenen Urlaubsfotos im Familienalbum, als ob einem die stundenlange Autofahrt an die Nordsee in einem verqualmten Ford Escort noch immer in den Knochen stecken würde. Und an anderer Stelle fegt der Luftzug der Erinnerung über die abgewetzten Cordhosen des Vaters, die sorgsam verpackte Weihnachtskrippe, die unsägliche Furcht vor alten Aktenzeichen XY-Sendungen.

Abschied von den Eltern

Martin Becker, aufgewachsen im sauerländischen Plettenberg, musste das fiktive Mündendorf nicht erst erfinden – ist doch alles schon real vorhanden: das Mittelgebirge, die Talsperre, der Kleinstadtfilz. Sein unverstellter Blick auf »die Dynastie der kleinen Leute« mit ihren mühsam finanzierten Eigenheimen und hart erkämpften Freuden ist nie frei von leiser Melancholie und Wehmut, aber auch entwaffnendem Wortwitz. Letztendlich wirkt das langsame Zerbröckeln der Familie, der unumkehrbare Abschied von den Eltern unausweichlich. Doch wieviel Trauer in diesem verkappten Kriminal- und Heimatroman steckt, muss der Leser selbst erfahren. Nicht umsonst ertönt während Peter Pinschers seltenen Taxifahrten im Radio Schuberts Winterreise: »Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.«

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Martin Becker: Kleinstadtfarben
München: Luchterhand 2021
283 Seiten. 20.- Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| Mehr zu Martin Becker von Ingeborg Jaiser in TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Eine tröstende Geschichte

Nächster Artikel

Ich fetz‘ halt herum

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Erlendurs erster Fall

Roman | Arnaldur Indriðason: Nacht über Reykjavík Mit seinem neuen Roman ›Nacht über Reykjavík‹ setzt Islands Krimiautor Nummer 1 fort, was er mit dem Roman ›Duell‹ (2013) begonnen hat: einen Rückblick auf die ersten Dienstjahre des Helden jener 11-teiligen Serie, mit der er zwischen 1997 und 2010 seine Heimatstadt zu einem europäischen Krimischauplatz machte. War Erlendur Sveinsson in der Geschichte um das »Match des Jahrhunderts« zwischen den Schachgiganten Boris Spasski und Bobby Fischer 1972 in Reykjavík allerdings nur eine von vielen Nebenfiguren, löst er im vorliegenden Buch seinen ersten wirklichen Fall. Und darf sich am Ende sogar Hoffnung machen, in

Mörderjagd im Nachkriegs-Wien

Roman | Karl Rittner: Die Toten von Wien

Eigentlich sucht Alexander Baran seit beinahe einem Jahrzehnt nach seiner verschwundenen Schwester Szonja. Da trifft es sich ganz gut, dass der ungarische Adlige, der eigentlich Sandor Baranyi heißt, nach dem Ersten Weltkrieg in Wien und dort bei der Polizei gelandet ist. Als Kommissär, dessen Abteilung »Verbrechen an Leib und Leben« aufzuklären hat, muss er sich aktuell freilich mit seinem Kollegen Florian Meisel um den Fall einer ermordeten Tänzerin kümmern. Bald kommen weitere Todesfälle hinzu. Und auch für die beiden Polizisten wird es immer gefährlicher. Von DIETMAR JACOBSEN

Kalt – sonst ohne Eigenschaften

Roman  | Robert Schindel: Der Kalte Robert Schindel legt seinen zweiten druckfrischen Roman Der Kalte vor: ein Monumentalwerk zur Zeitgeschichte Österreichs der Jahre 1985 bis 1989, Jahre der Aufarbeitung der Shoa, aber auch ein Roman, in dem sich Opfer und Täter aufs Neue begegnen. Schindel setzt hier fast 30 Jahre später ein neues Denkmal am und für Heldenplatz – findet HUBERT HOLZMANN.

Prellbock der Einsamkeit

Roman | Arnold Stadler: Rauschzeit Der Büchner-Preisträger Arnold Stadler ist weder als Vielschreiber noch als zeitgeistorientierter Autor bekannt geworden. Sein neuer Roman ›Rauschzeit‹ in einer Besprechung von PETER MOHR.

Alles den Bach runter

Roman | Kerstin Preiwuß: Nach Onkalo Er ist ein Spezialist für die Großwetterlage und scheitert an den kleinen Dingen. Er hat seine Mutter verloren und findet so etwas wie eine neue Familie. Man nennt ihn Matuschek und kennt nicht seinen Vornamen. Nach Onkalo ist vielleicht sein letztes Ziel, nur ein vermeintlicher Sehnsuchtsort. Kerstin Preiwuß inszeniert ihren zweiten Roman in einem vergessenen Landstrich der Verlierer und Abgehängten. Von INGEBORG JAISER