(K)ein Problemesel

Kinderbuch | Corinna C. Poetter: Jukli

Flora hat es nicht leicht im Leben, aber alles wird noch komplizierter, als sie einer alten Frau verspricht, deren kleinen Esel nach Frankreich zu Eselfest zu bringen. Das Abenteuer ihres Lebens beginnt. Von ANDREA WANNER

Auf dem Buchcover ist ein gezeichneter Esel zu sehen.Ein weiteres Mal macht die Elfjährige ihrer Rolle als »Problembär« in der Familie alle Ehre. Flora wird in der Schule gehänselt, weil sie ein bisschen zu viel Frau die Waage bringt. »Du bist nicht dick! Nur etwas mehr. Merk dir das! Und scheiß auf die anderen!« versucht ihre Mutter sie zu trösten. Die hat es auch nicht leicht als alleinerziehende Mutter mit Flora und ihren beiden älteren Brüdern, die von einem anderen Vater stammen. Keinen davon gibt es mehr im Leben der Familie, die sich mehr schlecht als recht durchschlägt.

Geschickt verzichten die Kids auf Kindergeburtstage in der vielen zu kleinen Wohnung, in die sie ihre Klassenkameraden nicht lassen wollen. Flora macht Ärger in der Schule, ist stur und dickköpfig. Ihre Mutter versucht, Dinge auszubügeln, spürt aber auch, dass sie bei ihren drei Kindern an ihre Grenzen stößt. Deshalb meldet sie Flora für die Sommerferien dem Vorschlag ihrer Lehrerin folgend, in einem Feriencamp an. Flora ist außer sich.

Dabei hat sie gerade Mamou kennengelernt, eine ältere Roma, die mit ihren beiden Eseln, der Eselmutter Cocotte und deren Kind Jukli in einer Schrebergartensiedlung wohnt. Und als sie Flora erzählt, dass sie mit den beiden Eseln nach Frankreich zum Eselfest am 24. Juli nach Asnières-en-Poitou geht, steht Floras Entschluss fest: Sie wird die drei begleiten.

Und dann kommt alles ganz anders. Wie Flora sich mutterseelenallein mit der liebebedürftigen kleinen Jukli mitten in Paris wiederfindet, wie sie sich zäh und mutig durchkämpft, erfinderisch und immer wieder auf unerwartete Hilfe stoßend, erzählt Corinna C. Poetter in ihrem Debütroman auf herzerwärmende und unterhaltende Art.

Sie lässt ihre junge Heldin an ihrer Aufgabe wachsen, streut Wissenswertes über Sinti und Roma, über Französinnen und Franzosen und über Esel ein, und lässt ihre Geschichte glaubhaft und überzeugend klingen.

Flora, die sich Umarmungen gerne entzieht und von Tieren im Allgemeinen wenig hält, verliert irgendwann im Laufe der Geschichte ihr Herz an das Eselfohlen. Und den Leserinnen und Lesern geht es genauso!

| ANDREA WANNER
| Titelbild: © Magellan Verlag

Titelangaben
Corinna C. Poetter: Jukli oder wie ich einen kleinen Esel an der Backe hatte und nicht mehr loswurde
Bamberg: Magellan 2022
208 Seiten, 15 Euro
Kinderbuch ab 10 Jahren

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Herzschlag im Golde

Nächster Artikel

Schlagzeilenträchtiges Leben

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Zurück in die 70er

Kinderbuch | Anke Kuhl: Manno!

Kindheit in einer hessischen Kleinstadt in den 1970er Jahren: Anke Kuhl erinnert sich und hält den Alltag in kleinen Comicepisoden fest. ANDREA WANNER ist restlos begeistert.

Nützliche Potentiale

Kinderbuch | Isabel Allende: Perla, der Superhund

Nett sein? Funktioniert meistens, um mit anderen auszukommen. Aber eben nicht immer. Die erfolgreiche chilenisch-US-amerikanische Schriftstellerin Isabel Allende Llona erzählt in ihrem ersten Kinderbuch, dass man manchmal auch eine andere Seite von sich zeigen muss. Von ANDREA WANNER

Von Anfang an

Kinderbuch | Marianna Coppo: … aber wo ist die Geschichte

Wie beginnen Geschichten? Ganz einfach: mit einer weißen Seite. Da ist noch nichts, rein gar nichts. Und dann muss etwas passieren, sonst wird es keine Geschichte. Über das, was dieses »Etwas« ist, kann man geteilter Meinung sein. ANDREA WANNER fand die Geschichte über die Entstehung einer Geschichte hinreißend.

Wahre Freunde

Kinderbuch | Mohana van den Kronenberg: Dodo

Der Dodo war ein flugunfähiger Vogel, der ausschließlich auf der Insel Mauritius im Indischen Ozean vorkam und im späten 17. Jahrhundert, um 1690, ausstarb. Oder doch nicht? Dorians einziger Freund ist ausgerechnet ein Dodo. Aber das ist eine lange und abenteuerliche Geschichte, findet ANDREA WANNER.