Die Welt mit richtigen Augen sehen

Kinderbuch | Kobi Yamada: Erkennen

Schnell hat man bei diesem wunderschönen Buch Saint-Exuperys ›Kleinen Prinzen‹ vor Augen, wie sagte der doch noch: »Nur mit dem Herzen sieht man gut«. Genau darum geht es in Yamadas hinreißend illustrierter Philosophie-Stunde für kleine und große Leser. Von BARBARA WEGMANN.

Ein junges Mädchen trifft eine ältere Frau draußen in der Natur, sie malt. Es sei ein schönes Tag, oder?, fragt die ältere Frau die viel jüngere. »Ist ok«, sagt das Mädchen. Mit freundlichem Protest reagiert die ältere Frau: »Wir haben hier Vögel, Bäume, den Himmel… Ich würde sagen, heute ist in der Tat ein ausgezeichneter Tag, um am Leben zu sein.«

Langsam erwacht die Neugier des kleinen Mädchens. Da ist entwickelt sich Zuhören, da sind plötzlich Fragen, ein Gespräch entsteht. Was sie sehe, wenn sie in den Himmel schaue, fragt die Ältere die Jüngere. »Wolken?« Wie, das sei alles? »Ja, ich denke schon …« Sie sehe wilde Pferde frei herumrennen, schildert die Ältere, und auf dem Kopf stehende Schlösser. »Ich sehe Wale, die wie Singvögel fliegen und einen Drachen, der Feuer spuckt«. Alles sei wie der Beginn eines Abenteuers: Sie wolle kein bisschen davon versäumen. Seine Eindrücke schildert das Mädchen ansprechend in der Ich-Form.

»Mut machende Kinderlektüre« ist sein Ding. Der amerikanische Kobi Yamada, Leiter eines Unternehmens für inspirierende Geschenkartikel, hält sich selbst »für den glücklichsten Menschen auf diesem Planeten« und er wollte schon immer Kinderbücher schreiben. Mit seinem ersten Buch traf er denn auch direkt ins Schwarze: ›Maybe‹, später in Deutsch erschienen unter dem Titel ›Vielleicht‹, stürmte die Bestsellerlisten.

Der Tenor seiner Bücher, auch des letzten Titels, ›Versuchen› aus dem Jahr 2021, ist klar: Kindern den Blick zu schärfen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken, sie für Leben und Umwelt zu sensibilisieren und, wie in diesem Buch: Stets genau hinzuschauen. Voraussetzung: »Wenn du interessiert bist, bist du neugierig, und wenn du neugierig bist, entdeckst du Dinge – erstaunliche Dinge über dich selbst und die Welt.«

Es ist eine Philosophie des richtigen Sehens, der Welt, der Natur, des Lebens. Es ist keine Geschichte, keine Erzählung mit einer Handlung, keine Spannung. Dafür sind es Gedanken, einfühlsam geschilderte Gedanken, die ansteckend sind, die im Kopf bleiben, Gedanken, die andere Gedanken hervorrufen und schließlich in Fantasie münden. Und irgendwie ist das ja auch spannend: Je mehr man innehalte und dem Außergewöhnlichen Raum gebe, so erzählt die Malerin, desto mehr werde man erkennen. Und überhaupt, mit geschlossenen Augen könne man noch viel mehr sehen.

Elise Hurst illustriert diese Begegnung der jungen mit der älteren Frau in fließenden Strichen, schwungvollen Formen, verzaubernden Farben. Viele Szenen wirken wie im Traum: Da haben alte, knorrige Bäume ausdrucksvolle Gesichter, da sind mächtige Wolken, die lebendig werden. Die Natur rund um das Mädchen und die alte Frau machen einen gewaltigen, einnehmenden, imposanten, Eindruck, alles steckt voller so sichtbarer Lebendigkeit und großer Energie.

Das kleine Mädchen wird im Laufe des Buches aufgeschlossen, zeigt sich offen und empfänglich für die Sichtweisen der alten Frau und ihre Worte werden für sie zu einem Schlüssel für eine neue Welt. »Es gibt wirklich nichts, das nicht außergewöhnlich an dir ist«, erklärt die alte Frau. »Du bist die seltene und einzigartige Kombination aus dem, was war und den strahlenden Möglichkeiten von dem, was sein kann.«

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Kobi Yamada: Erkennen
Illustriert von Elise Hurst
Berlin: Adrian & Wimmelbuchverlag 2023
48 Seiten. 14,95 Euro
Kinderbuch ab 6 Jahren
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