Riesige Schwärme von Buchfinken, Hänflingen und Fichtenkreuzschnäbeln

Sachbuch | Gilbert White: Selborne und seine Naturgeschichte / Die Erkundung von Selborne

Nature writing ist in Deutschland seit ein paar Jahren ein ganz neues Genre geworden, vor allem dank des Verlags Matthes & Seitz. In Großbritannien ist es jahrhundertealt, und jetzt ist in zwei Verlagen einer der Urväter auf Deutsch erschienen: Gilbert Whites ›The Natural History of Selborne‹ von 1789. GEORG PATZER haben beide Ausgaben gefallen.

Auf dem Buchcover sieht man einen gezeichneten VogelViel gesehen von der Welt hat er nicht, der Pfarrer Gilbert White. Geboren 1720 im kleinen Dorf Selborne, studiert er in Oxford und geht dann nach Selborne zurück, wo er bis zu seinem Tod 1793 lebt. Zwar nimmt er Kenntnis von den Entdeckungen auf der anderen Seite der Welt, Neuseeland oder Tahiti. Aber er liebt vor allem die Hügel der Sussex Downs, die keine außergewöhnlichen oder spektakulären Landschaften aufweisen konnte– die höchste Erhebung ist grade einmal 270 Meter hoch. Hier lebt White und beobachtet seine kleine Welt sehr intensiv, vor allem die Tierwelt: Die Stimmen der Vögel, das Verhalten der Insekten, den Wechsel der Jahreszeiten und die Veränderungen und schreibt davon in 110 Briefen an die Naturforscher Thomas Pennant und Daines Barrington. Vor allem interessieren ihn die vielen Geheimnisse, die es damals noch gibt: Flüchten die Schwalben wirklich in den Süden, wo es zum Überwintern angenehmer ist, oder verkriechen sie sich in Höhlen, wo sie eine Art Winterschlaf halten? Das war damals durchaus noch nicht geklärt. Und obwohl er einen Bruder in Gibraltar hat, der ihm von den Schwalben in Südspanien erzählt, neigt er doch zur Winterschlafhypothese.

Zwei Dinge sind bemerkenswert: Wie genau und poetisch er die Natur beschreibt, wie schön er sie findet und von ihr schwärmt, während er gleichzeitig kein Problem damit hat, sich allerlei Vögel von der Dorfbevölkerung schießen zu lassen, um sie genauer zu untersuchen. Oder sogar zu essen: Die Ringdrossel zum Beispiel schmeckt ihm sehr gut. Manchmal lässt er die Vögel auch aufzuschneiden, um zu sehen, was sie gefressen haben. Da war er durch und durch pragmatisch. Und außerdem wie viele Arten damals die englischen Dörfer noch bevölkern und wie massenhaft sie auftreten: White berichtet von »Myriaden von Fledermäusen« oder riesigen Schwärmen von Buchfinken, Hänflingen und Fichtenkreuzschnäbeln – während heute nicht nur Arten aussterben, sondern auch immer weniger werden, von Hänflingen und Fichtenkreuzschnäbeln werden wohl hierzulande nur die professionellen Ornithologen gehört haben.

Es zeigt sich, dass Pfarrer White oft unvoreingenommen an die Natur herangeht und manchmal interessante Parallelen zur Menschenwelt zieht. So fragt er sich, ob die Angewohnheit von Mohammed und seinen Anhängern, sich in der Wüste vor dem Gebet mit Sand zu reinigen, vielleicht von der Feldlerche, den Hausspatzen und anderen Vögeln inspiriert sein könnte, die er beim Staubbad beobachtet. Und er war sich des ökologischen Kreislaufs bewusst: Zum Beispiel schätzt er den Kot der Tiere, denn er ziehe die Insekten an, die dann wieder den Fischen zur Nahrung dienen. Und preist die Regenwürmer, die den Boden locker und fruchtbar halten. Er schreibt über Kröten und Vipern und den Einfluss der Nahrung auf die Farbe von Vögeln. Über die Atmung bei Pferden und Eseln, über Stelzen und Kernbeißer, Ziegenmelker und Hühner oder ein Paar Wiedehopfe (Upupa epops): »Sie stolzierten auf herrschaftliche Weise umher, nahmen bei ihren Gängen vielmals am Tage Nahrung auf und schienen geneigt, in meinem kleinen Gartenanhang zu brüten, die müßigen Buben, die ihnen keine Ruhe gönnen wollten, verschreckten und verjagten sie.«

Die Sprache der Vögel

Mit einem genauen Ohr für die Zwischentöne beschreibt er auch die Töne der Vögel: »Die Arten sind nicht alle gleichermaßen ausdrucksbegabt: Manche verfügen über eine Fülle fließender Laute als Äußerungen, während andere auf ein paar wichtige Töne beschränkt sind. Die Sprache der Vögel ist sehr alt, doch vieles wird bedeutet und verstanden. Die Töne der Adlerartigen sind schrill und durchdringend. Eulen bringen sehr ausdrucksstarke Töne hervor, sie rufen mit einer schön klingenden Stimme, die große Ähnlichkeit der vox humana hat und von einer Stimmflöte als musikalische Note bestimmbar ist. (…) Saatkrähen versuchen in der Brutzeit gelegentlich, aus der Fröhlichkeit ihres Gemüts zu singen, doch ohne großen Erfolg; die Papageienartigen haben viele Modulationen der Stimme, wie sich auch in ihrer Gelehrigkeit bei der Nachahmung menschlicher Töne offenbart; Tauben gurren auf liebeslustige und trauervolle Weise und sind ein Inbegriff unglücklich Verliebter; der Specht bringt ein lautes und herzhaftes Lachen zuwege; die Nachtschwalbe oder der Ziegenmelker bringt der Gefährtin vom Abenddämmer bis zum Tagesanbruch ein Ständchen mit Kastagnetten-Klappern.«

Und mit viel Phantasie und Beobachtungsgabe beschreibt er die Sprache der Hühner:

»Kein Bewohner des Geflügelhofs ist im Besitz einer solchen Vielfalt des Ausdrucks und einer so umfangreichen Sprache wie die gemeinen Hühner. Man nehme ein Küken von vier oder fünf Tagen und halte es an eine Fensterscheibe mit Fliegen und sofort wird es seine Beute unter kleinem Zufriedenheitsgezwitscher ergreifen; biete man ihm jedoch eine Wespe oder Biene, wird der Ton gleich rau im Ausdruck des Missfallens und im Angesicht einer geahnten Gefahr. Wenn ein Hühnchen zum Legen bereit ist, so vermittelt es diesen Umstand durch einen freudigen, weichen Klang. Von all den Dingen, die in seinem Leben geschehen mögen, scheint doch das Eierlegen das Wichtigste zu sein, denn kaum hat eine Henne sich erleichtert, kommt sie mit einer lauthalsen Freude hervor, welche sogleich auf den Hahn und seine restlichen Liebhaberinnen überspringt.«

Mit der gleichen Intensität beobachtet White auch die Menschen der Gegend, erzählt seinem Briefpartner Daines Barrington vom Aberglauben, dass ein paar Jahre zuvor zwei arme Männer als Hexer im Dorfteich ertränkt wurden oder dass Kinder mit Leistenbruch durch eine gespaltene Esche gezwängt wurden: Wenn der Spalt danach zuwuchs, galten die Kinder als geheilt.

Das Buchcover zeigt Vögel, Insekten, Frösche und PflanzenAllerdings geht White nicht systematisch vor, sondern geht von den Beobachtungen aus, die er grade macht, sodass er von einem Gegenstand zum anderen springt. Dass macht es etwas mühsam, manchen Schlussfolgerungen zu folgen, andererseits ist es sehr anregend, ihn quasi spontan auf seinen Gängen zu begleiten. Sein Buch, ›The Natural History of Selborne‹ von 1789, wurde wohl auch deshalb auf der Insel ein Bestseller, weil es nicht die fertigen Ergebnisse präsentiert, sondern sehr lebendig die Beobachtungen selbst beschreibt.

Auf dem Kontinent werden nur die wenigsten davon gehört haben – in Großbritannien wird er als Vater des nature writing verehrt. Laut Verlagsangaben ist es eines der meistgedruckten Bücher der englischen Sprache überhaupt und begleitete sowohl Charles Darwin auf seinem Forschungsschiff HMS »Beagle« und Henry David Thoreau am Walden Pond. Auf jeden Fall ist es eines der ersten, in dem es um Naturbeobachtungen geht. Dieses Buch wurde letztes Jahr seltsamerweise gleich zweimal übersetzt: Von Esther Kinsky für den Verlag Matthes & Seitz und seine wunderbare Naturkunden-Reihe und von Rolf Schönlau für die Andere Bibliothek. In der Anderen Bibliothek sind der Ausgabe einige schöne Illustrationen beigegeben.

| GEORG PATZER

Titelangaben
Gilbert White: Selborne und seine Naturgeschichte
Übersetzt von Esther Kinsky
Berlin: Matthes und Seitz 2021
288 Seiten, 30 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Gilbert White: Die Erkundung von Selborne
Eine illustrierte Naturgeschichte
Übersetzt von Rolf Schönlau
Die andere Bibliothek 2021
400 Seiten, 44 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

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