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Integration

TITEL-TExtfeld | Wolf Senff: Integration

Er hat sich sehr aufgeregt, sagte Farb, du hättest ihn erleben sollen.

Tilman nickte.

Annika schlug ihre Reisezeitschrift zu und legte sie beiseite.

Cheyne Beach liegt an der südwestlichen Ecke Australiens, nicht weit von Albany, sagte Tilman, fünfundsechzig Kilometer westlich, und wurde zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts Stützpunkt der Walfänger, dort vor der Küste wurde immer schon dem Wal nachgesetzt, anderthalb Jahrhunderte lang war es eine einträgliche Industrie, und Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde dort eine Station zur Verwertung der Walkadaver eingerichtet, die Cheyne Beach Whaling Company, die allerdings nicht besonders ertragreich war.

Annika lächelte. Das, sagte sie, war schon die Folge der ersten Jahre der weltweiten Proteste gegen den Walfang.

Die Proteste waren höchst wirksam, sagte Tilman, der Einsatz war allerdings lebensgefährlich, den Walfangbooten wurde mit wendigen Schlauchbooten in die Parade gefahren, so daß eine geordnete Jagd kaum möglich war, die Fangquoten gingen zurück, und im November 1978, alles gut, wurde die Walstation aufgelöst.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Annika legte das Reisemagazin beiseite und schenkte Tee ein, Yin Zhen.

Tilman rückte näher zum Couchtisch und suchte eine schmerzfreie Sitzhaltung einzunehmen.

Gegen den Walfang gab es ein Moratorium, erklärte Annika, er wurde international geächtet, die Walbestände erholten sich, aus der einstigen Walstation wurde ein Museum, Gelegenheit macht Diebe, die Walbeobachtung kam hinzu und wurde bald ein lukratives Geschäft, der Tourismus blühte auf, weshalb also die Aufregung.

Farb tat sich einen Löffel Schlagsahne auf sein Stück Kuchen, verteilte sie gleichmäßig und strich sie sorgfältig glatt.

In dieser Gegend des Ozeans hält sich gern der Grindwal auf, eine Delphin-Art, sagte er, gut fünf Meter lang und sechzehn Zentner schwer, er bildet große Familienverbände, hierarchisch strukturiert und von einem Leittier angeführt, Schulen, wie wir sie nennen und wie sie auch andere Wale bilden, jedoch nicht so zahlreich.

Nahstoll hat sich also weshalb aufgeregt, fragte Annika.

Dort sind Wale gestrandet, ungewöhnlich viele, an die hundert, Grindwale, das Foto ging durch die Medien, wie sie noch an der Wasseroberfläche versammelt waren, dicht an dicht.

Darüber hat Nahstoll sich so aufgeregt?

Das gab es vorher nicht, Annika, wohl daß Wale strandeten, auch zahlreich, doch daß sie zuvor gleichsam in einem Ritual sich versammelt hätten, das hat man nicht beobachtet.

Farb aß ein Stück von seiner Pflaumenschnitte.

Das Bild ist wirklich ungewöhnlich, sagte er, du siehst sich eng aneinander drängende dieser gewaltigen Leiber, teils oberhalb der Wasseroberfläche, was mag in ihnen vorgehen, sehen sie keinen Ausweg, was mag sie antreiben, wir halten sie für intelligente Lebewesen, wir alle haben von ihren Gesängen gehört, mit denen sie sich über weite Entfernungen verständigen, und nein, wir verstehen sie nicht.

Annika lächelte. Der Mensch, sagte sie, müsse nicht alles verstehen, das Leben folgt eigenen Wegen.

Das sei atypisches Verhalten, habe man zuallererst konstatiert, sagte Farb, und habe nach Gründen gesucht, vielleicht daß sie erkrankt seien, ihr hochsensibles Orientierungsvermögen geschwächt, und weiter die bekannten Ursachen, der durch Menschen herbeigeführte Lärm unter der Wasseroberfläche, Verletzungen, Müll, erhöhte Temperatur etc.

Nur daß sie sich zuvor versammelt hätten, sagte Annika.

Sie hätten, meinst du, gewußt, was sie taten, fragte Farb, und daß der Mensch eingegriffen habe, sei keineswegs hilfreich gewesen.

Die Menschen vor Ort hätten das Leben retten wollen, der Mensch möchte immer Leben retten, er weiß nicht was er tut, sagte Annika, und ihnen sei es anfangs gelungen, knapp die Hälfte der Tiere wieder in den Ozean zurück zu drängen.

Das wird es sein, worüber Nahstoll sich so empört hat, sagte Farb, die Menschen hätten sich hineingedrängt in ein rituelles Handeln dieser Tiere: sie suchten gemeinsam den Tod, und der Mensch habe sich ungebeten eingemischt.

Und aus welchen Gründen sie den Tod gesucht hätten, fragte sich Annika, man wisse es nicht.

Tilman lächelte. Darüber, sagte er, könne man lange spekulieren, und ein naheliegender Grund sei, daß der Mensch möglicherweise ungewollt, aber trotzdem überaus gründlich die Lebensgrundlage auf diesem Planeten zerstört habe. Der Wal aber habe sich über Jahrtausende den Lebensbedingungen angepaßt, dem Menschen, jedenfalls dem Menschen der Moderne, sei das nicht gelungen.

Tilman griff zu einem Vanillekipferl.

Im übrigen, ergänzte er, der Mensch habe die Grindwale  nicht retten können, auch diejenigen, die er zunächst von der Küste in tieferes Wasser gedrängt habe, seien verendet.

Der Wal, sagte Farb, sei ein heiliges Wesen, sagt Ramses, und niemand maße sich bitte an, eingreifen zu wollen, weder in dessen Leben noch in dessen Sterben.

| WOLF SENFF

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Das läßt sich nicht abstreiten, sagte Tilman, sie finden uns einfach nur langweilig.

Sicher?

Tilman nickte, stand auf und schenkte Tee nach.

Sterbenslangweilig, bekräftigte er, und sie haben ja recht, niemanden drängt es nach dieser Spezies.

Aber unser Planet, wandte Anne ein, unser Planet ist ein Paradies.

Tilman lachte. Dieser Planet war einmal ein Paradies, sagte er, der Mensch ist für ihn eine Heimsuchung. Wir leben in den Tagen der Vertreibung, spottete er, und haben das selbst zu verantworten.

Der Mensch will das Leben genießen.

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Das Leben ist nicht, was es zu sein vorgibt.

Tilman rückte mit dem Sessel näher zum Couchtisch und suchte eine schmerzfreie Sitzhaltung einzunehmen.

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Farb warf einen Blick hinüber zum Gohliser Schlößchen, das unter blauem Himmel im milden Schein der Nachmittagssonne sanft glänzte. Er stand auf und zog die Terrassentür auf, es war ein angenehmer Apriltag, aber noch zu frisch, um draußen zu sitzen.

Es ist an der Zeit, auf die Bremse zu treten.

Schwierig. Wo willst du anfangen, Tilman?

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