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Sandgemälde

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Sandgemälde

Der Sinn der Sandgemälde, so werde erzählt, sagte Gramner, liege darin, die dämonischen Kräfte zu bannen.

Dämonische Kräfte?

Eine andere Sicht auf die Welt, Harmat, das zu erklären müssen wir weit ausholen, verstehst du, wir sind mit dieser indigenen Zivilisation nicht vertraut und wissen von den Sandgemälden erst, seitdem Termoth in der Walfängermannschaft ist, wir sehen ihn hin und wieder am Strand an einem seiner Werke arbeiten.

Der Ausguck schälte sich aus der Dunkelheit und setzte sich dazu.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Sut schlug die Stirn in Falten.

Die Kunst des Westens suche sich den Raum und die Zeit zu unterwerfen, die in der täglichen Welt sich schrankenlos ausgedehnt zeigen, sagte Gramner, ein Gewaltakt, Raum und Zeit sollen in diesem einen Kunstwerk zusammengedrängt sein, und Natur wie Geschichte seien bezwungen vom autonomen Geist des Künstlers.

Eine solche Aussage treffe die Kunst des aufblühenden Industriezeitalters, das sich beispiellos gewalttätig das Leben unterwerfe, überlegte Pirelli: Vincent van Gogh, Paul Cézanne, Fernand Léger, die Dinge sind kompliziert.

Die Sandgemälde von Termoth hingegen seien grundlegend anders, sagte Gramner, und eher daß sich Raum und Zeit in ihnen entfalten, ihr Aktionscharakter und ihre Vergänglichkeit ließen sich gar als Vorgriff auf Eigenheiten des einundzwanzigsten Jahrhunderts verstehen.

Ob die lineare Zeit für Termoth nicht gelte, fragte Harmat.

Nein, sie spiele für ihn keine Rolle, sagte Gramner, berühmt seien die Sandgemälde, künstlerische Objekte, aus diversen natürlichen Materialien gelegt, Landkarten des Weltalls, die die Disharmonien ausglichen. Daran sei Termoth beteiligt, er werde unter den Navajo als ein bedeutender Künstler verehrt, seine Sandmalerei werde bewundert, er gelte als ein Hüter des Lebens.

Schwierig, sagte Bildoon.

Harmat starrte verständnislos in die Flammen.

LaBelle lächelte.

Der Zwilling nahm einen Schluck aus der Flasche.

Thimbleman räusperte sich.

Aus der Ferne klang das Rauschen des Ozeans.

Ob er die Dämonen banne, fragte Crockeye.

Das sei der andere Teil seiner Kunst, sagte Gramner, die Arbeit an seinen Werken begleite er rituell mit Gesängen, man sehe ihn auch tanzen oder sich rhythmisch bewegen.

Ein Zauberer, spottete der Rotschopf.

Auf den Walfängern findest du nun einmal schräge Gestalten, sagte der Zwilling.

Unter seinen Leuten gelte er als Heiler, sagte Gramner, als Herr über komplizierte Zeremonien, die sich über mehrere Tage hinzögen und seine Arbeit an den Gemälden begleiten würden, ihr versteht, wir Walfänger bieten ihm Zuflucht vor den Nachstellungen in der Stadt, und Scammon hat ihn gern aufgenommen.

Mit Kußhand, spottete der Rotschopf.

Die Boston sei jedenfalls nicht Frisco, sagte Thimbleman.

Indem der Erkrankte den Rezitationen zuhöre und sich in die Sandmalereien vertiefe, entferne er sich aus der linearen Zeit, sagte Gramner, und finde sich in den Ursprung der Dinge versetzt, verstehst du, als ob er sein Leben von neuem beginne. Die Navajo hätten ein anderes Verständnis von Zeit, für sie sei die zyklische Wiederkehr eine Struktur, die alles Lebendige präge, die linearen Abläufe seien demgegenüber belanglos, und sie legten keinen Wert darauf, eine Erinnerung an Vergangenheit zu bewahren. Denn auch der Kosmos, so nähmen sie an, werde periodisch zerstört und wieder erschaffen.

Die Zivilisation der indigenen Völker aber werde gegenwärtig zwischen Goldrausch und rassistischen Greueltaten zerrieben, sagte Gramner, ihre Angehörigen würden verfolgt, Termoth sei entwurzelt und werde nach Überbleibseln seines Volkes suchen, sobald sich eine Gelegenheit biete, denn nach der Vertreibung der Völker aus ihren angestammten Regionen werde in der Regierung in Washington erwogen, in abgelegenen Gebieten Reservate einzurichten und die Rückkehr zu ermöglichen.

| WOLF SENFF

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