Ist weniger mehr?

Sachbuch | Shira Gill: Minimalista

Oh, oh, das Buch trifft einen wunden Punkt: Tipps zum Aufräumen will sie geben, die Autorin, zum Entrümpeln ruft sie auf, Ordnung schaffen möchte sie und wolle ihren Klienten beibringen, dass in einer Gesellschaft des Konsums und der Statussymbole WENIGER Besitz tatsächlich mehr ist. BARBARA WEGMANN wurde im üppigen Rat- und Tippgeber fündig.

Das Foto zeigt ein aufgeräumtes ZimmerJede Wette: Nach diesem Buch machen sie zu Hause garantiert eine Bestandaufnahme. Ja, zugegeben, der Titel MINIMALISTA, lässt anfänglich an halbleere Räume, unpersönliche Zimmer und geradezu übersichtliche Wohnungen denken. Aber »In meiner Version des Minimalismus gibt es keine kargen, weißen Räume. Für mich hat ein minimalistischer Stil nichts mit Abwesenheit oder Leere zu tun, sondern damit, genau das Richtige und kein Stück zu viel zu besitzen.« Klare Ansage, die auf den kommenden gut 300 Seiten unter anderem in einem 5- Schritte-Programm erläutert wird. Da wäre zunächst das ABKLÄREN, wie die Situation zu Hause aussieht, erklärt die in Kalifornien lebende Autorin, Bloggerin und Beraterin mit eigener Lifestyle-Marke Shira-Gill-Home. Es folgen das REDUZIEREN und das ORDNEN von Dingen, schließlich wird der so »aufgeräumte Bereich mit einige Stylingtipps AUFGEWERTET. Und natürlich gibt es etwas Hilfe in Sachen ERHALTEN. Schließlich hat man alte Gewohnheiten und in die fällt man so schrecklich gerne zurück. Das klingt bekannt, oder?

Die Texte, die unser Leben und Wohnumfeld auf diese Weise updaten und ordnen sollen, sie sind sehr ansprechend, fast freundschaftlich geschrieben, da hilft uns eine gute Bekannte auf die Sprünge, also liest man es entsprechend gern. Wie ihr Thema, so sind auch Texte, Kapitel und das gesamte Buch bestens strukturiert und gegliedert, Wichtiges wird farblich abgehoben, Aufzählungen plakativ mit Überschriften versehen. Fotos, matt gedruckt, belegen die neue Ordnung, Fotos vom VORHER wird man vermissen, warum auch? Das neue Raum-Styling sieht schon Klasse aus!
Da sind beispielsweise zehn Dinge, die »sie nicht in ihr Zuhause lassen müssen«, darunter »Werbeartikel von Messeständen, Toilettenartikel aus Hotels, kostenlose Parfümproben, Gastgeschenke oder Souvenirs von Reisen«. Oh, ich fühle mich schuldig, wie gern habe ich Souvenirs von Reisen noch herumstehen, gestehe aber, es ginge auch ohne.

Ein weiteres Beispiel kommt aus der Küche, hier gibt es fünf Gegenstände, die man einfach nicht braucht nach Ansicht der Autorin: eine Mikrowelle, eine Knoblauchpresse, ein Messerset, Spezialutensilien wie einen Erdbeerstrunkentferner und eine Salatschleuder. Die Blätter mit einem sauberen Geschirrtuch abtupfen, das reiche vollkommen, recht hat Shira Gill! Viele Kapitel, die schnell Einsicht und Ideen wachrufen, im eigenen Haushalt hier und da mal – so geschult – jetzt aufzuräumen. Ob jede Frau mit den Aufräum-Thesen der Autorin bezüglich Schuhe, Schals oder Handtaschen einverstanden ist, nun, das muss jeder selbst herausfinden.

Aber, da wäre noch dies, was gerade für Menschen mit großer Liebe zu Büchern geradezu schockieren dürfte: »Ich spüre schon ihren inneren Widerstand, wenn sie an das Reduzieren Ihrer Bücher denken.« Zugegeben: Räumt man die Regale erst einmal aus, stellt jedes Buch neu hinein, dann ändert sich oft die Perspektive und man trennt sich doch von diesem oder jenem Buch. »Es lohnt sich also, Gegenstände einmal an einem neutralen Ort und mit anderen Augen zu betrachten.« Eine Regel, die für viele Teile der Wohnung gilt.

Wie auch immer: Täglich 5 Minuten aufräumen und man hat die Wohnung im Griff, und dazu gehört auch der Schreibtisch, gerade der und es klingt so bekannt: »Ich kann es immer noch kaum glauben, wie viel Chaos und Unordnung auf den meisten Schreibtischen herrscht und welche Berge von Papier und Krempel sich dort anhäufen.« Ein aufgeräumter Schreibtisch dagegen, so ihr Credo, verhelfe zu mentaler Klarheit und fördere Kreativität, Produktivität und Effizienz. Das mit der Küche wäre ok, aber das mit dem Schreibtisch, so denke ich, das lerne ich nie im Leben.

Dennoch liest man es gern, nimmt Anregungen auf, aber hat an keiner Stelle das Gefühl, Schelte zu beziehen, Vorwürfe für Unordnung zu erhalten oder als Sammler alter Bilder vielleicht sogar als Messie angesehen zu werden. Niemand will hier niemanden erziehen oder maßregeln, es macht tatsächlich viel Spaß das Buch zu lesen. Unumstritten ist ohnehin: Mit etwas Ordnung fühlt man sich wohler, es ist stressfreier, harmonischer, zufriedener und irgendwie verändert sich etwas. Zum Guten!

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Shira Gill: Minimalista
Besseres Zuhause – Besseres Leben
München: Prestel Verlag 2022
25 Euro, 320 Seiten
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Kondo dich glücklich!

Nächster Artikel

Die Magie des Strichpunkts

Weitere Artikel der Kategorie »Sachbuch«

Ins rechte Licht gerückt

Sachbuch | Émilie Zangarelli: Babys fotografieren

Ein Wunder sind sie allemal, eigentlich benötigen sie weder besonderes Licht, eine besondere Umgebung oder Dekoration und Hintergrund: Babys schaut man unweigerlich an und mag den Blick nicht mehr abwenden. Aber: dass die kleinen Erdenbürger auch eine fotografische Herausforderung sind, das zeigt dieses wunderbare Buch aufs Feinste. Von BARBARA WEGMANN

Appell an die Menschheit

Gesellschaft | Vandana Shiva: Jenseits des Wachstums Jährlich mahnen Umweltorganisationen zunehmend die Schäden an, die durch rücksichtsloses Gewinnstreben an Mensch und Natur entstehen. Es ist nicht zuletzt Vandana Shivas Verdienst, die Auswirkungen der menschenverachtenden Wirtschaftsweise globaler Konzerne am Beispiel indischer Bauern in ›Jenseits des Wachstums‹ zurück in die beschaulichen Wohnzimmer des Bürgertums zu holen. VIOLA STOCKER ließ sich aufklären.

Spurenlesen im Fußabdruck der Stadt

Kulturbuch | Mueller-Haagen / Simonsen / Többen: Die DNA der Stadt »Sie werden alle Städte, die Sie von nun an besuchen, besser verstehen«, heißt es in dem Vorwort der Verleger. Ein Versprechen, das die Architekten Inga Mueller-Haagen, Jörn Simonsen und Lothar Többen einhalten. Sie zeigen Städte, wie sie nur selten zu sehen sind, im Schwarzplan, ihrer ehrlichsten Form. Von STEFFEN FRIESE

Die Mücke und die Weltgeschichte

Sachbuch | Timothy C. Winegard: Die Mücke

»Es dämmert bereits, und für die Stechmücke ist nun Abendessenszeit.« In diesen schönen, ersten Sommertagen sind sie wieder da, abends, wenn man gemütlich im Garten sitzen will, oder nachts, wenn man einschlafen will und jene kleinen Tierchen sich unüberhörbar dem Kopfkissen nähern: Mücken. Dass man über dieses Thema ein derart umfangreiches Buch schreiben kann, das erstaunt, fasziniert zunächst und macht ziemlich neugierig, zumindest BARBARA WEGMANN.

Let her rock!

Kulturbuch | Vivienne Westwood, Ian Kelly: Vivienne Westwood Wenn einem eine strenge Dame auf einem Buchcover wach entgegenblickt, ist oft schwere Kost angesagt. Nicht so in Vivienne Westwoods Autobiographie, die sie zusammen mit Ian Kelly verfasst hat. Für ›Vivienne Westwood‹ hat Ian Kelly zwei Jahre mit der First Lady des britischen Designs verbracht und aufgeschrieben, was Archiv, Presse, Freunde und Familie von Vivienne Westwood beizutragen hatten. Westwoods eigene Kommentare runden eine Biographie ab, bei der eine rundum kampfeslustige alte Dame erst einen Zwischenbericht zu ihrem Leben geben möchte. VIOLA STOCKER ist beeindruckt.